Zwischen 80s-Kult und Reddit-Tipps: Ein Tag in Hagen

In den 1980er-Jahren haben Künstler:innen der Neuen Deutschen Welle wie Nena, die Humpe Schwestern und die Band Extrabreit die Ruhrgebiets-Großstadt Hagen auf die Musikkarte Deutschlands gesetzt. 40 Jahre später stellt sich die Frage: Wie sieht es nun mit der Kulturszene in Hagen aus? STROBO-Redakteurin Leonie hat sich auf die Suche begeben.

Dieser Artikel wurde gefördert durch den Förderpott Ruhr.

„Beste (Kultur-)Spots und Artists in Hagen gesucht“ – diese 49 Zeichen tippe ich in das Fenster bei Reddit ein, dazu noch eine kurze Beschreibung und schon ist es der Post raus. Damit startet diese Recherche bei Reddit, denn im Vergleich zu den von anderen Ruhrgebietsstädten ist der Subreddit r/Hagen erstaunlich aktiv.

Noch bevor ich nach Hagen fahre, lese ich einen „Rant über Dating Apps und die Demographie Hagens“ von themo98, in dem es darum geht, dass er bei Bumble oder Tinder in Hagen kaum Matches kriegt, während in Köln „10-30 Matches die Woche […] schon drin“ seien. Die Kommentare „Hagen halt“ und „ballert nicht“ weisen mich auf die Dringlichkeit dieses Problems hin. Die Frage, wieso themo98 so wenig Matches in Hagen bekommt und ob dahinter vielleicht eine Verschwörung schlummert, soll hier jedoch nicht beantwortet werden – es geht stattdessen darum, wie es um die Kultur in Hagen steht.

Ich selbst kenne Hagen vor allem durch das Freilichtmuseum, in dem ich als Kind häufiger mal war. Und durch Nena, die nach einigen Schwurbler-Aussagen nicht mehr wirklich das beste Aushängeschild für die Stadt ist, 80s-Ruhm hin oder her. Und die Humpe-Schwestern und Extrabreit, wo wir wieder bei Stars der 1980er-Jahre wären. Die sind aber schon über dreißig Jahre vorbei. Also: Was geht jetzt kulturell in Hagen?

Mit dieser Frage im Kopf und im Notizbuch komme ich am Hagener Hauptbahnhof an und schlängle mich zum Vorplatz durch. Hier treffe ich unseren Fotografen Samir, selbst aus Hagen Vorhalle – aber trotzdem gespannt, was wir heute so finden.

„Wir müssen auf jeden Fall zur blauen Säule“, sage ich ihm, und er fragt mich, was ich genau damit meine. Dabei ist die Säule auf Reddit der heimliche Star der Stadt. „Blaue Säule immer ein stabiler Call“ kommentiert YungClorox. Wie stabil dieser Call aber tatsächlich ist, werden wir später noch sehen, denn wir gehen erstmal einem Tipp nach, den ein Redditor uns unter unseren Post geschrieben hat: Für uns geht es zum Emil Schumacher Museum.

Wenig später stehen wir vor einem eindrucksvollen Glaskomplex, der besonders heraussticht, weil er an das im Jugendstil gebaute Osthaus Museum grenzt. Wer ein Ticket kauft, kann sich beide Museen zu einem Preis anschauen. Und das haben wir vor.

Im Osthaus Museum arbeite ich mich durch verschiedene Epochen und Genres der bildenden Kunst. Ich sehe klassische Gemälde neben Statuen, wandere durch die verschiedenen Zeitalter der Kunst. Als wir in Hagen sind, läuft hier zudem die Ausstellung „Von Fernen umgeben – Digitale Fotografie“ von Dieter Nuhr, der in Essen bildende Kunst studiert hat. Seine Neigung zu der Stadt sieht man in seinen digitalen Fotografien, die neben Abbildungen von Wasserfällen und weiten Berglandschaften von auch die Bergbau-Industrie des Ruhrgebiets beleuchten.

Im Emil Schumacher Museum sehen wir in der Ausstellung „Emil Schumacher und die Form seiner Zeit“ Möbeldesign, Tische, Lampen und Stühle, von Anfang bis Ende des 20. Jahrhunderts. Schumacher, nach dem das Museum benannt ist, wurde 1912 in Hagen geboren. Der Maler war mit seinen Werken auf der Biennale von Venedig sowie verschiedenen documenta-Ausgaben in Kassel vertreten.

