Feminismus im Pott im Interview: „Es geht uns um Empowerment“

Feminismus im Pott ist ein feministisches Kollektiv aus dem Ruhrgebiet. Ab nächster Woche veröffentlichen die Mitglieder Lena und Leonie bei STROBO in regelmäßigen Abständen Kolumnen zu feministischen Themen mit Kultur- oder Regionsbezug. Im Interview erzählen sie von der Szene im Ruhrgebiet und ihren Plänen.

STROBO: Feminismus im Pott gibt es seit 2014 – wie seid ihr zu dem Projekt gekommen?

Lena: Ich bin 2017 dazu gestoßen. Wir haben uns als transinklusives Blogger:innen-Kollektiv gegründet, das intersektional denkt, und dementsprechend auch Mehrfachdiskriminierungen aufgreift. Entstanden ist unser Kollektiv aber durch eine Idee von zwei Masterstudierenden der Ruhr-Universität Bochum. Die beiden haben aufgrund ihrer eigenen Erfahrung mit Sexismus, sexualisierten Übergriffen und Gewalt die Notwendigkeit gesehen, sich zu empowern.

Dazu kam, dass gerade im Ruhrgebiet relativ viel Aktivismus besteht, der aber nicht immer für alle sichtbar ist. Es ging also auch darum, sich zu vernetzen und zu zeigen, welche feministische Arbeit bereits gemacht wird. Das war die Grundidee des Kollektivs. Feminismus im Pott ist seitdem immer mehr gewachsen. Mittlerweile sind wir neben unserem Blog bei Instagram, Twitter und Facebook aktiv.

STROBO: Das ist jetzt schon Jahre her. Was wollt ihr heute mit eurem Blog bewegen?

Leonie: Es geht auf der einen Seite darum, auf bestimmte Themen aufmerksam zu machen, die sonst im öffentlichen Diskurs nicht oder kaum stattfinden. Dadurch wollen wir eine Transparenz für die Vielfalt von feministischen Anliegen herstellen. Es geht uns um Empowerment und darum, FINTA*-Personen zusammenzubringen, zusammenzuarbeiten und dadurch die Welt ein bisschen gerechter und besser zu machen.

STROBO: Ihr bezeichnet euch selbst als kritische Stimmen aus dem Ruhrgebiet – welche Themen inspirieren euch?

Lena: Wir haben alle ganz unterschiedliche Schwerpunkte – und das macht uns auch so stark. Und: unser Aktivismus ist immer intersektional ausgerichtet. Das heißt: Wir schauen uns nicht nur die Lebensrealitäten von weißen mittelständischen Frauen an, sondern wollen möglichst inklusiv auf verschiedene Strukturen von Ungleichheit aufmerksam machen. Das bedeutet zum Beispiel, im Zuge von Black Lives Matter zu gucken, was die Lebensrealitäten schwarzer Frauen sind, aber auch zu betrachten, wie Studierende aus Arbeiter:innenfamilien aufgestellt sind.

Unsere Erfahrung zeigt: Wir müssen uns immer wieder selbst reflektieren und schauen, wo wir Ausschlüsse produziert haben und wo wir selbst noch Voreingenommenheit aufweisen. Das funktioniert vor allem durch einen regelmäßigen Austausch untereinander und vor allem auch mit unserer Community. Von der erhalten wir immer wieder total wichtiges Feedback und sie bringt uns auch manchmal dazu, eigene Voreigenommenheiten zu hinterfragen.

STROBO: Ihr richtet euch nicht an eine einzelne Stadt, sondern das Ruhrgebiet als Region. Wieso ist euch das wichtig?

Leonie: Weil nicht alle Themen, die wir behandeln, einen rein regionalen Bezug haben, sondern allgemeine feministische Anliegen behandeln, die sich an alle richten.

STROBO: Wie würdet ihr die feministische Szene in der Region beschreiben?

Lena: Bevor ich 2017 dazugekommen bin, habe ich in Berlin ein Praktikum bei einem feministischen Magazin gemacht und dachte: Wow, hier ist man an jeder Ecke mit feministischen Aktivismus konfrontiert und im Ruhrgebiet gibt es nur Feminismus im Pott. Das war aber eine totale Fehleinschätzung. Darauf bin ich dann gekommen, als ich mich dann mal ein bisschen mehr in der Umgebung umgesehen habe.

Von Queer- und Lesben-Referaten an Universitäten bis hin zum Atelier Automatique in Bochum oder dem Cafem in Dortmund gibt es echt viel zu entdecken. Und dann gibt es natürlich auch echt viel Potenzial für Zusammenarbeit und gegenseitige Bestärkung. Und selbst mit öffentlichen Trägern wie dem Theater Oberhausen haben wir schon zu feministischen Kampftagen zusammengearbeitet.

Wann seid ihr beide das erste Mal mit Feminismus in Berührung gekommen?

