“Ich muss nicht der nächste Ty Dolla $ign werden”: Produzent und Sänger Babatell im Porträt

Innerhalb von zwei Jahren hat der in Hamm aufgewachsene Musiker Babatell Produzieren gelernt. Nun veröffentlicht er am 24.4. seine zweite EP. Dabei verlässt er das reine Produzenten-Dasein und zeigt eine Bandbreite zwischen Dance, Trap und R’n’B. Wir haben ihn in seinem Dortmunder Studio getroffen.

Draußen tritt die Abenddämmerung ein und es fühlt sich an, als würde man in die Dunkelheit hinabsteigen, so spärlich beleuchtet ist der in einem Dortmunder Hinterhof gelegene Raum. Zusammen mit seinem besten Freund und Fotografen Nico Kramer teilt sich der gebürtige Berliner Babatell das Studio. Während er dort Musik aufnimmt, produziert und mixt – ganz gleich, ob seine eigene oder Projekte von anderen Künstler:innen – entstehen im gleichen Raum auch Cover und Musikvideos.

Gemeinsam wollen Babatell und sein Freund den Durchbruch in der Musikbranche schaffen. Umzingelt von alten Ledersofas, steht links vom LED-verzierten Studiotisch mit Laptop und Boxen die Gitarre, rechts davon ein Keyboard. In einer Ecke wurde provisorisch eine Kabine für den Gesang gebaut. Aus einem kleinen Getränkekühlschrank holt er eine Flasche Ginger Ale.

Babatell ist groß und sportlich gebaut. Wie auf dem Cover von seiner Single „Can’t get enough“ trägt er einen Ledermantel und eine schwarze Beanie, die fast schon wie sein Markenzeichen herüberkommen. Während sein Arm über das in die Jahre gekommene Ledersofa lehnt, spricht Babatell davon, sich in der Musikindustrie ein Standbein aufbauen oder sich mit internationalen Künstler:innen connecten zu wollen.

Vom Produzenten zum Allround-Talent

Das mag zwar größenwahnsinnig klingen. Allerdings weiß Babatell aber, dass Erfolg mit Musik mehr bedingt als nur ein guter Song. „Ich würde nicht so selbstbewusst hinter diesem Karriereweg stehen, wenn ich mich nicht grundlegend mit der Frage auseinander gesetzt hätte, was es bedeutet, ein Musiker zu sein: Ich muss nicht der nächste Ty Dolla $ign werden, aber ich will mich noch ganz lange mit dieser kreativen Welt und der Musik auseinandersetzen.“ 

Nachdem er schon die Singleauskopplungen „Be Your Man” und „Honestly“ veröffentlicht hat, wird am 24. April das „DARK MONTHS“-Tape erscheinen. Auf dem bewegt er sich weg vom Dasein als reiner Produzent weg und hin zum Allround-Talent: Sphärischer RNB mit verhallter Stimme im Stil von Künstlern wie dvsn oder Ty Dolla $ign, mal kalt und melancholisch, mal weicher und wärmer.

„Wenn ich Leute mit meiner Musik catchen will, dann ist es wichtiger, dass sich die Stimme auf dem Beat gut anhört, als der Inhalt an sich.“

Thematisch sind die einzelnen Songs durch einen Oberbegriff miteinander verbunden: „Dark Months repräsentieren die dunklen Zeiten in einer Beziehung.Wenn man mit Liebe konfrontiert ist, taucht man in unterschiedliche, oft extreme Gefühlswelten ein. Diese wollte ich in den Songs aufgreifen und festhalten.“ Dass er generell auch als Vocalist in Erscheinung tritt, war anfangs nicht geplant. Er habe aber realisiert, dass ihm das Singen Spaß mache, obwohl er zugibt, lieber nur Refrains zu schreiben. Alles andere entstehe eher aus der Inspiration heraus. Daher spricht aus Babatell mehr ein Produzent als ein Sänger: „Der Beat macht extrem viel von einem Song aus. Wenn ich Leute mit meiner Musik catchen will, dann ist es wichtiger, dass sich die Stimme auf dem Beat gut anhört, als der Inhalt an sich.“

