„Das Rapgame wird ab jetzt mit Y geschrieben!“ – Kay Shanghai im Portät

Kay Shanghai ist vielleicht der bekannteste Clubbesitzer Deutschlands: Ohne Kay kein Hotel Shanghai, ohne Hotel Shanghai kein Kay. Er wagt den Schritt auf die Bühne und veröffentlicht seine erste Single “Ananas” als Vorbote seines Debütalbums ”Haram”.

Es gibt wenige Orte auf der Welt, die sofort eine Assoziation zu einem Menschen hervorrufen: Olivia Jones hat zum Beispiel die Reeperbahn oder Frank Sinatra New York. Will man jedoch einen Ort einer Person zuordnen, wird es schwierig – außer bei Kay und dem Hotel Shanghai. Wie ein Horkrux liegt in diesem Club ein Teil seiner vielschichtigen Persönlichkeit. Beides ist so sehr miteinander verwoben, dass man es schlichtweg nicht voneinander trennen kann.

„Ich habe leider die ganzen Partys aus der Zeit vergessen, aber die Leute erzählen viel. Es waren so viele Nächte“

Kay Shanghai

So gehen auch viele Anekdoten, die der gebürtige Essener gerne erzählt, um seinen Werdegang zu verdeutlichen, oft auf diesen Ort zurück: Wie bei Deichkind nur Gaffaband und Mülltüten auf dem Rider standen, wie er Wanda vor allem gebucht hatte, um seinen Ex-Freund zu ärgern, oder wie bei RIN Leute von der Empore aus ins Publikum gesprungen sind. Jede Anekdote vermittelt etwas sagenumwobenes, ein Bild von brodelnder Ekstase, die in seinem Club stattfindet. „Ich habe leider die ganzen Partys aus der Zeit vergessen, aber die Leute erzählen viel. Es waren so viele Nächte“, lächelt er mit leichten Augenringen und einem Glas Wein in der Hand.

So ganz genau will Kay Shanghai nicht sagen wie alt er ist. Von außen betrachtet werden die langen Haare unter der roten Cap und die Bartstoppeln etwas grauer. Spricht man mit ihm, könnte man meinen ein Anfang 20-Jähriger ist bereit die Nacht durchzumachen. In seinen Instagram-Storys teilt er mit seinen Fans mehrere Memes am Tag oder Chatausschnitte von Grindr. Während Kay Shanghai auf dem Sofa sitzt und seinen Joint raucht, wirkt er viel bedachter als in den Videos, die man im Netz von ihm findet. Je nach Frage wechselt er zwischen wortgewandter Ernsthaftigkeit und sarkastischem Größenwahn.

Kay Shanghai will Leute verdrehen

Seine Karriere im Nachtleben begann er als Selektor für die Toiletten bei großen DJs wie Armin van Helden und mit eigenen Veranstaltungen rund um die autonome Szene in Mülheim. Dann wurde er mit der Zeit von seinen eigenen Partys geschmissen. Die Travestie-Künstler:innen, die dort tanzten, waren zu schockierend für die Inhaber:innen der Locations und das Publikum.

„Ich habe nie aus der Motivation heraus gehandelt, den Leuten etwas Gutes tun zu wollen. Ich wollte die Leute immer ein bisschen verdrehen“, so Kay, der eigentlich Löber mit Nachnamen heißt. Er hätte nie das Selbstverständnis eines Gastronomen oder Veranstalters gehabt, meint er. Bei der Frage, ob er sich hingegen als Künstler sehe, überlegt er lange: „Wenn man viel Kunst macht, wird man doch auch irgendwie Kunst.“

Nur wenige Veranstalter:innen in Deutschland verstehen die Tanzfläche als Bühne, auf der das Publikum ungewollt Teil eines Theaterstücks wird. Als Kay Shanghai 2003 der ehemalige Rockclub Kalei in Essen vor die Füße fiel, wurde aus einer Tanzfläche ein ganzer Mikrokosmos. „Dadurch, dass ich nicht machen konnte, was ich wollte, gab es den Wunsch nach einem Ort, wo ich niemandem Rechenschaft schuldig bin“, kommentiert er die damalige Zeit.

Foto: Patrick Zajfert.

Durch mit ihm bebilderte Flyer und nach ihm benannten Partys begannen Club und Person zu verschmelzen: „Die ersten Jahre war es mein Baby. Das war ich.“ Mit einer Mischung aus Provokation und (Selbst-)Inszenierung ebnete sich Kay Shanghai seinen Weg durch das Nachtleben und in die Medien, die ihn dargestellt als exzentrischen Clubbesitzer, gerne einluden. “Es gab ein paar Momente, wo ich es bereut habe, dass ich so exponiert für den Club stehe. Man muss sich daran gewöhnen, dass auch Leute, die man nicht kennt, sehr nah an einem dran sein wollen”, sagt er heute. 

