Vulva, Vulva, Vulva: „Der Ursprung der Welt“ zeigt Feminismus im Theater Castrop-Rauxel

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Das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel bringt mit Liv Strömquists „Der Ursprung der Welt“ einen feministischen Stoff aus die Bühne. Heute feiert das Stück unter Regie von Anne Noack Premiere. Warum der Stoff eine Bereicherung ist und wie Strömquists Comicwelt die Theaterbühne erobern kann, hat Noack STROBO im Gespräch verraten.

STROBO: Liv Strömquists Comic Der Ursprung der Welt“ handelt von der Mystifizierung und Tabuisierung des weiblichen Geschlechtsorgans in der Kulturgeschichte. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, euch mit diesem Stoff zu beschäftigen?

Anne Noack: Nachdem der Vorschlag der Dramaturgie kam, habe ich mich sofort auf „Der Ursprung der Welt“ gestürzt. Ich kannte die Comics vorher tatsächlich nicht, aber ich hatte gehört, dass es um das weibliche Geschlecht, Menstruation und Feminismus geht, da habe ich sofort gesagt: Das finde ich gut, das mache ich. Dennoch muss ich sagen, dass es direkt zu Beginn auch Skepsis gegenüber dem Thema gab, sodass das Stück so vielleicht gar nicht erst in den Spielplan aufgenommen worden wäre, wenn das Landestheaterbüro nicht gesagt hätte: Das Stück ist toll! Das kriegen wir vermarktet.

STROBO: Strömquist setzt mit ihren Zeichnungen feministische Statements: Auf ein Ende der Menstruationsscham und ein Hoch auf den weiblichen Orgasmus! Wie lassen sich ihre Statements auf die Theaterbühne bringen?

Anne: Ich bin erstmal in eine intensive Recherche gegangen, um eine eigene Stückfassung zu schreiben. Dann ist in Zusammenarbeit mit meiner Ausstatterin Rabea Stadthaus das Setting entstanden: Eine Schülerin und ihre Lehrerin sind in einer Ausstellung und da hängt der Ursprung der Welt. So wollte ich auch das Publikum abholen. Bei einem unangenehm berührten Aufklärungsversuch der Lehrerin schaltet sich V, – das ist für mich die Stimme von Liv Strömquist, – ein, hilft den beiden und zieht sie schließlich in die Comicwelt hinein. 

STROBO:Inside – Liv Strömquist und Termine

Liv Strömquist, feministische Comicautorin, ist für ihre humoristisch-knalligen Comics bekannt, die randvoll sind mit Wissen über den weiblichen Körper. „Der Ursprung der Welt“ ist 2014 erschienen und thematisiert die kulturgeschichtlichen Hintergründe der Vulva. Anne Noacks Bühnenfassung feiert am 13.02.22 im Westfälischen Landestheater e.V. in Castrop-Rauxel Premiere. Alle Aufführungstermine findet ihr hier.

STROBO: Was findest du an ihren Comics besonders interessant?

Anne: Ich finde die Art toll, wie sie mit den feministischen Themen umgeht: So lustig und locker, Wissen in kurzen Schnipseln! Ich bin jetzt 38 und kenne auch noch die früheren Feministinnen rund um Alice Schwarzer. Mit Strömquists Comic habe ich so richtig gemerkt, dass Feminismus auch humorvoll und ohne Wertung wie „Die bösen, bösen Männer!” sein kann. 

STROBO: Strömquist kombiniert Humor und Wissensvermittlung. Welche Ziele hattest du für deine Inszenierung?

Anne: Enttabuisierung ist für mich ein entscheidendes Ziel, wie auch für Strömquist. Dafür müssen bestimmte Begrifflichkeiten auch einfach mal auf der Bühne benannt und behandelt werden. Ich denke, wenn man etwas ganz oft sieht und ganz oft hört, wird es irgendwann nicht mehr komisch. „Aus Versehen normal“ sozusagen – durch die Gewöhnung wird es weniger fremd. Das möchte ich ohne Belehrung oder Bewertung und mit Mitteln der Unterhaltung erlebbar machen. Dabei war es mir wichtig, dass auch immer wieder das Wort Vulva fällt. Anfangs hatte ich überlegt das in einer Rhythmusmaschine im Chor darzustellen, was ich dann allerdings wieder verworfen habe. Nun arbeiten wir viel mit Musik, dem Raum und den Kostümen.

STROBO: Ist „Der Ursprung der Welt“ nur ein Stück für Besucherinnen?

Anne: Definitiv nicht. Auch fürJungs kann ich mir vorstellen, dass es cool ist, über Mädchen Bescheid zu wissen, ohne die Mutter, Schwester oder zukünftige Freundin befragen zu müssen. Das nimmt ja auch Angst und normalisiert den Umgang mit dem anderen Geschlecht: Es ist etwas ganz Normales.

STROBO: Vor welche Herausforderungen hat euch diese Adaption gestellt?

Anne: Eine große Gefahr war, in eine Art „Erklärbär-Ton“ zu verfallen. Die Stimme V zieht ja die Lehrerin und die Schülerin in den Comic und beginnt mit ihren Erläuterungen, auf die die anderen Schauspielerinnen größtenteils nur mit „Achso“ oder „Mh, gut“ reagieren können. Das trägt sich natürlich keine zehn Minuten und dann wird es langweilig. Solche Szenen spielerisch umzusetzen, war echt eine Herausforderung. 

STROBO: Wie wichtig ist es für Theater, politisch zu sein? 

Anne: Theater sollte eine politische Message haben. Das muss sich aber nicht mit dem Unterhaltungs-Gedanken ausschließen. Bei „Der Ursprung der Welt“ hoffe ich, dass die Besucher:innen aus dem Stück gehen und sagen: „Das war cool! Worum genau ging es nochmal? Ich weiß es nicht mehr so genau, aber es war cool.“ Das heißt, natürlich sollen sie Informationen und eine Aussage mitnehmen, aber diese nicht reingedrückt bekommen oder das Gefühl haben belehrt zu werden.

STROBO: Inwiefern ist Feminismus für die Theaterwelt relevant?

Anne: Das ist lustig, da haben wir heute noch drüber gesprochen. Seitdem ich das Stück mache, merke ich, dass einfach der Bedarf von allen Seiten sehr groß ist, darüber zu sprechen. Also zu klären, dass Feminismus nicht bedeutet, dass man gegen Männer ist. Sondern, dass das etwas ist, was jede:r haben sollte. Feminismus ist sozusagen pro Mensch. Blickt man auf die Strukturen am Theater wird der Bedarf klar: Wir haben mehr männliche, als weibliche Schauspieler:innen in den Ensembles. Auch die Technik und die Chefetage sind vorwiegend männlich besetzt und ich finde da gehört auf jeden Fall einiges geändert. Daher brauchen wir Feminismus überall – und der muss auch gar nicht so brachial daherkommen.

STROBO: Warum sollten junge Menschen die Inszenierung sehen?

Anne: Weil all diese Themen ja etwas ganz Natürliches sind und nicht versteckt gehören. Wenn man sich als junges Mädchen vielleicht nicht traut über Menstruation oder das eigene Geschlecht zu sprechen, kann es helfen diese Dinge einfach mal stattfinden zu lassen. In diesem Fall auf einer Theaterbühne. Ich habe auch bei der Vorbereitung und beim Lesen des Comics einiges dazugelernt! Ich bin auch noch mit Bezeichnungen wie Scheide und Vagina aufgewachsen und das ist einfach falsch. Das war mir nicht klar, aber ist einfach super wichtig zu wissen.

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