Musical-Sterben: Warum es kaum noch Musicals im Ruhrgebiet gibt

Mit dem Wegfall der beiden Musical-Theater in Oberhausen und Essen begann das „Sterben“ des kommerziellen Musicals im Ruhrgebiet. Einzig Starlight Express in Bochum kann sich noch als letzte Instanz halten. Aber warum sehen große Musical-Firmen wie Stage Entertainment keine Perspektive mehr im Ruhrpott? Die Hintergründe.

2020 war ein schwieriges Jahr für die Kulturszene auf allen Ebenen: Konzerte mussten abgesagt werden, Veranstalter:innen konnten keine Einnahmen machen, Zuschauer:innen durften nicht ins Theater gehen. Das Ruhrgebiet wurde noch härter getroffen, denn dort schlossen ausgerechnet in dem Jahr noch die zwei größten reinen Musicalhäuser der Region. Von 2005 bis 2020 betrieb Stage Entertainment das Metronom Theater in Oberhausen, das ursprünglich für das Musical „Tabaluga & Lilly“ entworfen wurde. Nach dem Stück „Tanz der Vampire“ schloss Stage das Metronom Theater im Frühjahr 2020. Dasselbe Schicksal ereilte auch das Colosseum in Essen. Das Unternehmen betrieb die Musicalstätte von 2000 bis 2020.

Wir haben mit ehemaligen Angestellten der Stage-Standorte gesprochen sowie mit einem Dozenten für Musicals, um aufzuklären, wie es zu dem Musical-Sterben kommen konnte und wie es in der Region weitergeht. Wir haben Stage mit allen Vorwürfen konfrontiert, die in diesem Text erhoben werden – das Unternehmen hat sich bis zum Redaktionsschluss nicht dazu geäußert.

Sonja Gast war bis zur Schließung als Maskenbildnerin im Metronom Theater tätig. Schon im Jahr 2005 arbeitete sie dort als Praktikantin und kehrte nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung zurück. Es war eine „perfekte Mischung aus einer anspruchsvollen Arbeit, aber mit einem perfekten Team“, erinnert sie sich. Heute arbeitet sie bei der Landesbühne Niedersachsen Nord, überwiegend am Stadttheater Wilhelmshaven.

Die Mitarbeiter:innen des Metronom Theaters wollten die Schließung nicht einfach so hinnehmen. Sie kämpften für ihr Theater und erhofften sich alle dadurch die Rettung des Metronom Theaters. Unter anderem startete Sonja Gast eine Online-Petition, die Stage wachrütteln und auf die Relevanz des Theaters für Crew und Publikum aufmerksam machen sollte. Doch von Stage habe es nicht einmal eine Reaktion gegeben.

Außerdem haben die Mitarbeiter:innen vor und nach den Vorstellungen Flugzettel mit QR-Codes verteilt, über die die Menschen ihre Meinung über das Theater und was es ihnen bedeutet aufschreiben konnten. Auch haben sie nachts Mahnwachen vor dem Haupteingang des Theaters gehalten. Auf den Sozialen Netzwerken versuchten sie mit dem Hashtag „Rettet das Metronom Theater“ auf die Schließung aufmerksam zu machen und Reichweite zu generieren. Sonja Gast glaubt, dass die Entscheidung schon längst gefallen war. 

„Für alle war es ein großer Schock, dass das Theater wirklich geschlossen wird. Damit hatte niemand so richtig gerechnet, auch wenn es eine leichte Vorahnung gab.“ Sonja Gast war sehr traurig darüber. Auch heute noch ist das Thema sehr emotional für sie, weil ihr das Metronom Theater sehr am Herzen liegt. „Das war einfach mein Zuhause. Das war so als würde man einem die Familie wegnehmen“, erzählt sie. Die Maskenbildnerin hätte sehr gerne weiter im Metronom Theater gearbeitet.

Auch Jessica Lapp hat im Metronom Theater gearbeitet. Sie war Teil des Casts von „Bat out of Hell.” Wie Sonja Gast bedauert auch sie die Schließung sehr: „Wir haben alle gehofft, dass es nicht passiert. Wir haben alle gesagt, das ist eine absolute Schande.“

Maskenbildnerin Sonja Gast: Falsche Stücke für das Ruhrgebiet

Stage hat die Schließung in einer Pressemitteilung damit begründet, dass das Theater sich wirtschaftlich nicht gerechnet hätte. Kritiker:innen sagen aber, dass diese Gründe nur vorgeschoben seien und es eher an einer schlechten Preispolitik und einer falschen Spielplangestaltung gelegen habe. 

