Ein Tag Kultur in Bottrop: Die Stadt, die sich hinter dem Tetraeder versteckt

Was passiert kulturell in den Orten abseits von Bochum, Essen und Dortmund? Dieser Frage gehen wir auf den Grund und verbringen einen Tag in acht kleineren Städten des Ruhrgebiets. STROBO-Redakteur Max war in Bottrop und hat versucht, der Kultur der Stadt auf den Grund zu gehen.

Dieser Artikel wurde gefördert durch den Förderpott Ruhr.

Eine Metallvorrichtung auf einem menschgemachten Berg, die irgendetwas zwischen Vergangenheit und Neuzeit symbolisieren soll: Das “Tetraeder” ist nicht nur Hauptbestandteil des Bottroper Stadtmarketings, sondern ziert auch die touristischen Prospekte des gesamten Ruhrgebiets. Von hier aus soll man über das ganze Ruhrgebiet blicken können, sagte man mir, ich möchte allerdings heute mal auf Bottrop selbst blicken – die Stadt mit 117.000 Einwohner:innen, die sich hinter Tetraeder, dem MoviePark und einer Indoor-Skihalle zu verstecken scheint.

Bottrop: Leerstand in der Innenstadt

Denn wie in vielen deutschen Städten wird auch Bottrop sichtbar, wie der Versandhandel inhabergeführte Geschäfte verdrängt und immer mehr Ladenlokale leer stehen. So auch in einer Straße am Rande der Ortskerns, die ich bei meinem notgedrungenen Spaziergang vom Bahnhof in die Innenstadpassieren muss. Hier schaue ich abwechselnd auf mit Würfeln versehene schwarz-folierte Scheiben oder in Ladenzeilen, in denen nichts weiter zu sehen ist als ein DIN-A4-Schild mit der Aufschrift „Zu vermieten.“

Welches Geschäft sich indes halten konnte, ist die Videothek von Susanna, eine Frau mit Kurzhaarschnitt Anfang 50. Neugierig betrete ich das Geschäft und frage mich, wann ich mir zuletzt leibhaftig einen Film ausgeliehen habe. Früher hätte es viel mehr hier gegeben, erzählt sie, doch seit dem Aufkommen der Streamingdienste und zuletzt Corona kämpfe sie tagtäglich ums Überleben.  Aber heute wäre ja Samstag. Am Markt sei dann immer viel los. Mit der CD „Internationale Hits 94 – aus der TV und Funkwerbung“ verlasse ich Susannas Geschäft in Richtung Markt.

Auch von anderen Interviewpartner:innen werde ich noch hören, dass Leerstand in Bottrop ein Problem ist. In der Pflicht sieht Susanna vor allem die Stadt. 

Kultur in Bottrop: Der Markt als zentraler Treffpunkt

Wie im Mittelalter – nur mit weniger Gestank – reihen sich hier Käsewägen, Gemüsehändler:innen und Fischverkäufer:innen um eine neugotische Kirche. Menschen sitzen im Außenbereich von Cafés, schlendern von Stand zu Stand, oder unterhalten sich angeregt. 

Ein Geschäft für vegane Produkte holt mich aus meiner verklärten Kleinstadt-Welt. Ich spreche mit Stefan, einem Mann mittleren Alters, drei Tage-Bart und Base-Cap. Stefan gibt zu, dass er anfangs Schwierigkeiten gehabt habe, in Bottrop anzukommen. Er kommt eigentlich aus Düsseldorf. Mit seiner Frau, die in Bottrop aufgewachsen ist, betreibt er seit eineinhalb Jahren und kleiner Starthilfe der Stadt „JUST VGN“. Im kleinen Geschäft wird von Nahrung bis Kleidung alles angeboten, was irgendwie nachhaltig sein kann der Reformhaus-Duft zieht durch meine Nase, es läuft „Anna“ von Freundeskreis aus einer Bluetooth-Box, gezahlt wird über ein iPad. „Das Netzwerken ist hier etwas anders. Es ist alles etwas gemütlicher. Man kennt sich“, erzählt er etwas zurückhaltend, während er in unterschiedliche Himmelsrichtungen deutet: „Wir machen auch viel mit dem Marktviertel-Kiosk oder dem Café Kram. Da kannst du auch mal vorbeischauen.“

