Kolumne: Wie ihr Weihnachten und andere Feiertage im Kreise der Familie unbeschadet überstehen könnt

Schon stehen die Weihnachtstage wieder vor der Tür – eine Zeit, die zwar besinnlich sein soll, für viele jedoch eher mit Stress und Familiendiskussionen verbunden ist. Lena von Feminismus im Pott schreibt in ihrer Kolumne, wie man Weihnachten und andere Feiertage trotzdem überstehen kann.

Weihnachten steht vor der Tür – die Aussicht auf freie Tage, Geschenke, gut gefüllte Mägen, Astrid Lindgren in Dauerschleife und geschmackvolle Weihnachtspullis mag in vielen ein Kribbeln voller Vorfreude in den Bauch zaubern. Und trotzdem wird dieses Gefühl nicht selten von der Aussicht überschattet, drei Tage im Kreis der Familie verbringen zu müssen.

Onkel Gerhard lässt es sich nicht nehmen, von den alten Zeiten vorzuschwärmen, in denen es noch üblich war, der Sekretärin auf der Betriebsweihnachtsfeier einen unangekündigten Schmatzer zu verpassen (“Was in der Firma passiert, bleibt in der Firma”). Die Mutter fragt dich zum gefühlt hundertsten Mal, wann sie Oma wird, obwohl man schon ähnlich oft betont hat, dass man keine Kinder will. Der Vater beschwert sich, dass du Dein Studium immer noch nicht abgeschlossen hast („wie lange kann so ein Philosophie-Master überhaupt dauern und was willst du damit überhaupt anfangen? Taxi-Fahrer:in werden – ach ne, einen Führerschein hast Du ja auch nicht”). 

Auf die ein oder andere Art wird wohl jede:r von uns schon mit solchen oder ähnlichen Charaktertypen zu tun gehabt haben. Oft fragen wir uns in solchen Situationen, wie wir angemessen reagieren können. Wäre es nicht mal an der Zeit, Onkel Gerhard darauf hinzuweisen, dass er mit seiner Aussage dem Patriarchat in die Hände spielt und er anfangen muss, seine Privilegien als (mittel-)alter weißer Mann zu hinterfragen? Oder der Mutter klarzumachen, dass man auch ohne Kinder ein erfülltes Leben führen kann; dass es für Frauen mittlerweile auch Alternativen gibt, einen ausgewogenen Alltag zu führen? Oder sollen wir direkt mit all diesen Familienmitgliedern brechen und Weihnachten und an anderen Feiertagen einfach zu Hause bleiben oder sie mit Freund:innen verbringen? Das alles sind legitime Möglichkeiten, mit diesen nervenaufreibenden Konversationen und Situationen umzugehen.

Für viele von uns scheint aber keine dieser Varianten in Frage zu kommen. Man kann noch so sehr Feminist:in sein und für das Ende des Patriarchats einstehen – trotzdem reißt der Geduldsfaden, sobald es um die eigene Familie geht. Es ist wie bei „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Nicht nur muss man sich jedes Mal von neuem für den eigenen Lebensstil und die eigenen Einstellungen rechtfertigen, auch die  (alltags-)sexistischen beziehungsweise – rassistischen Kommentare nehmen kein Ende. Die gestrige Diskussion mit dem mansplainenden Macker aus der Uni ist nichts dagegen. Und auch wenn man sich am 27.12. immer wieder fragt, wieso man das Jahr für Jahr durchzieht, ist es nicht immer naheliegend, seine Familie einfach zu meiden. Irgendwie hängt man ja doch an ihnen, die Angst vor dem Alleinsein ist einfach zu groß oder die Vorstellung der darauffolgenden Konflikte zu nervenaufreibend.

Weihnachten als Drahtseilakt – Familie kann man sich nicht aussuchen 

Sicherlich wäre es schön, wenn man immer für seine Werte und Überzeugungen einstehen könnte. Deutlich geworden ist aber, dass Weihnachten und andere Familienfeste absolute Ausnahmesituationen sind – unterschiedlichste Charaktere treffen in ungewohnter Atmosphäre aufeinander. Man kann sich die eigene Familie nicht aussuchen: Was zwar als auf der Hand liegende Tatsache gilt, muss sicherlich nicht als unausweichliches Schicksal hingenommen werden. Das bedeutet aber auch, dass wir in solchen Momenten selbst festlegen dürfen, was uns am besten tut. 

Du bist kein:e heuchlerische:r Feminist:in, wenn Du Deiner Familie nicht Jahr für Jahr einen Einführungskurs in Gender Studies erteilst. In familiären Kontexten geht es oft nicht um das bessere Argument oder die einfühlsamste Lösung, sondern eher um alte, unterdrückte Konflikte und Vorbehalte, die sich dann anderweitig Platz verschaffen. 

Fünf Tipps für eine konfliktarme Zeit mit der Familie 

Damit die weihnachtliche Vorfreude in vollsten Zügen genossen werden kann und am Ende des Jahres nicht nur der bittere Beigeschmack an die letzten Weihnachtstage bleibt, folgen ein paar Tipps, die dabei helfen können, unbeschadet durch die Feiertage zu kommen: 

  1. Halte Dich an die Personen, die dir guttun: Die Erfahrung lehrt dir, mit welchen Familienmitgliedern es immer wieder zu denselben mühseligen Diskussionen kommt. Vielleicht reicht es, wenn du dich dieses Jahr auf den wesentlichen Austausch mit ihnen beschränkst und dich an die Personen hältst, die dir gut tun und mit denen du auf einer Wellenlänge bist. 
  2. Es ist völlig ok, sich nicht jeder Debatte auszuliefern: Nicht jede Diskussion ist es wert, geführt zu werden. Achte auf dein Gefühl und nimm dir das Recht heraus, ein Gespräch abzubrechen. Wenn dir das in dem Moment zu unhöflich erscheint und du keine Lust auf eine Anschlussdiskussion hast, kannst du dich immer noch damit rausreden, dringend auf’s Klo zu müssen. 
  3. Bring ein Spiel mit: Manchmal ist es möglich, toxischen Familiendynamiken aus dem Weg zu gehen, indem man für Ablenkung sorgt. Wie wär’s wenn du dieses Weihnachten ein Spiel mitbringst, das für etwas Unbeschwertheit und Auflockerung sorgt. Ganz wichtig: Die Regeln sollten nicht zu kompliziert sein und ein Spiel mit Wettbewerbscharakter ist immer schlecht ;-). 
  4. Verschenke aussagekräftige Sachbücher: Du kannst die alltagssexistischen und -rassistischen Sprüche nicht auf dir sitzen lassen, willst an Weihnachten aber Deine Ruhe haben. Verschenke doch einfach ein feministisches oder rassismuskritisches Buch, dass Deine Positionen vertritt. Hier gibt’s z.B. gute Buchtipps für schwierige Familienmitglieder. 
  5. Nutz Deine Vorstellungskraft: Die Kabarettistin Tereza Hossa schlägt vor, sich nervige Familienfeiern als Theaterstück vorzustellen. Was als Witz gemeint ist, kann sehr wohl nützlich sein. Eine unangenehme Situation von außen zu betrachten, hilft dabei, Abstand zu gewinnen und ein bisschen mehr Gelassenheit reinzubringen. 

Das Private ist politisch, auch an Weihnachten, und trotzdem muss nicht jeder Kampf zu Ende gekämpft werden. Es ist ok, seine Ressourcen sinnvoll einzusetzen und im Zweifelsfall für wichtigere Anlässe aufzusparen. Das Jahr 2023 bietet mit Sicherheit einige davon! 

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