Susanne Blech-Sänger Timon Kaleyta: „Die Musik war einfach zu schlecht“

Die Band Susanne Blech galt zu Beginn der 2010er-Jahre als eine der heißesten Newcomer. Ihre Songs lösen nicht nur live einen unheimlichen Drang aus, sich bewegen zu wollen. 2021 gibt es neue Musik von Susanne Blech. Die Live-Ekstase bleibt aber wohl aus.

Dass die Frontfrauen und Frontmänner einer Band mal im Publikum auftauchen, ist nicht unbedingt ungewöhnlich. Egal ob Stage Divend oder wild pogend, die Leader diverser Bands steigen gern mal von ihrer erhabenen Bühne hinab zum tanzenden Pöbel. Umgekehrt ist es allerdings eher selten.

Anders beim Auftritt von Susanne Blech auf dem Juicy Beats 2012, dem Auftritt den Timon Karl Kaleyta als den besten seines Lebens bezeichnet. Fast die Hälfte des Auftritts spielt die Band mit Teilen des Publikums auf der Bühne. Diesem Konzert und den damit verbundenen Empfindungen wird Timon für immer hinterherjagen. „Das man für so ein paar Leute der Mittelpunkt der Welt ist, ist unbezahlbar“, erzählt er im Gespräch mit STROBO.

2021 ist einiges anders bei der Musik und den Auftritten von Susanne Blech: Beginnend bei der Bandzusammensetzung. Stand Susanne Blech bis 2018 noch mit vielen Leuten auf der Bühne, wurde das am 28. Mai erscheinende Album Die innere Sicherheit” nur mit Gründungsmitglied Sebastian Maier sowie neuerdings mit Tilman Ezra Mühlenberg produziert. 

Sonderlich Bock auf Disko! haben Timon und Susanne Blech nun nicht mehr. War die Musik früher ein Garant der Ekstase, ist sie 2021 eher andächtig und entspannt: „Das ist jetzt so ganz schöne Musik, die man auf seiner Yacht hört, wenn man vor St. Tropez ankert“, so Timon.

Arte Konzert statt Juicy Beats

Krawallige Musik passe nicht mehr so zu ihm, jetzt komme die Musik direkt aus seiner Wohlstandsverwahrlosung. Auch ausufernde Liveauftritte wie auf dem Juicy Beats 2012 wird es bei Susanne Blech wohl nicht mehr geben. „Mit der neuen Musik würde ich vielleicht so Arte Konzerte bei Vernissagen spielen, wo es nicht mehr so anstrengend ist.“ 

Timons Wohlstandsverwahrlosung ist vermutlich besonders durch seine Tätigkeit als Autor geprägt: Kürzlich erschien sein Debütroman Die Geschichte eines einfachen Mannes” im Piper Verlag, während Timon zugleich als Autor für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Comedy-Fernsehserie „Jerks” tätig ist. 

Timon Karl Kaleytas Debütroman.

Es scheint als spiele Musik in Timons Leben eher nur noch eine Nebenrolle, wenn sie überhaupt je eine Hauptrolle ausfüllte: „Ich habe mich selbst nie als Musiker empfunden. Das ist nicht, was ich machen wollte oder machen konnte.“ Er spiele kein Instrument besonders gut, auch Gesangsunterricht habe er nie genommen.

Viel lieber wollte er eben immer schon Autor werden. Die Musik habe ihn immer zu stark an ein Konstrukt gefesselt. Die Musikkarriere empfindet er in gewisser Weise als Ermöglichung seiner Autorenkarriere. Es ist bei ihm ein bisschen wie bei Rappern, die Musik primär machen, um damit ihren eigenen Shishatabak verkaufen zu können. Ja man kann fast sagen, Literatur sei Timons Shishatabak.

Musikalische Hoffnungsträger des Ruhrgebiets

Trotzdem will Timon die vergangene Zeit der Bandkarriere nicht missen: „Diese Jahre, in denen wir wirklich dachten, dass wir die aller aller besten seien, sind so unheimlich wertvoll.“ 2002 nimmt Timon spaßeshalber einen Song im hauseigenen Studio seines besten Freundes Sebastian Maier auf. „Neuzeit“ heißt das Lied, auf das der Hamburger Produzent Matthias Arfmann aufmerksam wird, der unter anderem Bambule von den Beginnern produzierte.

