Was Berlin kann, können wir schon lange

„Ich will nicht nach Berlin“ heißt es schon 2012 im gleichnamigen Song von Kraftklub. Dann sollten sie es vielleicht mal im Ruhrgebiet versuchen. Ist fast genauso. Nur ohne die nervigen Touristen und tatsächlich noch real, findet STROBO-Autor Lennart Rettler.

Berlin hat sich in den letzten Jahren zu einem der Hotspots Europas, wenn nicht sogar der ganzen Welt etabliert. All die positiven Entwicklungen wie ein gestärktes Ansehen, eine wachsende Kulturszene und das Zusammentreffen von Menschen unterschiedlicher Kulturen gehen dabei allerdings mit all den zwangsweise existierenden Negativfolgen wie Massentourismus, Gentrifizierung und einer starken Artifikation einher.

Leider ruiniert dies oft das „echte“ urbane Leben. Staatlich angelegte Street Art-Projekte ersticken die lebhafte Graffiti-Szene, Club-Projekte von Großinvestoren kopieren die pulsierenden Clubs und auf Tourist:innen angelegte Restaurants nehmen den unabhängigen Restaurantbetrieben ihre Standorte weg. Berlin hat damit zu kämpfen, seinen Charme, seine Echtheit, seine „Realness“ zu verlieren. Sobald man anfängt Authentizität zu fordern, ist sie eigentlich schon längst verloren.

Coole Konzerte gibt es auch im Pott. Foto: Leopold Achilles

Das Ruhrgebiet ist das zweite Berlin Deutschlands

Im Städtetourismus gibt es eine wahrhafte Schnitzeljagd nach den Orten, die dem so authentischen und pulsierenden Erlebnis von Berlin oder im Speziellen bestimmter Berliner Stadtteile gleich kommt. Verzweifelt probieren die Suchenden alles, um diese Kultur, Gastronomie oder Ähnliches zu finden. In Krakau, Wien, Zagreb, Belgrad, Tallinn. Doch natürlich lässt sich in einer Kopie, einem Ort, der so sein soll wie ein anderer, nie etwas Authentisches finden. Deswegen sollte man nach wahrer Authentizität am besten an solchen Orten suchen, von denen nie behauptet wird, sie seien so wie ein anderer. Nämlich im Ruhrgebiet. Dabei kann man den Vergleich hier besonders gut ziehen. Denn eigentlich ist das Ruhrgebiet quasi das zweite Berlin Deutschlands. Also, wenn man so will.

Wir scheinen im Ruhrgebiet lieber mal auf Dinge zu verzichten. Auf Massentourismus gerne auch.

Die beiden Orte haben ziemlich viel gemeinsam, das vielleicht auf den ersten Blick kaum in Erscheinung tritt. Beginnen wir beim Essen – zum Beispiel bei der Currywurst, der seit ihrer Entwicklung schon ein Disput innewohnt. Einmal ohne und einmal mit Darm. Fragt man im Ruhrgebiet nach, dann kommt die Currywurst von hier wech, fragt man in Berlin dann is dit ne Berliner Erfindung.

Alles nur nicht fancy. Foto: Leopold Achilles

Das Ruhrgebiet besitzt im Currywurst-Verkauf nur den großen Vorteil, dass sich hier niemand über 45 Minuten in eine Schlange stellt um the real german currywurst-experience wie bei Curry 36 in Berlin-Kreuzberg genießen zu können. Ähnlich lang warten sie übrigens gegenüber bei Mustaphas Gemüse Kebap, der real german döner-experience. Schlangen gibt es im Ruhrgebiet bei den wenigsten Dönerbuden. Auch gegrilltes Gemüse kommt im Ruhrgebiet in kaum einen Döner. Ohne Darm, ohne gegrilltes Gemüse – wir scheinen im Ruhrgebiet lieber mal auf Dinge zu verzichten. Auf Massentourismus gerne auch.

Aber nicht nur kulinarisch muss sich das Ruhrgebiet nicht hinter Berlin verstecken. Die in Berlin gefeierte „Späti-Kultur“ ist im Ruhrgebiet einfach Alltag. In unzägligen Kiosks und Trinkhallen gibt es die Klassiker: gemischte Tüten und kaltes Bier. Vielleicht haben unsere Trinkhallen früher zu und nicht so einen fancy Namen wie „Späti“, aber ansonsten stehen sie dem Berliner Pendant in nichts nach.

Auch das Ruhrgebiet hasst Fahrräder

Berlin zieht unheimlich viele Touristen durch die Unmengen an Murals, Street Art, Graffiti an (oder welchen Klassifizierungsbegriff man auch verwenden mag), die wie kaum etwas anderes für das echte das authentische Berlin stehen. So authentisch, dass es auch Unmengen an Street Art Stadtführungen gibt, die die Werke einordnen und erklären. Diese Kultur wird im Ruhrgebiet mehr als gelebt. Dortmund war nach New York der erste Hauptbahnhof an dem alle stoppenden Züge als Wholetrains gestaltet wurden. Wir kommen aber auch ohne erklärende Street Art Stadtführungen dazu aus.

Eine weitere Gemeinsamkeit: Berlin ist für Radfahrer relativ beschissen. Im Ruhrgebiet interessiert sich auch niemand für Radwege. Also warum sich in der Hauptstadt über den Haufen fahren lassen, wenn es auch vor der eigenen Haustür geht?

Rau, dreckig, pulsierend, multikulturell, jung

Zwar ist die Clubkultur im Ruhrgebiet noch weit davon entfernt, auf einem Level mit der in Berlin zu stehen. Dass nun aber ein Ableger des Berliner Clubs Tresor (der unter den 100 besten Clubs der Welt gelistet wird) ausgerechnet ein zweites Standbein im Ruhrgebiet aufgemacht hat, zeigt das Potenzial der Umgebung.

Abgesehen davon besitzt das Ruhrgebiet so viel von dem, was viele Menschen an Berlin schätzen, nur ist genau das vielen nicht bewusst. Vielleicht auch gerade, weil das Ruhrgebiet noch authentisch, weil es echt ist. Weil es noch nicht durch tausende Stadtführungen oder Blogartikel ausgequetscht wurde. Das Ruhrgebiet probiert nicht Orte zu imitieren, sondern ist einfach organisch – es ist, was es ist: Rau, dreckig, pulsierend, multikulturell, jung.

Weil es keinen Ruhrgebietsbeitrag ohne Industriekultur gibt: Hier ein Hochofen. Foto: Leopold Achilles

Und sind wir doch mal ehrlich: Ohne Darm schmeckt die Currywurst definitiv besser. Hansa schlägt Sterni auf jeden Fall und der Tetraeder das Brandenburger Tor sowieso. Außerdem ist der Gasometer fast doppelt so groß wie die Siegessäule (von der Breite gar nicht angefangen). Warum also noch nach Berlin fahren? Vielleicht liegt die authentischere Alternative ja direkt vor der Haustür. Das zweite Berlins Deutschlands. Vielleicht ist es aber auch einfach egal, ob das Ruhrgebiet das zweite Berlin Deutschlands ist. Vielleicht ist es einfach das erste und einzige Ruhrgebiet – und das ist vielleicht auch gut so.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: Warum ich endlich wieder rennen will

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