Loki im Interview zu den STROBO:Sessions: Vom Musen-Kuss und Solidarität

Die Folktronica Band Loki ändert ihre Besetzung stetig. Immer dabei ist aber Sänger Marc, der bei den STROBO:Sessions ein einfühlsames Set spielt. Im Interview erzählt er, was Loki definiert, und wann er sich mit Musik verbunden fühlt.

STROBO: Marc, bei den STROBO:Sessions mit Loki bist du Barfuß aufgetreten – wieso?

Marc: Ich hatte das Gefühl, dass es zur Session-Atmosphäre mit den Wasser-Visuals passt. Im Normalfall habe ich immer schwere Schuhe an. Das hat für mich nicht so zusammengepasst: am Wasser sitzen und schweres Schuhwerk tragen. Ich hatte am Anfang Schiss, dass das eher ein Urlaubs-Feeling vermittelt und nicht so zur Intimität passt. Aber ich fand es so sehr schön.

STROBO: In welchen Momenten fühlst du dich besonders mit Musik verbunden?

Marc: Ganz klar bei Live-Konzerten. Es gibt immer wieder Situationen, die mir das bewusst machen. Wir hatten zum Beispiel bei der letzten Tour zwei Off-Days. Da haben wir dann wieder die Ruhe gefunden, uns richtig mit Nachrichten auseinanderzusetzen. Auf einmal kam eine richtige Schwere in die Band. Der Auftritt danach hat uns dann wieder Kraft gegeben und uns wieder etwas raus aus dem Geschehen gezogen.

Ich habe danach viel darüber nachgedacht, ob das die große Macht von Kunst im Allgemeinen ist. Sie gibt einem die Möglichkeit, sich für die Länge eines Konzertes oder eines Theaterstückes in eine andere Welt fallen zu lassen und darin wieder neue Kräfte zu sammeln.

Loki bei den STROBO:Sessions: Hier seht ihr das Video

STROBO: Wenn du von einer Schwere sprichst: Inwiefern beeinflusst dich das Weltgeschehen beim Songwriting?

Marc: Ich treffe selten klare Aussagen. Ich reflektiere aber über mich selbst sehr viel. Beim Song „Documentary“ hatte ich zuvor ein Bild vom CSD gesehen – Teilnehmer:innen wurden angegriffen. Da war ich total schockiert. Was ist denn, wenn man selber in so eine Situation gerät? So entstehen dann Songs eher aus der Reflexion der eigenen Solidarität.

Natürlich bin ich eine Person, die sich immer solidarisch zeigen will, auch solidarisch spricht und in Gesprächen klar Position bezieht. Aber was steckt hinter den Worten? Ich glaube, das sind dann Fragen, bei denen ich gar nicht versuche, eine abschließende Antwort zu finden. Ich möchte sie erst einmal nur in den Raum stellen, sodass jede Person selbst in eine Reflexion kommt.

STROBO: Wenn du Reflexion als Inspiration nutzt, aus was für einer Stimmung heraus entstehen deine Songs dann?

Marc: Da gibt es zwei Wege. Derzeit versuche ich, in Routinen beim Songwriting zu kommen. Man spricht häufig vom Musen-Kuss – ich finde ich es schwierig, die ganze Zeit durch die Welt zu laufen und darauf zu warten, dass eben dieser „Kuss“ kommt. Deshalb versuche ich mich gerade regelmäßig hinzusetzen und zu schreiben bzw. zu komponieren.  Es gibt aber auch Momente, in denen ich merke, dass mich ein Umstand extrem beschäftigt und sich viel in mir aufstaut. Da ist dann Musik ein Ventil für mich.

Loki bei den STROBO:Sessions.
Loki bei den STROBO:Sessions. Foto: Ole Meier.

STROBO: Konzeptalben sind eine hohe Kunst. Wie kam es dazu, dass ihr in Konzeptalben oder in Überbegriffen, wie bei “Intimacy”, veröffentlicht?

Marc: Lediglich das erste Album war ein „richtiges“ Konzeptalbum. Damals habe ich mit Anna Balthasar, die eher aus der Kunst kommt, eine Kurzgeschichte geschrieben und die dann vertont. Es war einfach cool, das einmal gemacht zu haben. Danach hatte ich weiter Bock, EPs zu machen, bei denen es zumindest einen Überbegriff gibt, wie bei „Intimacy“ oder jetzt „cycles“. Wenn man erst einmal eine Überschrift gefunden hat, vereinfacht das vieles.