Für Sonja Gast war vor allem die Stückauswahl entscheidend für die schlechten Umsätze. „Wir brauchen nur das richtige Stück im Ruhrgebiet und dann läuft’s auch“, meint sie. Sie hätte sich mehr Disney- und Familienstücke gewünscht. Diese laufen ihrer Meinung nach am besten, da viele Familien und Kinder im Ruhrpott leben. Das habe man an den Erfolgen von „Tarzan“ und „Starlight Express“ gesehen. 

Da stimmt ihr Jessica Lapp zu. „Alle Stücke, die nicht Disney sind, könnten auf dem deutschen Markt Probleme haben, denn ich sag mal, das deutsche Publikum will unterhalten werden“, meint sie. Welche Stücke gut laufen könnten, ist trendabhängig, sagt Professor Kay Link. Er ist Regisseur und Dozent für Musicalgeschichte an der Folkwang Universität in Essen. Das vorletzte Stück im Metronom Theater „Bat out of Hell“ sei keine Mainstream-Produktion gewesen und war nicht für ein breites Publikum angelegt. „Bat out of Hell hat uns das Genick gebrochen“, meint Sonja Gast.

Kay Link sieht in den Schließungen der beiden Theater einen Zusammenhang mit den Trends der kommerziellen deutschen Musicalbranche. Für ihn stellt sich nicht die Frage, warum Musicals im Ruhrgebiet so schlecht laufen, sondern warum Musicals in den 90er Jahren so große Erfolge feierten. „Ich glaube, es ist eher ein Phänomen, dass es eine Zeit lang so gut funktioniert hat in Deutschland“, sagt er. Seiner Meinung nach war es von Anfang an ein deutsches Kuriosum, dass es in Deutschland nicht eine Metropole gibt, in der die meisten Musicalhäuser gebündelt sind – ähnlich wie am Broadway oder im Westend. Hier sind die Musicalhäuser über das Land verteilt. Dadurch fehle an den einzelnen Standorten die Theaterdichte und die Nachbarschaft.

Das Ruhrgebiet ist kein Einzelfall, auch in anderen Regionen und Städten läuft bzw. lief Musical nicht gut. Zum Beispiel „Tommy“ in Offenbach oder „Sunset Boulevard“ in Niedernhausen, wie er erzählt. Für „Sunset Boulevard“ baute man sogar ein eigenes Theater, das jetzt nicht mehr benutzt wird. Viele Theater in Deutschland stehen mittlerweile leer. Dies habe laut Link vor allem einen tragischen Effekt: „Jedes Haus, das schließt, bedeutet ein paar hundert Arbeitsplätze im Musicalbereich weniger.“ 

Sonja Gast glaubt, dass zu manchen Stücken so wenig Zuschauer:innen ins Metronom Theater gekommen seien, weil zu wenig Werbung gemacht wurde. „Wir hatten teilweise, dass Taxifahrer nicht wussten, welches Stück in Oberhausen gerade am Metronom Theater läuft“, erzählt sie. Das sei an den großen deutschen Stage-Standorten anders, denkt Jessica Lapp: „Ich glaube, das Problem hat man mit den Theatern in Hamburg, Berlin und Stuttgart nicht, weil die so etabliert sind. Jeder weiß, da ist König der Löwen.“ 

Musical-Sterben im Ruhrgebiet: Zu hohe Preise?

Außerdem wäre es gut gewesen, wenn es mehr Angebote für junge Leute gegeben hätte, da vor allem für diese Altersgruppen die Preise zu hoch gewesen seien. „Kunst ist für alle da“, betont Sonja Gast. Diese hat Stage in Form von Aktionstagen am Anfang noch gemacht, was aber kaum jemand mitbekommen hat, doch irgendwann eingestellt. Durch die hohen Preise war ein Besuch im Metronom Theater Sonja Gasts Meinung nach „exklusiv, fast schon elitär“.

Auch Kay Link schließt sich dieser Annahme an. Niedrige Preise würden zum Ruhrgebiet dazu gehören. Für ihn ist es wichtig zu betonen, dass es trotz der Schließungen weiterhin Musicals im Ruhrgebiet gibt und zwar in Stadttheatern. Die haben den großen Vorteil, dass sie vom Staat finanziell unterstützt werden, anders als kommerzielle Musicals, die sich komplett selbst finanzieren. 

