Rap über Fußball – 2008 hat angerufen, sie wollen ihre Musik zurück

In den letzten Jahren ist Rap über Fußball im Mainstream angekommen. Viele Musiker zeigen offen, welche Clubs sie supporten und schreiben Songs über ihre Lieblingsspieler. Auch in der Fußball-Hochburg Pott ist diese Form von Musik gegenwärtig. Eine höchst subjektive Recherche über ein eigenartiges Sub-Genre.

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„Fußball-Rap“ ist eine themenbezogene Form der Rap-Musik, bei der sich die Texte hauptsächlich um den Ballsport drehen. Spieler, Emotionen, der eigene oder gegnerische Verein: Jeder Aspekt von Fußball wird musikalisch verwertet. (Defintion des Autors)


„Fußball ist, wenn Männer weinen“ so lautet das Sprichwort, das all die Fernsehbilder von in blau-weißer oder schwarz-gelber Montur gekleideter, hegemonialer Männlichkeit zusammenfasst. Bei ihnen perlen Liter an Tränenflüssigkeit die Wangen herunter, weil ihr Verein gerade einen Rückschlag verkraften musste. Nicht mal beim Tod ihrer Großmutter weinen diese Fans. Und damit sind explizit nur Männer gemeint.

Ort des Mythos: Die Tribüne
Foto: David Peters

Im Sub-Genre „Fußball-Rap“ schaffen es talentierte Dichter, diese diffusen Gefühle, diese Erlebnisse, ja diese wilden Abenteuer, in Reimen zu manifestieren und mit Musik zu untermalen. Mit dem Fußball als grobe und dem eigenen Verein als spezielle thematische Eingrenzung, bewegen sich die Rapper so tief im Nischensumpf, dass es an der Zeit ist die Musik genauer unter die Lupe zu nehmen.

Liebe, Leidenschaft, Fußball

Gerade im Ruhrgebiet ist Fußball allgegenwärtig, die Laune bestimmend und ein Strohhalm, an dem sich viele Menschen festhalten. So hat allein der Ruhrgebiets-Chefnostalgiker Frank Goosen mehrere Bücher mit der Kernaussage „Fußball ist wie eine Liebesbeziehung“ füllen können. Der Rap gibt ihm Recht. Ob bei Rappern wie Canun (Schalke 04), Choma (Rot Weiß Essen) oder Koolhy (VFL Bochum): Wörter wie Liebe, Leidenschaft, Emotion oder Mythos sind fest verwurzelt im Repertoire.

So singt Canun, offensichtlich war da Autotune noch nicht ein Ding, mit überwältigender Inbrunst: “Egal wie tief du fällst, du bleibst Schalke meine Liebe.” Währenddessen Choma in Essen ein paar Kilometer weiter: “Wir sind im Herz Rot-Weiß – uns bleibt keine Wahl.” Wenn Hass und Rivalität nicht auch ein Thema wären, könnten die Hausrapper der Vereine einen epischen Feature-Track aufnehmen.  

Eine „Tugend“ im Fußball-Rap steht besonders im Mittelpunkt: Arbeit. Im Sub-Genre bedeutet Fußball harte, sehr harte Arbeit. Das Ruhrgebiet arbeitet ohnehin ständig, genauer gesagt: es malocht. Selten findet man in Texten Zeilen über einen schönen Pass oder eine ausgeklügelte Taktik war, sondern es geht meist um einen lebenslangen Kampf oder eine Schlacht, mit Gewinnen und Verlusten. Um die Schlacht mit ihren Höhen und Tiefen angemessen nacherzählen zu können, bedienen Fußball-Rapper häufig einem roten Faden, die Chroniken des Kampfes:

*Erste Halbzeit Fight, dann Rote Karte, zweite Halbzeit noch härterer Fight, aber mit Regen, Tor in der letzten Minute, Sieg* – Zugegeben: Vom Spannungsbogen des musikalischen Spielberichts kann sich der Kicker einiges abschauen.

„Du kannst Kevin aus der Heimat, aber Kevin nicht die Heimat nehmen“

Ein weiteres Puzzleteil im Fußball-Rap, sind die Spieler oder um im Wortfeld zu bleiben: die Gladiatoren. Manche Spieler, die  besonders loyal gegenüber „ihrem“ Verein waren, bekommen musikalische Denkmäler gesetzt. „Fischkreutz“, eine Ode an Kevin Großkreutz des Dortmunder Rappers M.I.K.I, ist nur die Spitze des Eisbergs. Zeilen wie „Du kannst Kevin aus der Heimat, aber Kevin nicht die Heimat nehmen“ holen fußballbegeisterte Männer da ab, wo sie beim Singen der Nationalhymne die Hand drauflegen: Im Herz. Nur Max Giesinger schafft es sonst, derartige Gefühle zu vermitteln.

Zuallerletzt kommt noch ein Blick auf den Beat. Während Cloud-Rap und Trap den derzeitigen Musik-Mainstream prägen, herrscht im Fußball-Rap ein selbstgewählter Entwicklungsstop. Das Gebot lautet: Der Beat muss episch klingen! Klavier, ein Streichquartett aus der Dose, die großen Gefühle eben. Deswegen fühlt man sich beim Hören auch schnell ins Jahr 2008 zurückversetzt, als „Heavy Metal Playback“ von Bushido gerade die Album-Charts stürmte. Fast 15 Jahre später scheint der Fußball-Rap der Grahlshüter der Bushido-Type-Beats zu sein, die sonst bei Produzent:innen wie Bravo-Poster in den Mülleimer gewandert sind.

Fußball-Rap. Das sind ECHTE Emotionen von und für Männer, die Fußball über alles andere stellen. Musik, die aus der Zeit fällt, aber immer den ECHTEN Fans, aus dem Herzen gesprochen hat. Oder um es in Kevin Großkreutz Worten zu sagen: “Mein Fußball ist mehr als nur Maloche.”

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