Warum #deutschrapmetoo zeigt, was alles im Genre schiefläuft

#deutschrapmetoo wird immer lauter. Online erzählen Frauen von ihren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in der Rapwelt. Nicht nur dadurch wird klar: Deutschrap hat Probleme. Es ist wichtig, diese aufzuarbeiten – auch als Fan des Genres, findet STROBO:Redakteurin Leonie.

Wenn ich auf meine frühsten Kindheitserinnerungen zurückblicke, haben viele mit Rap und HipHop zu tun – vor allem mit Deutschrap. Das ging so weit, dass mit vier Jahren mein Traumjob nicht Prinzessin oder Lehrerin war. Ich wollte Rapperin werden. Das hat sich mit der Zeit geändert, meine Liebe zum Genre ist allerdings geblieben.

Seit ich denken kann, liebe ich Deutschrap. Und damit bin ich als Frau zumindest in meinem direkten Umfeld immer noch vor allem eins: ziemlich allein. Ich war mit Freundinnen auf keinem Konzert, das textlich krasser war als Casper, während ich mit einigen männlichen Freunden über alles zwischen Gangsta- und Cloudrap reden kann. Und was ich aus den Gesprächen raushöre ist, dass Deutschrap einige Frauen textlich einfach nicht abholt. Das kann ich vielleicht zum Teil auch verstehen. Auch ich kenne das Gefühl, wenn bestimmte Textzeilen einen inneren Würgereflex auslösen. Denn obwohl ich das Genre so sehr mag, frage ich mich manchmal, was ich da gerade eigentlich mache, wenn ich im Auto laut Lines von Summer Cem à la „Zwei Shots vom Beluga und sie wird zum Luder“ höre.

Das ist ein Gedanke, der mir auch immer wieder verstärkt kommt, seitdem die Debatte um den Hashtag #deutschrapmetoo die sozialen Medien durchflutet. Kurz vorab: Ich will hier kein Künstler:innen-Bashing betreiben und erzählen, ob man manche Texte noch hören darf oder nicht. Darum geht es nicht. Stattdessen soll es darum gehen, was im Deutschrap und in der aktuellen Diskussion momentan schiefläuft, und was sich ändern muss. 

Diskussion um #MeToo im Deutschrap zeichnet sich vor allem durch Victim Blaming und angebliche Falschbeschuldigungen aus

Gerade einmal zwei Wochen ist es her, dass der Hashtag #deutschrapmetoo Twitter durchflutet hat. Das Ganze hängt mit den Missbrauchsvorwürfen der Influencerin Nika Irani gegenüber Samra zusammen. Seitdem sammeln Frauen online ihre Erfahrungen, wie sie von Rappern missbraucht worden seien. Schon jetzt zeichnet sich die Diskussion vor allem dadurch aus, dass den vermeintlichen Opfern von Anfang an unterstellt wird zu lügen. Diese Erzählweise von Falschbeschuldigungen ist ein Phänomen, das es bereits seit Jahrhunderten gibt. Den Opfern wird dabei vorgeworfen, etwa aus Rache sexualisierte Gewalt zu erfinden, oder um Vorteile zu erzielen – hier in der Diskussion ist es vor allem um „Fame“ zu erlangen.

Dazu kommen zahlreiche sexistische Kommentare zu Nika Iranis Aussehen – sie wird als „Schlampe“ und „Dreck“ bezeichnet. Das impliziert, dass Irani an den Übergriffen selbst schuld sei und gehört zu einem äußerst toxischen Prozess, der sich Victim Blaming nennt. Mit den angeblichen Tätern wird hingegen sympathisiert – auch das hat einen Namen, nämlich Himpathy. Und allein daran, wie die Diskussion geführt wird, zeigt sich, dass am System Deutschrap einiges im Argen liegt.

„Sexismus kommt in vielen Genres vor – heißt aber nicht, dass das im Deutschrap nicht auch scheiße ist“

Viel tiefer dahinter liegt zum Beispiel die Diskussion um Rape Culture in Deutschrap-Texten. Sexualisierte Gewalt wird unkritisch in Lyrics aufgegriffen, verharmlost, sogar manchmal romantisiert. Und die breite Masse akzeptiert es. Ich meine: „Wenn wir Liebe machen im Bett, dann schreist du Arreté“ – was ist los mit dir, RIN? Mal abgesehen vom Standard GZUZ-Beispiel „Baller der Alten die Drogen ins Glas / Hauptsache Joe hat seinen Spaß.“ Es ist 2021 und erfolgreiche Rapper promoten immer noch sexualisierte Gewalt? Würden wir hier Beispiele für Sexismen suchen, würde diese Kolumne kein Ende nehmen. Ja: das kommt in vielen Genres vor. Heißt aber nicht, dass das im Deutschrap nicht auch scheiße ist.

Eine Frage, die ich mir ab und an stelle, ist, wieso wir bei dieser Diskussion immer wieder wegschauen. Ich kann mich da nicht rausnehmen. Ich bin genervt, weil ich aus meiner Liebe zum Genre Sachen fallen lasse, die ganz und gar nicht okay sind. Wie kann es sein, dass ich bei explizit sexistischen Texten eher wegschaue, während die Diskussion um Antisemitismus im Deutschrap mein Hörverhalten direkt beeinflusst hat? Und auch die nicht endende Diskussion um die Problematiken im Deutschrap macht mich müde. Nicht, weil sie nicht wichtig ist, aber weil sie seit Jahren nichts verändert. Das zeigt sich auch gerade wieder.

