„Ich hab mehr Kohle als das Ruhrgebiet“ – Die Region in Pop- und Rap-Lyrics

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„Bochum, ich komm‘ aus dir!“ schmetterte schon Herbert Grönemeyer im Song „Bochum“ von 1984. Wir sind für euch auf Spurensuche gegangen und haben geschaut, wo das Ruhrgebiet noch in Lyrics von Pop- und Rap-Songs erwähnt wird.

Popkultur definiert sich über Musik, wenn sie nicht sogar aus ihr entsteht. So können einzelne Songs oder einzelne Zeilen eine Stadt, einen Bezirk oder nur einen Club auf einen legendenhaften Status heben. Zum Beispiel so, wie es in Berlin zahlreich passiert ist. Von David Bowie über Peter Fox bis hin zu Kraftklub haben Künstler:innen ihre Erlebnisse und Eindrücke in dieser Stadt in Songs verarbeitet. Daraus entsteht nicht nur ein Soundtrack, sondern auch ein Image. Doch wie sieht das im Ruhrgebiet aus?

„Bochum, ich komm aus dir“ – unvergessliche Songs in den 80ern 

Herbert Grönemeyers „Bochum“ kann getrost als die berühmteste Hymne über eine Stadt im Ruhrgebiet betitelt werden, eine Region, die sonst auf einer Karte zur Popmusik über deutsche Städte ein weißer Fleck wäre. Über die Grenzen hinweg liegen sich noch heute Jung und Alt singend in den Armen, wenn bei Kleingartenfesten, Oldie-Abenden und Hochzeiten „Bochum, ich komm’ aus dir“ aus den Boxen schallt. Besonders bezeichnend ist das, wenn man überlegt, dass Menschen aus anderen Himmelsrichtungen Bochum vor der Veröffentlichung des Songs höchstens durch den Fußball gekannt haben mögen.

1983 hatte der gebürtige Kölner Wolfgang Petry die schlagereske Hymne „Ruhrgebiet“ veröffentlicht, in der er vom Ruhrgebiet als eine Droge spricht, die ihn aufrecht hält. Zumindest die einprägsame Melodie haben Millionen Menschen schon einmal gehört. Der Song befindet sich tief im Herzen jeder Person aus dem Pott. Seitdem sind fast 40 Jahre vergangen.

Nur noch eine Randerscheinung

Das Ruhrgebiet und seine Städte finden heute nur noch vereinzelt in der Popmusik Erwähnung. Die Zeile der Neuen Deutschen Welle Pioniere Extrabreit „komm nach Hagen, werde Popstar, mach dein Glück!“ hat über die Jahre an Wahrheitsgehalt eingebüßt. Zuletzt hatte Nena mit ihrem Best Of Album 2002 das letzte Mal so richtig die Charts gestürmt.

Es scheint, als wäre die Region eine Randerscheinung, eine Heimat, die Künstler:innen Richtung Berlin verlassen müssen, um erfolgreich zu werden. Und sie thematisieren das schon gar nicht in ihren Songs, dass sie dort aufgewachsen sind – wie zum Beispiel die Hattinger Band Frida Gold, die mit „Liebe ist meine Religion“ 2013 sogar ein Nummer 1 Album hatten. Es gibt aber Indizien, dass das Ruhrgebiet in Popkultur eingebettet wird. Alle Treffer der Spurensuche sind in der Rapmusik beheimatet und stammen von ohnehin in der Musik dominierenden Männern. 

Vergleiche, Orte und Bilder: Das Ruhrgebiet im Rap

Meist wird dabei die Region für Vergleiche am Rande des eigentlichen thematischen Inhalts des Songs herangezogen. Mal rappt der noch junge Kollegah in „Kolumbianer“: „Ich hab mehr Kohle als das Ruhrgebiet, Durchlöcher deinen Körper wie ein Nudelsieb.“ Oder ein anderes Mal das Hamburger Rap-Trio Fettes Brot in „Können diese Augen lügen?“ „meine Gang ist fetter, wie mein Cousin aus Dortmund“.