Die „blaue Säule“ in Hagen: Lichtkunstwerk in der Innenstadt

Ganz schön viel Kunst auf engstem Raum. Mein Magen knurrt – glücklicherweise habe ich Reddit schon längst entscheiden lassen, was ich heute zu Mittag esse. Denn ein Redditor hat gefragt, wo es in der Stadt den besten Döner in Hagen gibt. „Bordo Grill in der Innenstadt“, antwortet Mr Canton, worauf er die Rückmeldung „Bordo war ich auch schon öfter“ von Der_Auditor und „100%“ von clevergirlDE bekommt – das reicht als Überzeugung. Ich esse eine Salatrolle mit Feta. Ist solide.

Das Gute: Der „Bordo Grill“ liegt nur 400 Meter entfernt von dem Monument, auf das wir den ganzen Tag gewartet haben: die blaue Säule. Ein Weg wie ein Atemzug, und schon steht sie vor uns: die drei Meter hohe Freiheitsstatue Hagens. Ein Wasserfall, gepresst in feinstes Plexiglas. Von den Ruhrkunstmuseen als „magisches Lichtzeichen“ beschrieben.

Das klingt vielleicht alles etwas überzogen, tatsächlich ist die „blaue Säule“ aber eine Lichtskulptur von Heinz Mack, wie ich später lese. Zum Hintergrund: Mack hat die einflussreiche Düsseldorfer Künstlergruppe „ZERO“ in den 1950ern Jahren gegründet, zu der viele renommierte Künstler gehörten und war außerdem wie Emil Schumacher mit seiner Kunst auf der Biennale von Venedig und der documenta vertreten. Er hat unter anderem in Liechtenstein, Spanien und Italien ausgestellt. Was bei Reddit als Meme dient, ist also in Wahrheit wirklich die Skulptur eines international erfolgreichen und national bedeutsamen Künstlers.

Nach ein paar Beweisbildern geht es durch die Stadt – irgendwo die Kultur finden, ein wenig ohne Plan. Dabei möchte ich wirklich mit Leuten aus der Szene sprechen. Egal, wen ich aber anspreche, niemand kommt aus Hagen, oder hat Zeit. Bis wir auf einer Bank im Park am AllerWeltHaus auf Finnja und Moritz treffen.

Sie seien zufrieden mit ihrer Stadt, erzählen die 22-Jährige und der 19-Jährige. Es gebe Kneipen wie die „Honselstube“, die auch für ein jüngeres Publikum in Hagen gut laufen würden. Außerdem gebe es viel Kunst im Stadtteil Wehringhausen, gerade im Bereich Graffiti. „Das Kultopia hat auch richtig coole Angebote“, erzählt Finnja. Ebenso wie das Kulturzentrum Pelmke. Zwei Ziele, die wir heute noch ansteuern wollen.

Zu der Zeit, in der wir in Hagen unterwegs sind, findet gerade eine kleine Veranstaltung im Vorfeld des „Vielfalt tut gut“-Festivals statt. Kinder spielen und sitzen in Hängematten, Waffeln werden gebacken. An den Bäumen stehen Porträts von Hagener:innen, die zum Fotoprojekt „Heimat = Vielfalt“ gehören. Die Hagener Fotografin Beba Illic hat hierfür insgesamt 23 Menschen aus der Stadt porträtiert.

An einem Tisch vor dem AllerWeltHaus sitzen Julian Kolbe vom Hagener Jugendring und Anna Stenz vom Verein selbst, nur wenige Meter von Finnja und Moritz entfernt. Sie verweisen uns ebenfalls an den Stadtteil Wehringhausen, um weiter nach Kultur in Hagen zu schauen. Die beiden sind wegen „Vielfalt tut gut“ vor Ort. Das jährlich veranstaltete Festival soll Toleranz in der Gesellschaft fordern, kulturelle Vielfalt stärken und Teilhabe ermöglichen.

Nach unserem Gespräch bringt uns Julian noch zum Kultopia, dem Kulturzentrum, das auch Finnja und Moritz uns empfohlen haben.

Kultur in Hagen: Besuch im Kultopia

Auf gut Glück laufen wir in das Gebäude rein und finden den Veranstaltungsraum, wo wir Matthias Klinkmann treffen, den Techniker des Hauses. Hier soll später ein Theaterstück aufgeführt werden, erzählt er uns. Matthias arbeitet seit zehn Jahren für das Kultopia, hatte in dem Gebäude selbst mit 18 Jahren seinen ersten Auftritt, noch viel länger zurück war sein Vater schon hier zu Gast – damals hieß das Zentrum jedoch noch anders. „Nach Corona läuft es hier langsam wieder an, aber es ist auch zäh“, erzählt er. Der Veranstaltungsaal ist von oben bis unten mit Postern zugeklebt – Bands und Musiker:innen, die schon im Kultopia gespielt haben. Ich bleibe an einem Poster der Berliner Band „Birth Control“ hängen.