Misogynie ist ein Problem im Deutschrap

Zurück zum Thema #deutschrapmetoo. Schaut man sich die möglichen Ursachen sexualisierter Gewalt an, dann ist eine davon Misogynie – also Frauenhass. Und tatsächlich sind viele Texte deutscher Rapper gerade im Gangsta-Rap nicht nur sexistisch, sondern auch misogyn. Misogynie zeichnet sich laut der Philosophin Kate Manne übrigens unter anderem darin aus, dass sie zwischen „guten“ und „schlechten“ Frauen unterscheidet. Letztere werden abgestraft. Eine Erzählweise, die wir in vielen Raptexten finden. Beispiele gefällig?

„Bitches, die mich liken und mir schreiben
Ja, ich weiß, dass du das alles scheiße findest
Aber es bleiben Bitches“

(Capital Bra, 110)

„Verlier’n gute Frau’n, verfallen nur den Nutten“

Farid Bang, Schwer ein Mann zu sein

„Ich will ’ne gute Frau, hol den Kochtopf her
[…]Scheiß auf die Bitch, bis sie kochen lernt“

RIN, Beichtstuhl

„Ich will ficken, was für Katja? Hol mir Kylie Jenner“

Capital Bra, Roli Glitzer Glitzer

Ein weiteres Problem ist, dass Labels Songs mit Lines dieser Art immer noch unkommentiert veröffentlichen – wie Universal Urban mit Nimos Song „KOMM MIT“, den das Label mittlerweile von allen Plattformen runtergenommen hat, weil er folgende Zeile beinhaltet: „Deine Ex-Freundin ist aus der Fassung / Ich fick‘ sie fast tot, sie liegt im Wachkoma.“ Das war kurz, nachdem die Debatte um #deutschrapmetoo angefangen hat – der Rapper ebenso wie Universal Urban entschuldigten sich in Statements auf Social Media nachträglich für den Release.

Man kann jetzt sagen: Provokation gehört zum Image von Gangsta-Rap dazu. Das stimmt auch, macht es aber nicht weniger problematisch. Das Problem an sowas ist nämlich, dass misogyne Erzählweisen oder Rape Culture reproduziert werden und bei einigen Leuten hängen bleiben. Und so erklären sich dann auch die Reaktionen bei #deutschrapmetoo, bei denen Frauen dafür aggressiv angegangen werden, wenn sie sich äußern.

#deutschrapmetoo: Auch berühmte Rapperinnen und Journalistinnen bekommen toxische Kommentare

Schauen wir uns einmal an, was beispielsweise die HipHop-Journalistin Visa Vie unter ihrem Instagram-Post zum Thema lesen muss. Hier erzählt sie davon, dass sie von sexualisierter Gewalt in der Szene über viele Jahre mitbekommen hat und diese auch selbst erfahren musste. Dafür hat sie nicht nur Support bekommen – auch Kommentare wie „Warum hast Du nicht mal früher das Maul aufgemacht [sic!]“ finden sich unter ihrem Post. Genau das sind toxische Kommentare, die Opfer davon abhalten können über sexualisierte Gewalt zu sprechen.

Und nicht nur das: Shirin Davids Management wurde nach ihrem Statement zu den Anschuldigungen gegenüber Samra mit Droh-Nachrichten und Anrufen „von einer bekannten Großfamilie“ überflutet. Außerdem behauptete Rapper Ano, der bei Samras Label „Caleyto Edition“ gesigned ist, dass sich Shirin David aus Promo-Zwecken zu den Anschuldigungen gegenüber Samra geäußert habe – selbst hier wird also die „Sie will nur Fame“-Erzählweise benutzt.

Nicht überall im Deutschrap gibt es diese Probleme – natürlich sind auch nicht alle Deutschrapper in #deutschrapmetoo verwickelt oder publizieren misogyne oder sexistische Texte. Aber, um es mit Visa Vies Worten zu sagen, „um die geht es in dieser Debatte gerade einfach nicht. Es geht um die anderen!“

„Ich wünsche mir, dass die Diskussion anständig geführt wird“

Klar ist, dass #deutschrapmetoo eine Bewegung ist, die nicht so schnell abebben wird. Und ich wünsche mir, dass die Diskussion anständig geführt wird. #Metoo hat die Kulturszene schon vor langer Zeit überschwemmt, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie irgendwann im Deutschrap ankommt. Dies ist die Chance, etwas Grundlegendes zu verändern. Etwas, das schon lange überflüssig ist: Erzählweisen zu überdenken, den Rap offener und diverser zu gestalten und deutlich zu machen, was in der Diskussion über solche Themen aktuell noch schiefläuft.

Denn generell hat Deutschrap so viel zu bieten: Hochwertiges Spiel mit der Sprache, extrem gute Beats und eine krasse Attitude, die es sonst nicht in vielen Genres gibt. Und davon würden noch viel mehr Menschen mitbekommen und profitieren, wenn die Probleme im Deutschrap nach und nach aufgelöst werden.

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