Eine Berlin Kreuzberg-Oase mitten in Bottrop

Parallel zur Kirche gelegen, sitzen dort rund. 40 Leute. Denn wie sich später herausstellt, liest gerade ein Bild-Journalist aus seinem ersten Buch. Aus einem Kaffee-Wagen wird frischer Cappuccino serviert, während man sich im Kiosk kaum um die eigene Achse drehen kann. Ich kaufe mir eine Flasche „Bottroper Bier“ und setze mich hinein in die Berlin Kreuzberg-Oase mitten in Bottrop.

Im Anschluss an die Lesung will ich mehr über die Ursprung des Flairs erfahren und gerate an Thorsten, einen von fünf Geschäftsführer:innen des Kiosks. Nach Berlin und Barcelona sei er mit seiner Frau für die Kinder wieder zurückgekommen und hätte realisiert, dass man selbst etwas unternehmen müsse, um sein Umfeld lebenswerter zu gestalten: „Wenn du dich nicht nur berieseln lässt und selbst etwas tust, macht das total Spaß“, führt er aus. Mit einer Menge Gründer:innen- und Vermarktungserfahrung kam erst ein Kaffeewagen, dann der Marktviertel-Kiosk: „Wir haben gesehen, dass der Markt samstags immer noch ein guter Part in Bottrop ist. Dann haben wir gesagt: Lass uns schauen, dass wir das stärken und nicht auch noch sterben lassen.“ Mit einem bereits bestehenden Netzwerk sind Veranstaltungen hinzugekommen, wie zum Beispiel die „Marktviertelsounds“, einem Musikfest rund um das Marktviertel mit Live-Musik und Foodtrucks.

Kultur in Bottrop: Der Bottcast als Lokalmedium

Im Gespräch mit Torsten fällt mir auf, dass es vor allem die Menschen zwischen 30 und 50 sind, teilweise aus Großstädten wiedergekommen, um Familien zu gründen, die in Bottrop etwas auf die Beine gestellt haben und für sich und ihre Kinder die Stadt lebenswerter gestalten möchten.

Wie auch Piet vom Bottcast, einem erfolgreichen Lokal-Podcast, der mit seinem Kollegen Alex und dem Techniker Fabian jede Woche regional und lokal bekannte Gäste bei sich im Studio begrüßt. Mit ihm quatsche  ich ein paar Tage später am Telefon. Dass hier jede:r jeden kennt, bestätigt er mit feinster Ruhrgebiets-Mundart: „Das ist ein Phänomen. Wenne abends auffe Gastromeile Bierchen trinken gehst, dann kennt sich da jeder.“ Nachdem Alex und Piet die ersten Folgen in der Kneipe eines befreundeten Wirtes aufnehmen konnten, sogar Sponsoren hinzu kamen, haben sie zwei Ladenlokale angemietet und sich dort ein professionelles Studio eingerichtet. Stargast ist regelmäßig der Techno-DJ Da Hool, Interpret des 2001 veröffentlichten Techno-Klassikers „Meet Her At The Loveparade“, aber auch der Oberbürgermeister war schon da. „Jetzt zum zweiten Mal.. der Bernd. Das weirde ist, dass du das aus einer kleinen Idee heraus machst und es funktioniert,“ sagt Piet hörbar stolz auf den Bottcast und seine Stadt.

Fehlende Angebote für jüngere Menschen

Eine Woche vor meinem Besuch in Bottrop treffe ich einen Teil der Band Farbklang in ihrem Essener Proberaum. Die Band besteht eigentlich aus fünf Mitgliedern zwischen 25 und 30, heute spreche ich aber mit Pipo, Mario und Christian. Sie vergleichen ihre Musik am ehesten mit Madsen. Rock, aber mit Pop-Attitüde zum Mitsingen und Mitfühlen, der vor allem erst Live seine Stimmung entfaltet. 