Im Kultopia finden Poetry Slams, Workshops, Konzerte und Partys statt. Meist würden Bands aus der Region die Räumlichkeiten des Hauses buchen, erzählt Matthias. Er selbst produziert Musik in Rock, Punk und Hiphop und spielt zurzeit in einer Doom-Metal Band. Welche Hagener Band er gerne mag? „Die Schabernacks, die machen Ska-Punk“, erzählt er.

Matthias kommt aus Hohenlimburg. Die ehemalige Stadt wurde Mitte der 1970er-Jahre in Hagen eingemeindet, für ihn mache es dennoch einen Unterschied. In der Hagener Musikszene gebe es verschiedene Cliquen, erzählt er: „In Wehringhausen gibt es zum Beispiel einige Punkbands, die sich um die Pelmke zentrieren.“ Im Hip-Hop würden alle ihr eigenes Ding machen. „Es ist das Problem, das gemeinsame Ziel zu sehen. Wir haben eigentlich alle ein gemeinsames Ziel: Es soll weitergehen und die Szene soll nicht sterben. Aber das Bewusstsein dafür fehlt“, erzählt er.

„Die Leute sind schwer hinter dem Ofen herzukriegen“

Seiner Wahrnehmung nach sei die Anzahl der Musikschaffenden in Hagen in den letzten Jahren nicht angestiegen, er sehe auch immer weniger Publikumsinteresse: „Die Leute sind schwer hinter dem Ofen herzukriegen“, sagt er. Für einige junge Menschen sei es vielleicht interessanter, sich Konzerte großer Bands in Dortmund anzusehen als sich Zuhause eine Band von Freund:innen anzuschauen. Das sei für ihn in der Jugend anders gewesen.

Was passieren, dass wieder mehr Leute kommen und Kulturszene in Hagen Aufschwung erlebt? „Meistens waren das Leute aus Bands, die alles am Laufen gehalten haben. Die das Interesse daran hatten, Veranstaltungen zu machen, und die auch gepusht haben“, sagt er. Laut ihm wäre ein Nachwuchs dieser Menschen notwendig. Er versuche selbst, die Szene zu unterstützen, soweit es ihm möglich sei: „Aber ich bin halt nicht der Typ, der alles organisiert. Ich bin ein guter Techniker und ich bin ein guter Produzent, aber organisieren ist nicht so meins.“

Mit den Informationen im Gepäck laufen wir zur Pelmke, einem freien Kulturzentrum in Wehringhausen – und ebenfalls ein Tipp der Reddit-User aus Hagen. Die Pelmke wurde 1987 eröffnet, das Gebäude hat ursprünglich eine Schule beheimatet. Das sieht man ihr an. In dem alten Backstein-Gebäude werden Partys und Konzerte veranstaltet, es gibt Flohmärkte, ein Kino und Gastronomie. Als wir im Gebäude stehen, findet oben ein Kindergeburtstag statt.

Die Pelmke in Hagen: Das „Urgestein kultureller Arbeit“

Über die Bedeutung der Pelmke spreche ich etwas nach meinem Besuch in Hagen mit Geschäftsführerin Katharina Müller. Sie ist mir über Zoom zugeschaltet. „Viele Menschen aus Hagen verbinden ihre Jugend mit der Pelmke, für sie ist sie das Urgestein kultureller Arbeit und der freien Musikszene“, erzählt sie mir. Das Kulturzentrum sei gerade zu früheren Zeiten der einzige Ort in Hagen gewesen, wo man hingehen konnte, wenn man zur Subkultur gehörte. Auch heute sei das Zentrum ein wichtiger Ort für junge Menschen.

Der Pelmke gehe es darum, die lokale und regionale Szene zu fördern und zu vernetzen – darauf würde auch beim Booking geachtet. Wenn sie die Kulturszene in Hagen beschreiben müsste, würde sie zunächst das Stadttheater und dann das Osthaus und Emil Schumacher Museum nennen: „Dann kommt lange nichts – und dann kommt Wehringhausen mit dem Verein Kunst vor Ort und dem Kultopia.“ Während in Wehringshausen immer etwas los sei, gebe es in anderen Orten nur die städtischen Flaggschiffe. Außerdem fehle die Clubkultur in Hagen.

