„The most Drangsal record I could make” – Drangsal im Interview

Am 5. August spielt Drangsal zusammen mit Blond ein Konzert bei den Juicy Beats Park Sessions in Dortmund. STROBO hat mit dem Musiker über den Gig, sein neues Album „Exit Strategy“ und Ausbrechen aus sich selbst gesprochen.

STROBO: Max, dein neues Album „Exit Strategy“ erscheint am 27. August– woraus möchtest du damit ausbrechen?

Drangsal: Aus mir selbst. Aus allem, was mal war. Ich frag mich ganz doll, ob das überhaupt geht. Was ist, wenn man eine Exit Strategy aus dem bisherigen Ich sucht? Das klassische „Wer war ich? Wer bin ich jetzt? Und wer will ich sein?“. Ich hatte angenommen, dass mit 27 diese Identitätssuche, die ich vor zehn Jahren auf eine andere Art und Weise hatte, abgeschlossen wäre. Aber es scheint für immer so weiterzugehen. Vielleicht setze ich mir jetzt das Ziel, dass es mit 37 besser ist.

STROBO: Was waren die Auslöser dafür, dass du ausbrechen wolltest?
Drangsal: Älter werden, viel Zeit mit sich verbringen, ehrlich in den Spiegel zu blicken und sich dann zu fragen, ob man das alles so gut findet. Und dann, wenn es nicht so ist, sich ehrlich „Nein“ antworten zu können. Wenn man ehrlich auf sich selbst blickt, können ganz viele Risse entstehen. Und die können so tief gehen, dass man auseinanderfällt. Dann muss man sich wieder zusammenpuzzeln und fragen: Wie soll das neue Ich sein und welche Teile mag ich nicht? Das ist, wodurch ich die letzten zwei Jahre mental gegangen bin und immer noch durchgehe. Und das ist auch, was der Platte zugrunde liegt.

STROBO: Bei dir war es also ein ehrliches Nein?

Drangsal: Teilweise schon – das sind am Ende des Tages einfach Wachstumsschmerzen. Ich bin mit vielen Dingen nicht d’accord, aber ich kann ja nicht weg. Ich kann in der Versenkung verschwinden und hoffen, dass es niemand merkt und man mich irgendwann vergisst, aber das ist ja auch nicht die Idee.

 STROBO: Betrifft dieser Ausbruch deine vorherige Musik?

Drangsal: Man könnte das so lesen, wenn man das so lesen möchte. Ich bin die ganze Zeit mit nichts anderem beschäftigt als mit Drangsal und welche Musik Drangsal macht und wie sie klingt. Das liegt vor allem daran, dass ich Drangsal bin. Für mich wirkt es also gar nicht so strange, weil ich diese Entwicklung natürlich Millimeter für Millimeter und Tag für Tag erlebe. Und für mich war „Harieschaim“-Drangsal nie der Drangsal, den es für immer geben wird. Das, was passiert und was aus mir rauskommt, passiert und kommt aus mir raus. Aber ich habe jetzt nach der dritten Platte ein bisschen das Gefühl, dass es für immer musikalische Ausbrüche geben wird.

„Exit Strategie“ klingt sehr unsexy. Aber „Exit Strategy“ klingt nach Chrompolitur.

Drangsal

STROBO: Deine erste Singleauskopplung „Urlaub von mir“ handelt genau von diesem Gefühl sich lösen zu wollen und Abstand zu gewinnen. War der Song das Fundament von deinem Album?

Drangsal: Ne, tatsächlich nicht. „Urlaub von mir“ hat tatsächlich immer auf der Abschussliste gestanden. Der war mal in einer anderen Tonart, hatte einen komplett anderen Text und hieß „Traum im Traum“. Ich war fürchterlich von dem Song gelangweilt und fand ihn extrem öde. Aber Patrik Majer, der das Album produziert hat, hat den Song so ein bisschen aus der Versenkung geholt und für mich gerettet. Und ich fand einfach, der schlägt eine gute Brücke zwischen „Turmbau zu Babel“ auf „Zores“ und dem, wie die Platte jetzt ist. Deswegen war das die erste Single. Die ältesten Stücke auf „Exit Strategy“ sind „Mädchen sind die schönsten Jungs“ und „Ich bin nicht so schön wie du“. Die habe ich beide ganz kurz nachdem Zores rausgekommen ist, angefangen.

