Vom Pott nach Mailand – Modedesignerin Leonie Weigelt im Interview

Die Modedesignerin Leonie Weigelt kommt gebürtig aus Schwerte-Ergste. Mittlerweile tourt sie durch die Welt. Warum die Menschen im Pott nicht modebewusst unterwegs sind und was ein absolutes Fashion-Desaster ist, erzählt sie im STROBO: Talk.

STROBO: Leonie, du studierst Modedesign am Fashion Design Institut in Düsseldorf und durftest deine Uni bei der Mailänder Fashionweek repräsentieren. Wie fühlt es sich an bei einer der gefragtesten Fashion-Weeks dabei zu sein?

Leonie: Es war einfach unfassbar krass, vor allem weil ich zu dem Zeitpunkt in 2019 erst im zweiten Semester war – also schon unglaublich früh. Ich fand es auch heftig, dass man auf der Fashionweek direkt mit einem Promi assoziiert wird. Es war ein komisches Gefühl, auf einmal so viele Kameras auf sich gerichtet zu haben. Witzig ist auch, wie viele Stars man dort trifft. Ich hab zum Beispiel die Vogue Chefin Anna Wintour getroffen. In dem Moment, als dann die Musik anging und die ersten Models den Laufsteg betreten haben, hatte ich echt Gänsehaut.

Foto: Natalie Tanus.

STROBO: Nach vielen Bemühungen, hattest du zusammen mit einer Freundin Anfang 2020 auch die Chance, eure eigene Kollektion auf der Pariser Fashionweek zu präsentieren. Wie konntet ihr die Veranstalter:innen dazu überzeugen, euch einzuladen?

Leonie: Vor allem mit Mut, Selbstbewusstsein und Ehrgeiz. Eigentlich werden da hauptsächlich Labels und ‚fertige‘ Designer:innen eingeladen. Wir haben aber einfach mal die Veranstalterin angerufen und letztendlich mit dem Argument überzeugt, dass es super spannend sein kann, auch mal Arbeiten von Designer:innen zu sehen, die noch ganz am Anfang stehen. Generell war das einfach die geilste Erfahrung überhaupt.

STROBO: War Modedesignerin zu werden immer dein Traum?

Leonie: Klares ja! Obwohl nicht so ganz. Ich habe als Kind immer gesagt, dass ich gerne Chefin werden möchte (lacht). Das passt aber ganz gut, denn ich möchte auch in der Modebranche das Beste erreichen und ganz nach oben. Um dorthin zu kommen, unterstützen mich meine Eltern und mein Bruder, wo es nur geht. Ich bin ihnen unendlich dankbar, dass sie es mir ermöglichen, meinen Traum zu leben.

STROBO: Inside

Leonie Weigelt ist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Seit 2018 studiert sie am Fashion Design Institut in Düsseldorf. Sie hat schon sehr früh die Leidenschaft für das kreative Arbeiten entwickelt, viel gemalt und gebastelt. Zu ihrem fünften Geburtstag hat sie sich eine Nähmaschine gewünscht und hat damit den Grundstein für ihre Leidenschaft für Mode gelegt.

STROBO: Nächstes Jahr wirst du dein Studium am Fashion Design Institut Düsseldorf mit Diplom abschließen. Was war dein Highlight des Studiums?

Leonie: Mein Pflichtpraktikum, das ich hier gerade in Paris bei AZ Factory mache. Praktisch zu arbeiten ist noch einmal was ganz anderes, als nur die theoretischen Grundlagen zu lernen. Hier lerne ich jeden Tag so viel Neues und meine Liebe für Mode wächst durch die praktische Arbeit immer mehr.

STROBO: Welche Modedesigner:innen inspirieren dich bei deiner Arbeit?

Leonie: Das sind viele! Alber Elbaz zum Beispiel sah die Frau im Fokus und dachte super menschlich, weil er einfach total auf dem Boden geblieben ist. Auch Designer wie Lee Alexander McQueen oder Elsa Schiaparelli inspirieren mich sehr. Es ist schade, wie viele großartige Designer und Legenden schon verstorben sind. Inspirierende Designer der heutigen Zeit sind für mich beispielsweise John Galliano, Tom Ford, Alessandro Michele oder Donatella Versace.

STROBO: Für wen designst du deine Kleider? 

Leonie: Meiner Meinung nach muss ein Designer nicht den einen bestimmten Kunden bedienen. Ich finde es viel schöner und wichtiger, dass meine Mode ausdrucksstark ist und gut sitzt. Deswegen sage ich generell immer: Jeder der Fashion liebt, ist bei mir herzlich willkommen. Ich möchte, dass meine Kund:innen sich durch meine Kleidung in ihrer Haut wohlfühlen. Das ist mir das wichtigste Anliegen. Mit meiner Mode möchte ich zeigen, dass jeder Körpertyp die passende Klamotte für sich finden kann. Außerdem finde ich, dass wir heutzutage in einem Zeitalter sind, in dem nicht mehr vorgeschrieben werden sollte, welche Kleidung nur für Männer oder Frauen bestimmt ist. Deshalb designe ich auch gerne Pieces die unisex sind, auch wenn ich größtenteils für Frauen designe.