STROBO: Loki tritt mit dir als Kopf immer in verschiedenen Gewändern auf. Die Besetzung der Band ändert sich oft. Wie ist es dazu gekommen, dass du immer Loki bist, aber auch andere Leute Loki sind?

Marc: Als Anna und ich mit Loki angefangen haben, haben wir Musik gemacht, weil wir Bock darauf hatten. Als wir die EP fertig hatten, ging es darum, wie man das live präsentieren könnte und so ist Loki ganz organisch gewachsen, wandelt sich aber auch immer organisch.

Ich finde es auch total angenehm, dass man gar nicht mehr definieren muss, was jetzt Loki ist. Ich könnte es auch gar nicht, weil alles, was Loki war und Loki aber auch noch ist, in so vielen verschiedenen Formen stattfindet. Ich habe das Gefühl, dass damit viel Freiheit einhergeht – auch für die Zukunft.

STROBO: Du trittst live als Loki auch mit mehreren Musiker:innen auf. Welche Momente waren prägend für euch?

Marc: Schon bei der letzten Tour hatte ich das Gefühl, dass da etwas entsteht und das, was man macht, besonders ist. Wir bereisen natürlich nicht die großen Bühnen der Nationen, sondern eher die ganz kleinen und dann müssen wir immer schauen, dass wir uns da zu acht drauf quetschen. Dann kommen auch immer Reaktionen aus dem Publikum, dass wir als Newcomerband so viel Aufwand betreiben. Aber das ist das Beste, was wir live präsentieren können. Also möchten wir es auch genauso machen.

Loki bei den STROBO:Sessions. Foto: Ole Meier.

STROBO: Euer Sound wirkt sehr intim und persönlich. Songs für lange Sommernächte und kalte Wintertage – oder wie mein Kollege schrieb: Lagerfeuermusik. Wie hat sich euer Sound entwickelt?

Marc: Ganz viel kommt aus den Inspirationen, die ich selbst höre. Es hat angefangen mit produktionslastiger, sphärischer Musik. Folk habe ich auch immer gehört. Die Melancholie rührt vielleicht daher, dass man sich im Prozess des introvertierten Denkens meistens mit Dingen beschäftigt, die nicht mit der größten Freude zu tun haben.

Wir hatten aber auf Konzerten irgendwann das Gefühl, dass man das Publikum mit den Songs irgendwann auch in ein Loch wirft. Das meine ich nicht negativ, aber als ich in die Menge geschaut habe, waren alle Leute versunken. Deswegen haben wir angefangen Songs zu spielen, die auch nach vorne gehen. „Mantra“ zum Beispiel ist ein Song auf der neuen EP, der sehr hoffnungsvoll ist und ein Gegenstück sein soll. Wenn Zeiten so schwer sind wie momentan, ist es vielleicht auch gut mal Musik zu machen, die nicht noch weiter runterzieht.

STROBO: Ist es schwieriger, fröhliche Songs zu schreiben als traurige? 

Marc: Das ist so ein bisschen wie mit Farben zu malen. Wenn du dunkle, düstere Farben wählst, bekommt das Bild auch schnell einen depressiven Charakter – so wie bei Van Gogh. Aber wenn du sehr fröhliche Farben nimmst und genau das gleiche Bild zeichnest, hat es auf einmal einen ganz anderen Charakter.

Das bedeutet: Bei den Songs, die ich momentan schreibe, haben sich die Texte nicht krass verändert. Auf der musikalischen Ebene ist es aber ein Bild mit einem ganz anderen Charakter. Oder kurz: Alles ist ein paar BPM schneller geworden und das Schlagzeug hatte einen anderen Groove.

STROBO: Vor einem Monat ist eure neue EP erschienen. Was unterscheidet sie von euren anderen Releases?

Marc: Wenn ich früher mit meiner Stimme nicht zufrieden war, habe ich einfach fünf Effekte draufgehauen und dann ging das schon irgendwie. Jetzt haben wir versucht, einfach so organisch und ehrlich zu sein wie möglich – auch im Text. Früher habe ich immer sehr kryptisch und verschachtelt geschrieben, jetzt sind die Texte gerade heraus. Ja, ich glaube, das kann man von der EP sagen: Sie ist etwas sehr Ehrliches.

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