Für ein dystophiehaftes Bild, das sie in „Die Welt ist fertig“ zeichnen, prangern Deichkind an, was passiert, wenn der Meeresspiegel durch den Klimawandel weiter steigt: „Alle Straßen sind geteert, Gelsenkirchen liegt am Meer – In Grönland wachsen Palmen, alle Groschen sind gefallen.“ 

Auch die Kleinstadt Witten erhält Aufmerksamkeit. In seinem Song „Terrorangst“, der auf dem Album „Schlaftabletten, Rotwein V“ zu finden ist, singt Alligatoah „Das einzige noch sichere Urlaubsziel (ja?) Ist Witten im Ruhrgebiet mit ’ner Security“ und nimmt damit Witten als Beispiel für vermeintliche provinzielle Sicherheit in Zeiten von allgegenwärtiger Terrorangst in Großstädten.

Dendemanns „Wo ich wech bin“

Als Dendemann Anfang 2019 sein lang erwartetes drittes Studioalbum „Da nich’ für“ der Öffentlichkeit preisgab, war darauf auch der Song „Wo ich wech bin“ enthalten. Allein durch den dialektalen Titel lässt dieser eine Affinität zum Ruhrgebiet erahnen. Geboren in Wickede, an der Grenze zwischen Sauerland und Ruhrgebiet, war Dendemann zum Skaten häufig in Dortmund. Mit den Lines „Dis is‘ das Zentrum, dis‘ is unsere Spaßfabrik, Dis is‘ Keuning-Haus, dis is‘ Monster Mastership“ spielt er auf seine Zeit am Dietrich-Keuning-Haus im Dortmunder Norden an, welches bis heute als Indoor Skatehalle, Kulturzentrum und Veranstaltungshalle Bestand hält.

Dem Keuning-Haus und der HipHop Band Too Strong setzt er mit den Referenzen ein Denkmal und bezeichnet das Ruhrgebiet als „größten Spa der Welt“. Dazu erklärt er im Interview mit der Frankfurter Rundschau: „Wenn ich im Song davon rappe, dass es ‚das größte Spa der Welt‘ ist, dann meine ich das auch so: In die Straße meiner Eltern kommen, das ist pure Erholung.“

Kokain Hochburg Dortmund: 18 Karat und Miami Yacine

Wie stark die Lebenswirklichkeiten auseinanderdriften können, obwohl der Ort, den Menschen erleben der gleiche ist, zeigt die Musik der Rapper 18Karat und Miami Yacine. Beide Rapper sind in der Dortmunder Nordstadt aufgewachsen. Unweit Dendemanns Keuning-Haus befindet sich der Borsigplatz, den 18Karat in einem Feature Part auf KC Rebells „Das bist alles nicht du“ als knallharten Lebensraum beschreibt: „Junge, das ist Dortmund, Borsigplatz ist meine Herkunft – Bei uns schreibt man Knastbriefe, nicht die Bewerbung.“ Im Song „Crackcity“ hingegen gibt der Rapper, dessen Markenzeichen eine goldene Maske und ein goldener Lamborghini ist, mit den Gegebenheiten an: „Mörder mit Schusswaffen, Bitches mit Zuhältern, Dortmund Crackcity, wir sind bis auf’s Blut Gangster.“ 

Auch Miami Yacine bringt in seiner Musik den Dortmunder Norden in Verbindung mit Drogen. In „Kokaina“ wird Dortmund zwar nicht namentlich erwähnt, mit seiner Single erreichte er jedoch auf Anhieb Platinstatus und knackte als erster deutscher Rapper die 100 Millionen Views Marke bei Youtube. Im Song „Narco Ben“, der Anfang 2020 mit seinem Album „Welcome 2 Miami“ erschienen ist, erzählt er gemeinsam mit Feature Gast Capital Bra die traurige Abwärtsspirale einer drogenabhängigen Frau in Dortmund: „Ihre Nase blutet, denn sie zieht vom Glastisch, Dortmund-City, Dealer geben dir was gratis. Auf einmal wirst du süchtig und du brauchst nur Bares, Mademoiselle kommt nie wieder raus aus der Matrix.“

Die Affinität der Dortmunder zu Kokain ist sogar wissenschaftlich belegt. Regelmäßig führt die Stadt die Rangliste der Städte mit den meisten Kokainrückständen im Abwasser an. Und so spannt sich der Bogen wieder zu Wolfgang Petry.

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