„Meine Musik soll nicht gefällig sein”: Sängerin LILOU im Interview

LILOU macht Indie-Pop, hat in Essen Popkomposition studiert und setzt sich für die Sichtbarkeit von Frauen in der Musik ein. Im STROBO:Interview erzählt sie über ihren Heimweg nach Essen, Feminismus in der Musik und ihre kommende EP. 

STROBO: LILOU, Du hast in Essen Popkomposition studiert. Welche Discos, Kultur- oder Musikangebote haben dich dort besonders geprägt?

LILOU: Außerhalb meines Studiums habe ich mich in Essen schwergetan. Ich hatte Uni und meine Dienstleistungsmusik, somit war mein Alltag immer schon sehr voll und stressig. Musiktechnisch bin ich aber viel auf Konzerte gegangen im ganzen Ruhrgebiet. Ich habe das gesamte Ruhrgebiet immer so ein bisschen gesehen wie Berlin, so als Ganzes. Für Konzerte konnte man schnell nach Dortmund oder Bochum fahren. Aber in Essen fand ich es schwierig eine Populärkultur außerhalb meiner Uni zu finden.  

STROBO: Du sagst selbst über deine Musik, dass du „bildhaften Indie-Pop mit Kante“ machst. Wie kann man sich einen klassischen Songwriting-Prozess bei dir vorstellen?

LILOU: Meine Sachen schreibe ich allein, für mich an einem stillen Ort und nicht mit einem Team. Häufig habe ich irgendeine Zeile oder ein Bild, das irgendetwas in mir rührt. Manchmal kann ich gar nicht sofort sagen, was es in mir auslöst oder warum mir das gerade so gefällt. Aber ich notiere mir alles und habe dann ein großes Ideenbuch, auf das ich zurückgreifen kann. Ab einem bestimmten Punkt setze ich mich dann hin und arbeite an einer Idee. Versuche Harmonien dazu zu finden, überlege wie der Song klingen könnte oder welche Instrumente ich sehe. 

STROBO:Inside LILOU

LILOU (28) ist in Troisdorf  geboren, hat in Essen studiert und lebt seit 2021 mit Zwergpudel Pina in Köln. Sie macht Indie-Pop, spielt und schreibt selber und hat dabei im Studio Hilfe von Kollege Alex Röseling. Insgesamt hat sie seit 2012 2 EPs veröffentlicht und gibt mit dem Song Linie 109, der … erscheinen soll, den Auftakt für ihre neueste Platte. 

STROBO: Wie äußert sich die Kante in deinen Texten?

LILOU: Die Themen oder die Situationen, die ich beschreibe, sind nicht außergewöhnlich. Aber ich beschreibe sie mit Details oder Bildern, die nicht so banal und offensichtlich sind, wie das, was ich im Radio höre und was mich da so nervt. Ich versuche auch nicht mit sauberen Reimen alles glatt zu bügeln oder 4/4 Kicks darunter zulegen, um es tanzbar zu machen. 

Mir ist es wichtig, dass meine Musik nicht gefällig ist, um sicher zu gehen, dass man jetzt wirklich alle Leute damit abholt. Ich will einfach ein paar Ecken drin lassen, die ich gut finde. 

STROBO: In deiner Instagram-Bio steht, dass du Feministin bist. Außerdem bist du Teil von musicNRWwomen*, einem Netzwerk für Frauen in der Musik inNordrhein-Westfalen. Wo braucht es Feminismus in der Musikwelt?

LILOU: Mir geht es darum, ein Bewusstsein bei den Konsument:innen für die Problematik herzustellen. Mir ist ganz viele Jahre nicht aufgefallen, dass alle meine Lieblingsbands männlich besetzt waren und ich fast keine Frauen gehört höre. Ich dachte dann einfach, ich würde lieber Männerstimmen hören, aber das ist nicht wahr, es hängt mit einer Hörgewohnheit zusammen. Irgendjemand muss anfangen Frauen auf die Bühne zu stellen, sie vermehrt im Radio zu spielen und das Risiko einzugehen. Man kann nicht immer nur Angst haben, dass die Hörer*innen abschalten.

Mit musicNRWwomen* setzen wir uns vor allem für die Sichtbarkeit von Frauen in der Musikszene ein. Das ist eine Sache, die auf jeden Fall fehlt. Es heißt an so vielen Stellen, es gäbe keine Frauen oder nicht-binäre* Personen, die sehr gute Musik machen. In der Musikindustrie wird ein Qualitätsabfall behauptet, der von den Geschlechtern abhängig sei. Und das kann ich absolut nicht bestätigen.  

STROBO: Ist Feminismus Teil deiner Musik?

LILOU: Ich bin mir sicher, dass meine persönliche Haltung beim Songwriting eine Rolle spielt und beeinflusst, wie ich Sachen formuliere und über welche Themen ich nachdenke. Auf der neuen Platte habe ich keinen expliziten Song, der thematisiert, dass jetzt eine Veränderung hermuss. Aber es gibt indirekte Berührungspunkte. Im Song „Linie 109“, der der erste Song der neuen Platte sein wird, geht es um diese Angst, die nachts im Dunklen auf dem Weg nach Hause entsteht. 

STROBO: „Linie 109” soll im April erscheinen, wie ist der Song entstanden?

LILOU: Linie 109 ist die Straßenbahn, mit der ich in Essen immer nach Hause gefahren bin. Das war die Linie direkt vor meiner Haustür. Und in dem Song geht es um diese Beklemmung oder Bedrohung, die ich fühle, wenn ich nachts allein nach Hause fahre. Ich lasse in dem Song bewusst offen, ob diese Bedrohung von einer Person ausgeht oder aus einem Teil von mir kommt.

STROBO: Schon seit 2019 arbeitest du an deiner neuen EP, die in diesem Jahr erscheinen wird. Was hat sich verändert seit deiner letzten Platte Aber manchmal doch” von 2016?

LILOU: Genre-technisch ist es keine Veränderung, eher eine Fortsetzung.Ich mache immer noch deutschsprachigen Independent-Pop. Die Art der Texte hat sich aber ein bisschen verändert. Ich glaube, man hört einen Reifeprozess, den ich gar nicht so genau beschreiben kann. Thematisch bleibt es viel bei zwischenmenschlichen Themen, aber die sind ein bisschen spezifischer und vielschichtiger geworden. 

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