Warum ich gar keinen Bock mehr auf Zoom-Interviews habe

STROBO-Redakteurin Anastasia vermisst die Zeiten von echten Interviews. In Jogginghose vor dem Laptop zu sitzen hat für sie schon lange seinen Charme verloren. Wie es war, nach dem kalten Corona-Winter mal wieder zum Interview rauszugehen, erzählt sie in STROBO:Insights.

„Diese Sitzung wird aufgenommen“ tönt es blechern durch meine Küche. Mein Gegenüber erschreckt sich, Videokonferenzen sind alle gewöhnt, doch diese penetrant laute Stimme, die netterweise auf die Aufnahme aufmerksam macht, ist für viele neu.

Von Interviews aus dem Bett bis hin zu Leuten, die business casual im Büro sitzen – fast alles habe ich über das Corona-Jahr schon gesehen. Ich selbst sitze in meiner Küche. Die verkabelte, metallene Rückseite meiner Mikrowelle ist zwar nicht der beste Hintergrund, doch bevor ich einer dieser Zoom-Hintergründe nutze, die den Raum verschwimmen lassen, bleibe ich bei dem staubigen Küchengerät, das hinter meinem Kopf thront.

Notizen und Panik

Exklusive Einblicke in das Zoom-Setup von STROBO-Redakteurin Anastasia. Foto: privat.

Zoom-Interviews. Eine richtige Hass-Liebe. Einerseits spart man sich die Anfahrt und das Kopfzerbrechen über den perfekten Interviewort. Wo ist es leise und entspannt? Gibt es einen Tisch oder muss ich unentspannt meinen Block auf meine Knie drücken, um mitzuschreiben? Oder noch schlimmer: Man unterhält sich im Stehen und muss den Block mit festem Handgelenk in einer Schwebe halten.

Während man mitschreibt und interessiert nickt, fragt man sich panisch: Werde ich später diesen krakeligen Stichpunkt noch entziffern können oder verlasse ich mich ab jetzt vollkommen auf mein löchriges Gedächtnis? Da ist das aufgenommene Audiomaterial bei der Videokonferenz deutlich bequemer. Andererseits vermisse ich das persönliche Gespräch immer mehr.  

Tragen wir beide Schlafanzughosen?

All das schwirrt in meinem Kopf herum, während ich die erste Frage stelle. Mein Gegenüber setzt an, um zu antworten, doch nach wenigen Sekunden hängt das Bild. Ich seufze und schaue auf meine alte Jogginghose herab. „Ob er auch seine Schlafanzughose trägt?”, frage ich mich, und vermisse die unangenehmen Pausen, die manchmal in echten Interviews entstehen. Echt nicht, weil in Zoom-Interviews andauernd gelogen wird oder sie außer des schrecklichen verschwommenen Hintergrunds fake sind. Echt weil so vieles an einem vorbeigeht, wenn man sich nicht persönlich sehen und reden kann:

Ich vermisste das echte Interview so sehr, dass ich mich letztens dafür entschieden habe, mich mit einem Protagonisten, der um die Ecke wohnt, persönlich zu treffen. Natürlich mit Maske im Freien und mit allen Schutzmaßnahmen, die uns Jens Spahn seit Monaten Mantra mäßig vorbetet.

Lockere Gespräche vor der Tür

Ich würde gern lügen und sagen, dass Zoom-Meetings im Vergleich gar nicht so schlecht seien. Doch das wäre nicht die Wahrheit. Ich hatte vergessen, wie großartig es ist, ein lockeres Gespräch zu führen, ganz ohne Zeitverzögerung und krisseliges Bild. Wir haben gelacht, die Antworten waren überlegt und ausführlich und ich hatte, zum Glück, auch einen Tisch vor mir zum Schreiben. 

Ich weiß, dass wir in der jetzigen Situation erstmal wieder die Webcam auspacken und uns mit Jogginghose vor den Laptop setzen müssen. Doch ich freue mich schon darauf, hoffentlich bald wieder mehr Menschen persönlich zu treffen, und über ihre Leidenschaft zu berichten. Bis dahin trifft man mich in Zoom-Calls, vielleicht sogar mit verschwommener Mikrowelle im Hintergrund. 

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