„Niemand sollte sich verstecken müssen”- YouTuberin und Instagramerin Stella Lingen zeigt ihr Leben mit Tics

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Die 24-Jährige Essenerin Stella Lingen (@stellali697) hat 20.000 Follower:innen bei Instagram. Dort spricht sie nicht über typische Influencer:innen-Themen, sondern über ihre Tics, die sie Steve getauft hat und nimmt ihre Follower:innen in ihrem Alltag mit. STROBO hat sich mit ihr getroffen. 

Das Café Livres im Essener Südviertel ist gut besucht. Drinnen ist es warm und gemütlich, während es draußen grau ist und nieselt. Vor dem Fenster hetzen dick eingepackte Leute mit aufgespannten Regenschirmen vorbei. Entlang der großen Fensterfront steht eine lange breite Sitzbank. Als pandemiebedingte Trenner dienen Schaufensterpuppen, die zwischen den Tischen auf der Bank sitzen, um den nötigen Abstand zu gewährleisten. Neben einer männlichen Schaufensterpuppe im karierten Hemd sitzt Stella. 

Stellas Tics fingen vor etwa drei Jahren mit leichten Bewegungen von Kopf und Arm an. Anfangs fühlten sich die Tics für sie wie Muskelzuckungen vor dem Einschlafen an, erzählt Stella. Ihr Arzt habe vermutet, dass die leichten Bewegungs-Tics Nebenwirkungen eines Medikaments sein könnten. Doch auch nach dem Absetzen wurden die Tics nicht weniger, sondern eher stärker. Nach ungefähr einem Jahr kamen bei Stella die ersten verbalen Tics dazu. Erst Pfeifen und nach und nach die ersten Worte und Sätze. 

Stella Lingen berichtet auf YouTube und Instagram von ihrem Alltag mit Tics

Vor Stella steht ein Vanille-Zimt-Latte Macchiato, an dem sie nippt. „Bei den Muskelzuckungen am Anfang habe ich mir erstmal nichts gedacht. Erst bei den verbalen Tics habe ich angefangen, mir Gedanken zu machen. Trotzdem bin ich recht entspannt an die Sache herangegangen.“

Eine konkrete Diagnose hat sie derzeit noch nicht, die kann frühestens nach zwölf Monaten gestellt werden. Allerdings stehen Tourette oder eine funktionelle Störung mit Tourette-ähnlichen Symptomen im Raum. „Für mich ist das tatsächlich einfacher als zum Beispiel für meine Mutter. Die hat sich gerade am Anfang sehr viele Sorgen gemacht und war etwas hilflos, weil das so plötzlich kam,“ erzählt sie. 

Die Leute am benachbarten Tisch schauen rüber. Vor allem, wenn Stella der Schaufensterpuppe auf die Schulter tippt. Bisher habe sie fast nur positive Erfahrungen im Umgang mit den Tics und anderen Menschen gemacht: „Die meisten übergehen das einfach oder nehmen leichte Vokale oder Bewegungen kaum bis gar nicht wahr. Andere nehmen die Tics mit Humor oder springen drauf an. Inzwischen verstehen die Leute recht schnell, was Sache ist.” Am angenehmsten sei es für sie, wenn ihre Mitmenschen nicht auf die Tics eingehen oder nachfragen, was es damit auf sich hat. Lachen ist auch in Ordnung, dann weiß sie, dass sie niemandem auf den Schlips getreten ist. 

Stella Lingen: Videos mit Gewitter im Kopf haben ihr geholfen

Im letzten Jahr stand Stella gemeinsam mit Jan und Tim von Gewitter im Kopf auf der Bühne. Kurz nachdem ihre Tics angefangen hatten, haben die Jungs von Gewitter im Kopf angefangen, Videos bei YouTube hochzuladen. Nachdem Stella die beiden angeschrieben hatte, haben die drei das erste Video gemeinsam gedreht. „Ich hatte viel Spaß bei den Drehs mit den Jungs. Auch das Feedback ihrer Community war schön. Außerdem haben Jan und Tim mir geholfen, leichter mit den Tics umzugehen. Durch die beiden habe ich gesehen, wie selbstverständlich der Umgang damit werden kann.“ 

Durch die Präsenz in den Videos der beiden sind einige Follower:innen auch zu Stella übergeschwappt, inzwischen hat ihr Instagram Account rund 20.000 Follower:innen. Je mehr Leute und Reize auf Stella einprasseln, desto stärker treten ihre Tics auf- auch wenn die Aufmerksamkeit besonders stark auf sie gerichtet ist.  Anders ist es, wenn sie allein ist oder konzentriert bei der Arbeit. Dann sind ihre Tics kaum vorhanden. Stella studiert Medizin. Auch im Umgang mit Patient:innen bei Stellas Arbeit, im Rettungsdienst und in der Anästhesie einer Kinderwunschklinik, treten keine Tics auf. Auch über ihre Arbeit und ihr Studium berichtet Stella auf Social Media. 

Wegen der Tics hat Stella sich nie von etwas abhalten lassen. „Normalerweise bin ich viel im Kulturbereich unterwegs, durch die Pandemie ist und war das natürlich in der letzten Zeit eingeschränkt. Vor allem mit meinem Bruder gehe ich gerne auf Konzerte. Während des Konzerts habe ich meistens weniger Tics, dafür sind sie davor und danach etwas häufiger. Einmal war ich bei einem Theaterstück, was von drei Personen mit Tourette gemacht wurde. Das hat die Tics super getriggert, war am Ende aber auch sehr lustig,” erzählt sie, „die Schauspieler:innen haben meine Zwischenrufe einfach mit in das Stück integriert.“

YouTuberin Stella Lingen möchte mit Tics an die Öffentlichkeit gehen

Unangenehm seien Stella die Tics selten, es käme immer darauf an, was sie gerade sagt. Gerade wenn die Aussagen sehr makaber seien, mag Stella das nicht so gerne. Mit allem anderen habe sie gelernt umzugehen. 

Mit der Zeit ist das Glas mit dem Vanille-Zimt-Latte Macchiato immer leerer geworden. Auch das Nieseln draußen hat aufgehört und die Menschen laufen deutlich entspannter an der großen Fensterfront vorbei. 

„Mir geht es nicht darum, mit genau dieser Krankheit in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich möchte zeigen, dass man egal mit welcher Krankheit oder Behinderung in die Öffentlichkeit gehen kann und auch sollte, wenn man das möchte. Niemand sollte sich verstecken müssen.“

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