Susanne Blech-Sänger Timon Karl Kaleyta.
Foto: Jan-Philipp Welchering.

Auf den ersten Song folgt 2008 das erste Album, „Deutsche Renaissance – Ein Kanon“, und mit ihm in den darauffolgenden Jahren diverse Auftritte im ganzen Ruhrgebiet. Egal ob Juicy Beats, Bochum Total oder Essen Original: die Band avanciert sich zum musikalischen Hoffnungsträger des Ruhrgebiets. Um es mit den Worten der WAZ zu sagen, Susanne Blech ist „Die berühmteste Herner Band der Welt“.

Schnell entwächst Susanne Blech auch dem Ruhrgebiet, spielt auf den großen Festivals Deutschlands, als Vorgruppe der Toten Hosen und Marteria und bekommt Features der Sänger von Egotronic und Frittenbude sowie Texte von Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre beigesteuert.

Susanne Blech bleibt jetzt auf der Bühne allein

Lange schien es, als könne Susanne Blech tatsächlich das Ruhrgebiet wieder auf die (Welt-)Karte setzen. Von ihrem dritten Album Welt verhindern erhoffte sich die Band 2014 den großen Plattenvertrag und mit ihm auch den großen Erfolg. Doch beides blieb aus.

Das Material des Albums konnte die vielen Plattenfirmen, die vorab Interesse an der Band bekundeten, nicht überzeugen, sodass Susanne Blech auch das dritte Album wieder in Eigenregie rausbringen musste. Nüchtern betrachtet Timon heute, warum es mit dem großen Erfolg nie etwas geworden ist: „Die Musik war einfach zu schlecht.“ 

Nach Welt verhindern wird es deutlich ruhiger um die Band. 2018 erscheint das vierte Album Ragazzi di Vita, das allerdings wenig Beachtung erfährt. Mit diesem Album gab es nochmal einen Auftritt auf der zweiten Mainstage beim Juicy Beats. Dieses Mal bleibt die Band auf der Bühne allerdings unter sich.

Einzigartig sind vor allem die Texte der Band. Diese schreibt Timon nach eigener Aussage immer intuitiv. Früher lässt er einfach Aussagen, die er in seinen Uni-Seminaren aufschnappt, in seine Texte einfließen. Dabei sind die Texte stets geprägt von Ambivalenz und ohne eindeutige Botschaft, gleichzeitig ernst wie ironisch. Susanne Blech verwendet keine Texte, die man sich als Wandtattoo in seine viel zu teure Mietwohnung klatscht.

Carpe Diem, Live your Life oder Augen zu und tanzen gibt es bei Susanne Blech nicht. Die Texte von Susanne Blech verbieten sich, so etwas wie eine Message rüberzubringen: „Ich habe immer nur von dem Klang der Worte ausgehend Texte geschrieben. Das sollte sich für mich immer nur so anhören als hätte das noch nie jemand vorher so gesagt.“ – beschreibt Timon seine Musik. Susanne Blechs Musik könnte man als Anti-Wandtattoo bezeichnen, wobei sich die Line (gesungen von Danja Atari) „Mutter sagt zu Wittgenstein, jeder muss ein Flittchen sein“ aus dem Lied „Mutter” vielleicht doch schön in jedem Wohnzimmer machen würde.

Auch auf dem kommenden Album sind Texte eher ästhetische Wortansammlungen als klare Botschaften. Timon hält an seinem Grundsatz fest: „Musik war für mich immer sehr abgekoppelt vom Inhalt. Es sollte eher ein raunendes Gefühl transportieren, das sich aber nicht fassen lässt.“ „Die innere Sicherheit“ lässt sich als künstlerische Offenbarung von Timons Wohlstandsverwahrlosung verstehen.

Die erste Single-Auskopplung „Verschweig mir deine Note“ unterstreicht, dass wir uns mit unseren Problemen vermutlich lieber an andere Künstler:innen wenden sollten. Auch wenn Susanne Blech vermutlich nicht mehr in den großen Hallen der Welt läuft, reicht es vielleicht ja für die Bose Soundanlagen der Yachten vor St. Tropez.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: (K)eine wahre Geschichte – Rezension von Timon Karl Kaleytas Debütroman

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