„Du musst pointiert sein und das bekommen, was gerade poppt.“

Kay Shanghai

Doch nimmt man Mythos und Spaß einmal beiseite, bedeutet es auch harte Arbeit, große Risikobereitschaft und ein Gespür für musikalische Trends, um in einem Club wie dem Hotel Shanghai immer wieder die so wichtigen neuen Akzente zu setzen: „Man muss keine Angst haben, viel Geld zu verlieren. Das ist wie beim Gambeln“, erzählt er und meint damit vor allem das Booking.

Große Acts wie Nina Hagen, Major Lazer oder Giorgio Moroder brachten Prominenz nach Essen. Viele Bands und Künstler:innen wie Deichkind, Wanda oder zuletzt Symba, standen kurz vor ihrem Durchbruch auf seiner nur vier Meter breiten Bühne. Essen steht nun wieder auf der Tour-Karte. Darauf ist Kay stolz.

Der nie ruhende Clubbesitzer

Nach knapp 20 Jahren lautet seine Devise immer noch: „Du musst pointiert sein und das bekommen, was gerade poppt.“ Auf die Frage, wie er denn genau dies schaffe, antwortet er mit einem Augenzwinkern: „Das hängt davon ab, mit wem ich gerade schlafe und welche Musik er hört.“ Tatsächlich gibt es Anhaltspunkte dafür, dass viele gebuchte Acts auch im Privatleben des Kay Shanghais präsent sind. In Erinnerungen schwelgend erzählt er, wie in ihn die ersten Songs von Yung Hurn bei einem langen Partywochenende begleitet haben.

Natürlich dürste er manchmal nach dem nächsten musikalischen Coup. Mit der durch Corona gewonnenen Distanz fängt aber auch der nie ruhende Kay Shanghai an, sich selbst wertzuschätzen.

Mit den Acts, die im Hotel Shanghai spielen, mit dem Raum, in dem sich jeder Mensch frei von Sexualität, Religion oder Herkunft zu Hause fühlen kann, hat er seit Stunde 0 Haltung bewiesen. Auch, wenn ihm das nach eigener Aussage nie bewusst gewesen sei. Doch Kay Shanghai handelt politischer als er und viele andere denken – vor allem für die aus Sicht der „Erwachsenen“ unpolitische Jugend.

Das Bild des Provokateurs

Aus anderer Perspektive ist er immer mit dem musikalischen Trend gegangen, wenn er ihm nicht voraus war. Erst Elektropunk, dann Berghain-Techno und zuletzt Rap. Das Genre, das bis heute in Teilen homophobe und sexistische Denkweisen zugrunde legen, ist gleichzeitig eben jenes, in dem er nun sein Debüt als Musiker feiert. Das passt wieder in das Bild des Provokateurs.

Er sieht nicht im nun mehr als einem Jahr geschlossenen Club den Auslöser, dass er sich nach 20 Jahren als Veranstalter selbst vor das Mikrofon stellt. Vielmehr hätten ihn seine Freunde und Produzenten dazu gebracht, die in seinen im Morgengrauen daher gesungenen Lines Potenzial gesehen haben. Der erste Song “Ananas” (Zitat Kay Shanghai: „Ein richtiger Banger“) erschien bereits am Freitag und ist der erste Vorbote auf das am 29. Oktober erscheinende Album “Haram”. Es soll bewusst ohne Features auskommen, denn: „wer braucht das schon?“

Foto: Patrick Zajfert.

Abseits von seinen ironisch-übermütigen Aussagen, freut sich der Musiker Kay Shanghai auf die Chance, die er im fortgeschrittenen Alter noch einmal bekommt. „Das war ein Traum, der sehr lange verschüttet gewesen ist. Es ist etwas anderes, Aufmerksamkeit für seine Musik zu bekommen als für seine Eskapaden“, reflektiert er. Das mag auch am Labelsigning bei GrooveAttack aus Köln liegen, wodurch sein Debüt eine ganz andere Größenordnung bekommen könnte.

Kay Shanghai will Aufmerksamkeit. Eine, die das erste Mal nicht mit seinem Club zusammenhängt. Denn trotz der Entwicklung des Raps hin zu einem toleranteren Genre, hat es bis dato kein offen homosexueller Rapper in den deutschen Mainstream geschafft. Kay Shanghai will das ändern: „Das Rapgame wird ab jetzt mit Y geschrieben!“

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