Internationalen Raum erobern

Der Schritt, die Musik mit englischen Texten zu veröffentlichen, war dabei bewusst gewählt, obwohl vor allem in Deutschland Newcomer:innen mit englischsprachiger Musik vor größeren Hürden stehen. Gründe dafür gibt es mehrere: 

Zunächst gelinge es ihm besser mit englischer Sprache, seinen Vibe herüberzubringen, erklärt er. Hinzu käme der Einfluss seiner Mutter, die in seiner Kindheit viel den amerikanischen RNB der 80er und 90er hörte. Und zuletzt hat er den Anspruch, in den internationalen Raum zu kommen und über Grenzen hinweg verstanden zu werden. Dafür sitzt er mehrmals die Woche im Studio, produziert, mixt und schreibt Texte.

Eigentlich hatte der 25-Jährige den renovierungsbedürftigen Raum angemietet, um nach dem Ingenieurstudium eine eigene Schuhkollektion und eigene Sohlen zu entwerfen. Doch als sich herausstellte, dass die Idee größer war als das Budget, stellte er eben seinen Lebensentwurf um. Seine Liebe zum Musik machen hatte er ohnehin zum Ende des Studiums neu entdeckt. „Nach dem Auslandssemester in Kalifornien habe ich neue Freunde kennengelernt, worunter auch viele Produzenten und Rapper waren. Allein schon der Lifestyle hat mich inspiriert und das Feuer in mir erneut entfacht.“ Das war im Frühjahr 2019.

„Mir geht’s mehr um die Musik selbst, als um das schlussendliche Produkt, was ich dann verkaufen kann.“

Zwei Jahre später wird Babatell mit „DARK MONTHS“ bereits seine zweite EP herausgebracht haben. Bei seiner 2020 releasten „Rooms“-EP bediente er sich noch an Lounge, House und Deephouse-Elementen, die im Gesamten seinem Vorbild, dem kanadischen House-Produzenten KAYTRANADA ähnlich sind. Dabei kommt “Rooms” ganz ohne seine Stimme aus: „Mit Rooms wollte ich meine Idee von tanzbarer Musik umsetzen.“

Nicht auf eine Genre festgelegt

Foto: Nico Kramer

Letztlich ging es darum, verschiedene Rhythmen zu kreieren, die zwar zum Konzept passen, aber in sich sehr unterschiedlich sind“, erklärt er retrospektiv. Trotz des Dance-Charakters ist die EP musikalisch vielfältig. Wenn Babatell am Rande erwähnt, dass er als Kind Klavier-, Gitarren- und Saxophonunterricht hatte, hört man das beispielsweise im Track „No. 110“ an der einprägsamen Soul-Partitur heraus.

Anfangs habe er sich mit seiner Musik noch isoliert und kaum getraut, sie seinen engsten Freunden zu zeigen, ohne Angst vor dem Feedback zu haben. Mittlerweile hat er das nötige Selbstvertrauen. Babatell weiß, was er kann und will sich noch mehr als facettenreicher Künstler präsentieren.

Seine bisherigen Releases beweisen, dass er auch in Zukunft nicht auf ein Genre festgeschrieben werden möchte: „Es zeugt für mich von künstlerischem Talent, wenn ein Künstler nicht nur einen Grind fährt, sondern gefühlvolle genauso wie tanzbare Songs bringen kann. Ich will alles mal zeigen.“ Darum sieht er es auch als Freiheit, seine Musik selbst produzieren zu können und nicht zwangsläufig auf andere Musiker:innen angewiesen zu sein. 

Auch wenn er schon über den Lifestyle eines Musikers spricht, macht Musik ihn in erster Linie glücklich. „Mir geht’s mehr um die Musik selbst, als um das schlussendliche Produkt, was ich dann verkaufen kann. Dabei geht es nicht um die Leute, die meine Musik nicht mögen, sondern ausschließlich um die, die sie mögen.“ Er ist sich sicher, dass der Tag des Erfolgs irgendwann kommen wird,  „egal ob in 3,5 oder 7 Jahren.”

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