STROBO:Inside – Leonie Weigelt

Nach ihrem Abschluss will Leonie weiterhin als Freelancerin arbeiten. Bezogen auf Fashion, baut sie gerade gemeinsam mit einer Kommilitonin ein eigenes Projekt auf. Erste Einblicke dazu, gibt es bereits auf dem dazugehörigen, neuen Instagram-Kanal visionariesoftomorrow

STROBO: Dir sind eine faire Bezahlung und der Erhalt des traditionellen Handwerks in der Fashion-Industrie wichtig. Warum?

Leonie: Wir sollten traditionelles Handwerk aus anderen Ländern unterstützen, wie beispielsweise aus Peru. Dort arbeiten sie noch viel mit aufwendigen Bestickungen. Diese Art der authentischen, ursprünglichen Fashion aus aller Welt inspiriert mich auch bei meiner Arbeit. Zum Thema faire Bezahlung: Im Kopf der Menschen sollte endlich ankommen, dass Mode seinen Preis hat. Durch Massenproduktionen werden teilweise T-Shirts für drei Euro verkauft. Dass da weder der Designer, noch der Lieferant, noch der Produzent von leben können, ist offensichtlich. Daher achte ich immer darauf, mit wem ich zusammenarbeite, was dessen Mindset in Sachen fairer Produktion ist, woher ich beispielsweise meine Stoffe nehme und ob der ‚Weg’ von A-Z fair verläuft.

Foto: Natalie Tanus

STROBO: Du als Mode-Spezialistin kannst uns doch sicherlich verraten: Was darf in keinem Kleiderschrank fehlen und was sind absolute Fashion-Desaster?

Leonie: Mittlerweile gibt es schon so abstrakte Dinge, die Menschen tragen, dass ich mich frage: Gibt es überhaupt noch Fashion-Desaster? (lacht) Ich würde behaupten, dass beim Kombinieren von Kleidungsstücken verschiedener Farben, Formen und Muster Schwierigkeiten auftreten können und schnell in einem Fashion-Desaster enden können.  Oder eben, wenn ein Kleidungsstück ganz offensichtlich von der Größe her nicht richtig sitzt. Als absolute Must Haves bezeichne ich Basics und hochwertigen Schmuck. Die Basics sollten perfekt passen und von guter Qualität sein. Denn Basics sind einfach die Grundlage für jeden guten Look. Und mit Accessoires und vor allem hochwertigem Schmuck kann man einfach aus jedem Outfit noch mehr rausholen.

STROBO: Du bist in Dortmund zur Schule gegangen. Dortmund ist nicht unbedingt als Fashion-Hauptstadt bekannt. Wie würdest du den Style dort beschreiben?

Leonie: Generell geht der Dortmunder Style so in die Richtung sportlich, praktisch, casual, teils sehr konservativ aber auch sportlich-schick. Viel Streetstyle, lockere und nicht krass auffällige oder extravagante Looks. Es kommt aber auch auf den jeweiligen Stadtteil oder das Viertel an. Wie in fast jeder großen Stadt.

STROBO: Wie du gerade schon erwähnt hast, machst du momentan ein Praktikum in Paris.  Wie unterscheidet sich die Fashion im Pott zu der in der französischen Mode-Hauptstadt?

Leonie: Paris wird nicht umsonst als Mode-Hauptstadt betitelt. Hier sind einfach extrem viele modebewusste Menschen unterwegs, die sich trauen, mehr aus der Mode rauszuholen. Im Pott habe ich das Gefühl, dass da leider so ein Klischee besteht: hier bitte nicht extravagant. Und das finde ich schade.

STROBO: Wäre es für dich eine Möglichkeit, im Pott als Modedesignerin durchzustarten? 

Leonie: Für mich selbst wird es nach dem Abschluss nach Kalifornien gehen. Ich finde es aber cool, wenn Menschen auch in nicht modetypischen Städten versuchen, mit Fashion durchzustarten. Dafür muss man sich aber natürlich mit der Stadt selbst im Reinen sein, beziehungsweise sich damit identifizieren können. Ich selbst kann mir ein zukünftiges Leben im Pott nicht vorstellen. Es wird immer mein Zuhause sein, meine Herkunft, dort wo ich aufgewachsen bin – aber ich brauche die große weite Welt. Aber für jeden der vorhat im Pott als Designer:in durchzustarten: Go for it! Ich meine wie cool wäre es denn wenn auf der Kleidung stehen würde ‚made and designed in Dortmund.‘

Bock auf mehr STROBO? Lest hier Ausstellung „hello again“ im Dortmunder U lässt uns wieder in die Clubs.

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