Leonie: Ich bin da durch persönliche Erfahrungen reingekommen. Ich habe gemerkt, dass Übergriffe im Alltag keine Seltenheit sind, genauso wie Grenzüberschreitungen. Sobald Mensch anfängt, sich mit anderen FINTA* auszutauschen, merkt Mensch, dass dahinter ein strukturelles Problem steckt. Das muss für mich zwangsläufig zu einer feministischen Haltung führen, weil es letztendlich darum geht, das Leben von uns allen als Gesamtgesellschaft besser und gerechter zu machen. Das zwingt uns dazu für etwas zu kämpfen, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, es aber immer noch nicht ist.

Also habe ich mich nach Möglichkeiten umgeschaut, aktiv zu werden. Ich wollte laut sein und Aufmerksamkeit erregen und somit für alle etwas verändern. Der Aktivismus ist für mich ein gutes Sprachrohr, weil er nicht an Parteilinien gebunden ist. Deshalb bin ich 2019 zu Feminismus im Pott gekommen.

Lena: Bei mir war das ähnlich, ich habe auch im Leben eigene Erfahrungen gemacht, die ich zunächst akzeptiert und nicht reflektiert habe. Dazu gehören beispielsweise sexualisierte Übergriffe auf Partys, Kommentare zu meinem Äußeren und Cat-Calling. Das habe ich lange so hingenommen und hatte auch das Gefühl, dass diese Dinge in der Schule zum guten Ton gehört haben. Durch mein sozialwissenschaftliches Studium habe ich dann plötzlich angefangen, genau das zu reflektieren. Mir wurde hier das notwendige Handwerkszeug gegeben, um sagen zu können: Das, was passiert ist, ist nicht normal. Es ist nicht normal, dass dir immer wieder hinterhergepfiffen wird, du im Taxi mal belästigt wurdest und bei einer Party wegen einem kurzen Rock unangenehm angesprochen wurdest.

Später habe ich dann auch gelernt, dass die Erfahrungen, die ich gemacht habe, nicht denen entsprechen müssen, die andere vielleicht machen und dass es eben auch noch weitere Ungleichheitsfaktoren gibt, die solche Erlebnisse beeinflussen. Das war dann der Moment, in dem ich für mich klar hatte: Der einzig ‚wahre‘ Feminismus ist intersektional und so bin ich eben bei Feminismus im Pott gelandet.

SROBO: Euer Blog war eine gewisse Zeit still – jetzt soll es wieder los gehen. Was erwartet uns?

Lena: Leider ist Corona auch nicht an uns spurlos vorbeigegangen. Es ist uns nicht gerade leichtgefallen, von einem Aktivismus, der sich vor allem beispielsweise über regelmäßige Stammtische, der Teilnahme an Veranstaltungen und Aktionen definiert hat, von jetzt auf gleich ins Digitale zu wechseln. Wir haben daraufhin erstmal versucht, das ganze durch Remote-Treffen und den regelmäßigen Austausch über Messenger aufzufangen. In dieser Zeit haben wir es immerhin geschafft, den ein oder anderen Podcast aufzunehmen, eine Instagram-Aktion zu starten, in der wir die Arbeit vieler coole Aktivist:innen vorgestellt haben und einen feministischen Adventskalender zu veröffentlichen.

Zur Zeit befinden wir uns gewissermaßen in einer großen Veränderungsphase: Viele von uns sind mittlerweile in Vollzeit-Jobs, schreiben an ihren Abschlussarbeiten oder haben sich neu orientiert. Es ist uns aber weiterhin ein großes Anliegen, Feminismus im Pott weiterzuführen und vielleicht auch neue Akzente zu setzen. Daran arbeiten wir gerade.

STROBO: Wer kann alles bei euch mitmachen?

Leonie: Alle Personen, die sich als intersektionale Queerfeminist:innen verstehen und gerne aktiv sein wollen.

STROBO: Welche thematischen Schwerpunkte wollt ihr in eurer Kolumne bei STROBO setzen?

Leonie: Wir wollen aus unserer Perspektive schreiben und deshalb bei Themen bleiben, die uns persönlich betreffen. Ich beschäftige mich in meinem Studium sehr viel mit Männlichkeiten, weil ich der Überzeugung bin, dass wir FINTA* es nicht allein schaffen, Gerechtigkeit herzustellen. In meiner Kolumne möchte ich also gerne männliche Stereotype und Verhaltensmuster hinterfragen und beschreiben, wie diese unsere Gesellschaft prägen.

Lena: Ich beschäftige mich zurzeit zum Beispiel mit Antifeminismus und der politischen Gefahr, die von Incels ausgeht. Sexismus und Frauenfeindlichkeit werden in solchen Gruppen zwar radikaler ausgeübt als im Mainstream, aber unsere Gesellschaft liefert definitiv den Nährboden, auf dem sowas überhaupt stattfinden kann. Das dürfen wir nicht unterschätzen. Außerdem beschäftige ich mich auch mit diversen Problematiken rund um das Thema Care-Arbeit. Ich werde aber auch versuchen, tagesaktuelle Themen aus meiner feministischen Linse einzuordnen.

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