Kultur in Hagen: Fehlende Förderungen sind Problem

„Hagens großes Problem ist, dass es sehr verschuldet ist – und natürlich wird bei Kultur als erstes gespart. Das ist für die freie Szene sehr dramatisch“, sagt sie. Das sei schwierig, weil auch die Pelmke ihren Eintritt günstig halten wolle, um besonders niedrigschwellig zu sein. Auch gebe es nicht genügend Bühnen für Kunstschaffende, was sie daran bemerke, dass die Pelmke oft von Personen :innen angeschrieben würde, die sich den Saal mieten wollen. „Da ist schon sehr viel Bedarf“, sagt sie.

Sie versuche so viel wie ginge möglich zu machen, stoße aber auch an ihre Grenzen. Ihr Tipp an Kulturschaffende sei, sich ein Netzwerk aufzubauen: „Sich zusammenzuschließen, überall hinzugehen und mit den Leuten zu sprechen ist das A und O“, sagt sie. Der Mangel an Möglichkeiten für Kulturschaffende sei auch ein strukturelles Problem, die Kulturvereine bräuchten mehr Förderungen.

Hagen: „Nabel der Neuen Deutschen Welle“

Wir entscheiden uns, uns die Streetart in Wehringhausen genauer ansehen zu wollen und laden uns online die Straßenkunst-Karte vom Quartiersmanagement runter. Sehr weit kommen wir nicht, denn in der Langen Straße stolpern wir über den Schallplatten-Laden „Göbel’s Sounds and Visions“ von Klaus Göbel. In Kisten lagern tausende Bücher und Schallplatten aneinander, man kann sich nur schwer an den Rändern entlang arbeiten. Klaus kommt aus Hagen, der Schallplatten-Laden in Hagen ist einer von zwei Läden, die er besitzt. Der andere befindet sich in Wermelskirchen.

„Hagen war damals der Nabel der Neuen Deutschen Welle“, erzählt er mir und deutet lachend in Richtung der Pelmke „Nena ist hier gegenüber in die Schule gegangen“. Tatsächlich war Nena damals Schülerin an der ehemaligen Pelmke-Schule. Klaus erzählt von den Bands Extrabreit und Grobschnitt, die ebenfalls in der Nähe gewohnt haben, und den Humpe-Schwestern, die ebenfalls aus Herdecke nach Hagen gekommen sind.

„Damals gab es so ein Lied von Extrabreit: Komm nach Hagen, werde Popstar. Aber das ist schon lange her“, erzählt er. Damals habe es eine große Musikszene mit vielen Bands in Hagen gegeben: „Jeder machte Musik“. In sein Geschäft kämen sehr unterschiedliche Menschen: „Schallplatten werden eigentlich von allen Bevölkerungsschichten gekauft. Vom Arzt, der Klassik oder Jazz sucht, oder vom Punker, der mit total bunten Haaren reinkommt. Man muss auch mit allen Leuten kommunizieren können“, sagt er. Auch für ihn war Wehringhausen immer „der Hotspot“ der Kulturschaffenden.

Wir gehen unter den Gleisen an einigen Graffitis vorbei, bis wir wieder am Hauptbahnhof ankommen: Es stimmt, hier gibt es einiges an Streetart zu sehen – von verschmierten Tags über grelle Style-Writings bis hin zu fein ausgearbeiteten Murals. Am Bahnhof angekommen muss ich den Tag sacken lassen – auch wenn ich nicht mit Kulturschaffenden selbst gesprochen habe, habe ich viele Eindrücke sammeln können: Zwei Museen, zwei Kulturzentren, ein Schallplattenladen und viele Gespräche liegen hinter mir. Dennoch habe ich das Gefühl, noch nicht alles umfassend erfahren zu haben. Mir fehlt die Perspektive einer Person, die selbst Kultur schafft.

Rapper Colt Seevaz über die Kultur in Hagen: „Jeder ist schon ein wenig in seinem eigenen Kreis“

Deshalb melde ich mich mit zeitlichem Abstand zu meinem Besuch in Hagen beim Rapper Colt Seevaz, der unserem Fotografen nach dem Tag in Hagen geschrieben hat. Er hat Bock zu sprechen, Bock von der Szene in Hagen zu erzählen, und wird hoffentlich einige Lücken füllen, die sich in meiner Recherche ergeben haben. Er gehöre selbst zum Hagener Inventar, erzählt er mir am Telefon.