STROBO:Inside – Drangsal

Drangsal (bürgerlich Max Gruber), 27, ist ein deutscher Musiker aus Berlin. Aufgewachsen in Herxheim bei Landau in der Pfalz, hat er sich schon früh hat der Musik zugewandt. Er spielt Schlagzeug, Bass, Keyboard und Gitarre. Mit 18 ist Drangsal nach Berlin gezogen, wo er sein erstes Album „Harieschaim“ produziert hat. Nach Zores von 2018 veröffentlicht er mit „Exit Strategy“ 27. August sein drittes Album, für das er zum ersten Mal mit Produzenten Patrik Majer zusammengearbeitet hat. Zusammen mit Casper ist er außerdem Host des Podcasts „Mit Verachtung“.

STROBO: Dann schon unter dem Arbeitstitel „Exit Strategy“?

Drangsal: Ne, das Album hatte einige Titel. Bevor ich angefangen habe zu schreiben, hieß es einfach „Ja“ – das passte dann aber nicht mehr. Zwischenzeitlich hieß es mal „Komm raus“, was ich auch sehr schön finde. Mit „Exit Strategy“ wollte ich natürlich auch einen Gegensatz zu den zwei pfälzischen Titeln der beiden Alben davor kreieren, also musste der Titel englisch werden.

STROBO: Interessant ist an der Stelle aber ja auch, dass du dich von Album zu Album immer mehr vom Englischsprachigen wegbewegt hast. Das Album, was jetzt rauskommt ist ja komplett auf Deutsch.

Drangsal: Ich finde auch, dass Sprache nichts Exklusives ist. Ich kann einem Song auch einen russischen Titel geben, wenn es eine Begrifflichkeit ist, die ich verstehen kann und die einfach sehr passend ist. Und ich muss auch ehrlich sagen: „Exit Strategie“ klingt sehr unsexy. Aber „Exit Strategy“ klingt nach Chrompolitur.

„Nichts ist in Stein gemeißelt, vor allem nicht man selbst“

Drangsal

STROBO: Ein anderes Themenspektrum, das sich durch deine Arbeit zieht, ist das Thema Fluidität – so zum Beispiel ganz offensichtlich in „Mädchen sind die schönsten Jungs“, wo du über das Ausbrechen aus dem binären System sprichst, oder bei „Und du?“ auf deinem letzten Album „Zores“, in dem es um sexuelle Fluidität geht. Was bedeutet dir Fluidität?

Drangsal: Das wäre die Exit-Strategie, oder? Dass man immer nicht an etwas gebunden ist, außer man möchte an etwas gebunden sein. Ich möchte mir selbst, Max, auf allen Ebenen die Möglichkeit lassen, mich weiterzuentwickeln, mich anders zu entwickeln und auch zurückzutreten und etwas abzustreifen, was ich mir vorher angezogen habe. Und das auch ablehnen zu können. Und gerade „Mädchen sind die schönsten Jungs“ ist auch very much about identity. Der Song war mir einfach wichtig. Und Fluidität heißt auch: Lernen können und sagen können „Das was ich mache ist nicht perfekt. Und ich muss selbst noch lernen.“ Nichts ist in Stein gemeißelt, vor allem nicht man selbst.

STROBO: Also Fluidität im ursprünglichsten Sinne des Fließenden.

Drangsal: Genau, im Sinne von Fluss. Fluss find ich schön, denn es bedeutet Bewegung. Und Bewegung ist das Gegenteil von Stillstand. Und Herbert Grönemeyer hat mal gesagt Stillstand sei der Tod.

STROBO: Was für Rückmeldungen hast du auf den Song bekommen?

Drangsal: Jede Art, die es gibt: die absolute überschwängliche positive Reaktion, Kritik, harsche Kritik, Androhungen physischer Gewalt – the whole spectrum, aber daran sieht man einfach nur, dass das ein Thema ist, dass den Leuten irgendwie aufstößt, was wichtig ist. Aber selbst, wenn sich nur eine Person verstanden oder gehört fühlt, hat sich das alles schon gelohnt. Ich finde es ist wichtig, Menschen einen Denkanstoß zu geben.

STROBO: Auf deinem Album ist der noch unveröffentlichte Song „Ein Lied geht nie kaputt“. Wenn alles zu Bruch geht, welcher Song hilft dir da?