Irgendwie wirkt das so aus der Zeit gefallen, dass es schon wieder erfrischend anders klingt. Farbklang hat damit Erfolg: Kleine Veranstalter:innen buchen sie regelmäßig für Gigs im gesamten Ruhrgebiet. Was mich während des Interviews gleichzeitig verwundert und irritiert, ist die Haltung, mit der sie als Band Musik machen. Es fallen Sätze wie: „Wir wollen Musik machen, das dem Publikum gefällt.“ Oder „Konzerte sind eine Dienstleistung wie jede andere und die sollte auch angemessen honoriert werden.“ Das hat bisher noch niemand so offen zugegeben. 

Angefangen haben die beiden Brüder Mario und Pipo der Band durch „Jugend Musiziert“ und dem „Stadtfest Bottrop Original“, der wie sie sagen, einzigen Möglichkeit in Bottrop, wo sich junge Bands ausprobieren und wichtige Bühnenerfahrung sammeln können. Sowas gäbe es dort viel zu selten, sagen Mario und sein Bruder Pipo kopfnickend, weswegen sie letztlich auch weggezogen sind. „Einfach mal etwas Neues sehen“, begründet Mario seinen Umzug.

Kultur in Bottrop: „Junge Menschen haben hier eigentlich keine Möglichkeit, etwas zu machen.“

Junge Menschen aus Bottrop und der Umgebung hat vor allem auch Salon5 im Visier, die Jugendredaktion von CORRECTIV, welche sich in Bottrop angesiedelt hat. Mit und für die Zielgruppe 13 bis 18 wird hier journalistischer Content produziert: ein Raum zum Ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Ich denke an das Gespräch von meiner Kollegin Leonie im STROBO:Podcast mit der Redaktionsleiterin Hatice Kahraman: „Wer Bottrop kennt, weiß, dass Bottrop eine sehr schwierige Stadt ist. Junge Menschen haben hier eigentlich keine Möglichkeit, etwas zu machen“, erzählt sie und führt aus, dass viele Jugendliche dann eben in die anderen Städte fahren würden. 

Die Idee sei daher gewesen, einen Ort zu schaffen, wo sie in ihrer lokalen Umgebung bleiben können. Sich eben nicht in den größeren Städten anzusiedeln, ist immer noch eine untypische Idee und daher sind Städte wie Bottrop immer noch auf den Mut von Privatleute angewiesen. Dass sich der Mut auszahlt, deutet sich in meinen anderen Gesprächen an. Sowohl Piet als auch Thorsten erzählen freudig von Salon5.

„Menschen im Ruhrgebiet finden Schönheit da, wo andere gar nicht suchen.“

Nach einem ausführlichen Spaziergang durch Bottrop und dem für das Projekt obligatorischen Imbiss-Gericht verlasse ich zwiegespalten die Stadt: Sie braucht sich eigentlich ganz und gar nicht hinter dem Tetraeder zu verstecken und könnte mit ein bisschen mehr Möglichkeiten für junge Menschen zu einem echten Insider-Tipp werden könnte. Auf der anderen Seite fehlen für ein paar Menschen in der Stadt Perspektiven – egal welchen Alters. Auf dem Weg heraus aus der Stadt wird es mir dann doch noch für einen Moment eröffnet: Das Tetraeder. Ich bin froh, an diesem Tag nicht dort gewesen zu sein, sondern die Stadt und ein paar ihrer Menschen kennengelernt zu haben.

Bottrop zeigt punktuell, dass Leerstand neue Ideen hervorbringen kann, mit denen Innenstädte wieder aufblühen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Schicksale wie das von Susanna. Sie verdeutlichen, in welcher Situation sich Bottrop und das gesamte Ruhrgebiet gerade befindet: Irgendwo zwischen Aufbruch und Resignation.

Mir fällt noch ein Satz von Thorsten ein, der zu Beginn unseres Gesprächs fiel: „Menschen im Ruhrgebiet finden Schönheit da, wo andere gar nicht suchen.“ Da ist etwas Wahres dran.

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