„Sich da zurückzuziehen ist eine folgenschwere Entscheidung“: Maskenbildnerin Sonja Gast zu Wegfall der Musicalbranche im Ruhrgebiet

Eigentlich sei das Ruhrgebiet ein guter Standort für Musicals, findet Sonja Gast, weil es in der Mitte von Deutschland liegt: „Sich da zurückzuziehen ist eine folgenschwere Entscheidung.“ Zu Beginn habe man das Ruhrgebiet als Musicalstandort gesehen, zu dem die Menschen aus ganz Deutschland hinfahren werden, erzählt Kay Link. Trotzdem laufen die anderen Stage-Standorte viel besser.

Das könnte zum einen daran liegen, dass man den Musicalbesuch in Hamburg, Berlin und Stuttgart mit einem Städtetrip verbinden kann, wie alle drei sagen. Sie sind sich einig, das würden die wenigsten im Ruhrgebiet machen. Da käme man fürs Musical und nicht für die Region.

Deswegen gab es auch kaum Laufkundschaft wie in den anderen drei Städten, glaubt Jessica Lapp. Auch Stage nennt in ihrer Begründung, dass viele Zuschauer:innen aus NRW Musicals in anderen Bundesländern wie Hamburg sehen würden. Des Weiteren werden in den anderen Städten vor allem Disney- und Familienstücke gezeigt, wie zum Beispiel Disneys „Die Eiskönigin“ in Hamburg, Disneys „Aladdin“ in Stuttgart oder „Ku’damm 56“ in Berlin. 

Letztes großes kommerzielles Musical im Ruhrgebiet: Starlight Express seit Jahren erfolgreich

Eine letzte Musical-Instanz gibt es noch im Ruhrgebiet. Seit über 30 Jahren läuft Starlight Express in Bochum. Jessica Lapp arbeitet dort mittlerweile als Swing. Dass die Zuschauer:innen teilweise mitten auf der Bühne sitzen können und so ein Teil der Show sind gehört neben dem Aspekt, dass die Darsteller:innen auf Rollschuhen performen, für sie zu den Hauptgründen, dass das Musical sich schon so lange hält. Im Metronom Theater hat sie sich wie Zuhause gefühlt, bei Starlight kommt es schon ganz nah dran. 

Zudem ist Starlight Express einfach Kult im Ruhrgebiet. Nach Kay Link sei es für Starlight Express von Vorteil gewesen, dass es den sogenannten „Break Even Point“ bereits erreicht hatte und Gewinne machte, als viele der anderen Musicals erst anfingen. So konnten sich die Show in Bochum etablieren, bevor die Trends der deutschen Musicalbranche wieder abwärts gingen, so Link. Außerdem sei Starlight Express zu Beginn etwas ganz Neues gewesen. Er glaubt nicht wirklich daran, dass man so eine Long-Run noch einmal im Ruhrgebiet etablieren könnte. 

Ende des Colosseum-Theaters in Essen besiegelt – Zukunft für Metronom-Theater noch unklar

Dass es im Colosseum in Essen keine Inszenierungen mehr geben wird, ist besiegelt. Mittlerweile wird das Gebäude für Büros der RAG-Stiftung und des Essener Konzerns E.ON genutzt. Ein weiterer Verlust für die sowieso schon nicht dichte Theaterszene in Essen. Wie es mit dem Metronom Theater weitergeht, weiß momentan niemand. Laut Medienberichten gab es Gerüchte, dass Mehr-BB Entertainment es kaufen und es als Tour-Theater nutzen wollte, doch Stage hat es bisher nicht freigegeben.

Auch Jessica Lapp und Sonja Gast hörten davon. Kay Link glaubt momentan nicht an einen Neustart, schließt es aber auch nicht gänzlich aus. „Vielleicht bräuchte es für das Ruhrgebiet ein Musical mit Bezug zur Region oder zum Arbeitermilieu beziehungsweise Strukturwandel -ähnlich wie die britischen Shows des sogenannten Liverpooler Realismus wie „Billy Elliot“, „Blood Brothers“, „Kinky Boots“ oder „Everybody is talking about Jamie“, spekuliert Link. Dann könnte ein Neustart vielleicht nochmal gelingen. 

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: Theaterkollektiv Trafique: Wie Streaming und Live-Theater zusammenpassen.

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