„Die Vernetzung gestaltet sich in Hagen schwierig. Das ist vor allem im Hip-Hop so, da der recht oft dem Aufbau großer Egos beruht und nicht jeder Lust hat was zu teilen, da ist es in der Rockszene vielleicht anders“, erzählt er mir. Er habe mit einigen Künstler:innen zu tun, die nicht aus seinem Genre kommen. Die mangelnde Vernetzung sei eines der Probleme der Hagener Kulturszene, auch wenn der Rapper immer wieder betont, dass er nur seine subjektive Meinung schildere: „Jeder ist schon ein wenig in seinem eigenen Kreis und möchte den nicht öffnen und andere reinlassen.“ Zuletzt hat er vor wenigen Tagen seine Single „Petalum“ rausgebracht – für den Beat hat er nur Platten aus zerstörten Plattensammlungen benutzt, die er bei den Entrümpelungen nach dem Hochwasser in Hagen retten konnte.

Colt Seevaz ist Ende der 1980er-Jahre im Alter von sieben Jahren nach Hagen gekommen, seine Familie ist damals aus Katowice ausgewandert. Von dem Neue Deutsche Welle-Hype hat er damals nicht viel mitbekommen, aber trotzdem von dem Extrabreit-Satz „Komm nach Hagen, werde Popstar“ gehört, was ihm damals imponiert habe. Auch für ihn sei die Pelmke damals die erste Anlaufstelle gewesen, wie das ehemalige Kultopia, das damals noch Globe hieß. Hier hat er mit 18 Jahren die erste Hip-Hop-Cypher mitveranstaltet. Er habe in letzter Zeit häufig darüber nachgedacht, aus Hagen wegzuziehen, erzählt Colt Seevaz. Aber irgendetwas halte ihn immer in der Stadt. Sie präge auch seine Musik: „Mein Sound ist staubig-düster wie auch meine Texte. Ich zehre von Hagen und seinem Vibe. Hier muss man kein Blatt vor den Mund nehmen, Hagen ist eine raue Stadt, eine der hässlichsten im Ruhrgebiet – und das beeinflusst meine Musik.“

Vor dem Gespräch habe er sich seine Texte noch einmal genauer angeschaut, und viele Insider gefunden, die nur Hagener:innen verstehen. Er selbst ist über das Skaten zur Rockmusik gekommen, hat viel Rage Against The Machine gehört, und sich dann das Album „Home Invasion“ von Ice-T gekauft, durch das er im Rap versunken ist, wie er heute erzählt. Die Debütsingle „Fremd im eigenen Land“ von Advanced Chemistry hat ihm dann aus der Seele gesprochen: „Als es in Deutschland eine Welle an Spätaussiedlungen gab, gab es Rassismus ohne Ende“, erzählt er.

Colt Seevaz erklärt mir, das viele der Murals, die unser Fotograf und ich in Wehringhausen gesehen haben, vom Künstler Martin Bender stammen, einem seiner Freunde und, dass es gemessen an der Größe Hagens recht viele Proberäume gebe.

Kultur in Hagen: Über den eigenen Schatten springen

Zum Abschluss frage ich ihn, was die Kulturszene in Hagen machen müsste, damit sie einen besseren Stand hat: „Sie müsste über ihren eigenen Schatten und aus ihrer individuellen Komfortzone springen und sich auch anderen Genres zu öffnen, um gemeinsam Hagen auf die Karte zu bringen wie in den 1980ern“, sagt er. Nach unserem Gespräch schickt er mir noch eine E-Mail mit vielen Kontakten aus der Hagener Kulturszene vom Maler Pottpinsel über das Hagener Modelabel 58ish bis hin zum Bunker Hagen. Colt Seevaz findet, dass sie alle Aufmerksamkeit verdient haben.

Und das ist auch mein Anliegen, mit dem ich aus dieser Recherche gehe. Denn es ist schwierig, etwas über die Kulturszene Hagens zu erfahren, wenn man nicht durch Kulturschaffende selbst in sie eintauchen kann. Das habe ich vor Ort und in den Gesprächen bemerkt. Deshalb geht es für mich darum, die Kunst- und Kulturschaffenden aus Hagen zu finden, die sonst keine Plattform finden. Die vielleicht vor Ort keine Bühne haben, diejenigen, über die niemand berichtet. Denn eins hat sich aus allen Gesprächen ergeben: Es gibt eine Kulturszene vor Ort, es fehlt aber an Vernetzung und Repräsentation. Deshalb: Wenn ihr Künstler:in aus Hagen seid, meldet euch unter redaktion@strobo.ruhr.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier Auf der Suche nach der Kultur-Szene: Ein Tag in Mülheim an der Ruhr


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