Drangsal: Nachdem meine Oma kürzlich gestorben ist, habe ich als allererstes ihren Lieblingssong gehört, und den höre ich gerade immer noch ganz viel. Das ist von Udo Jürgens „Ein ehrenwertes Haus“. Die Person ist zwar nicht mehr physisch da, aber was bleibt, ist eine Erinnerung, die bei mir wieder zwangsläufig an Musik geknüpft ist. Das ist einfach meine sehr persönliche Denke, Situationen mit Musik zu verknüpfen. Ich habe Songs für alle Lebenslagen und Lebenslagen für alle Songs.

Und „Ein Lied geht nie kaputt“ ist eher so ein generelles Statement wie: „Egal was passiert, die Musik ist immer da“. So viel verändert sich im Leben: Dinge gehen weg, Dinge sterben, Dinge gehen kaputt. Aber „Hybrid Moments“ von den Misfits klingt seit 1978 haargenau gleich und das finde ich spitze. „Ich liebe Musik“ hätte der Song auch heißen können – aber ist halt auch nicht so geil (lacht).

STROBO: Bislang sind mit „Urlaub von mir“, „Mädchen sind die schönsten Jungs“ und „Liedrian“ drei Singleauskopplungen erschienen. Was erwartet uns beim Rest?

Drangsal: Alles. „Exit Strategy“ ist auf eine Art the most Drangsal record I could make. Das Album ist musikalisch extrem divers. Da ist sehr viel Postpunk-Drangsal drauf, da ist aber auch Country-Drangsal drauf und auch ein bisschen Industrial-Drangsal. Ich glaube es sind auch viele Songs drauf, die fürchterlich gut live funktionieren.

STROBO: Wo wir beim Thema wären: Du spielst am 6. August in Dortmund bei den Juicy Beats Park Sessions – wirst du hier auch unveröffentlichte Songs von deinem neuen Album spielen?

Drangsal: Sehr viel. Wir spielen hauptsächlich Songs von „Exit Strategy“ und auch viele, die noch nicht draußen sind – mindestens drei. Wir sind seit Monaten am Proben – wir haben einen riesigen schönen Glitzervorhang im Gepäck und feuerrosarote Gitarren, und ich habe super Bock wieder zu spielen, weil es super lange her ist und I can’t fucking wait. Außerdem gibt es ein neues Kostüm für mich.

STROBO: Wie wird das aussehen?

Drangsal: Teuflisch.  

STROBO: Du warst schon häufiger im Ruhrgebiet auf Tour – was verbindest du mit dem Publikum hier?

Drangsal: Das ist immer das wohlwollendste, ausgelassenste und feierwütigste Publikum. Die Leute sind lieb, die Leute sind cool, die Leute haben Bock, und es ist überhaupt nicht verkrampft. Man muss die Menschen im Ruhrgebiet überhaupt nicht warmspielen – die sind direkt am Start. Und ich hoffe und glaube auch, dass selbst Corona das nicht töten konnte.

STROBO: Du trittst in Dortmund nicht nur allein auf, sondern zusammen mit Blond…

Drangsal: Ja, ich liebe sie!

STROBO: Was verbindet euch musikalisch?

Drangsal: Ich würde nicht sagen, dass uns musikalisch was verbindet. Ich habe auf dem Song „Sanifair Millionär CYPHER“ gesungen, wo ich der Einzige bin, der nicht rappt. Ich bewundere Blond einfach. Stell dir vor, du bist blind und tourst trotzdem mit einer Band – wie geil ist das? More power to that guy. Und die beiden Frontgirls sind einfach Stars. Das kannst du nicht lernen, das bist du entweder oder du bist es nicht. Und ich kenne keine zweite Band wie Blond. Die sind einfach eine einmalige Erscheinung – mindestens in der hiesigen Musiklandschaft.

STROBO: Du hast es vorhin schon gesagt: Du bist ein großer Musikfan. Was wäre ein Konzert, dass du dir jetzt gerne geben würdest?

Drangsal: Zweimal ist jetzt ein Konzert von Shellac verschoben worden. Die habe ich noch nie live gesehen und liebe ich total. Please let me go! Und ich habe total Lust, nochmal Turnstile zu sehen. Ey, I dont give a fuck, ich will einfach Bands wieder live sehen- Ich will einfach ohrenbetäubend laute Musik hören, draußen und mit anderen Leuten zusammen – that’s all.

Weitere Informationen: Drangsal und Blond bei den Juicy Beats Park Sessions

Das Konzert von Drangsal und Blond findet am Donnerstag, 5. August, um 20 Uhr im Westfalenpark Dortmund im Rahmen der Juicy Beats Park Sessions statt. Karten kosten 33,45 Euro und sind auf der Seite der Juicy Beats Park Sessions erhältlich.

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