Wieso die Silvester-Krawalle zeigen, dass wir ein Problem mit Männlichkeit haben

Die Diskussionen nach den Silvester-Krawallen sind geprägt von rassistischen Aussagen und Vorurteilen. Dadurch gerät das eigentliche Problem in den Hintergrund, findet Leonie von Feminismus im Pott. Sie sagt: Wir sollten über Männlichkeit sprechen und darüber, wie wir unsere Gesellschaft wirklich gewaltfreier machen können.

Kaum hat das neue Jahr begonnen, zeigt Deutschland schon wieder sein hässlichstes Gesicht. Nach den Angriffen auf die Polizei und die Feuerwehr während der Silvesternacht, hätten wir berechtigterweise eine Debatte über das Böllerverbort, toxische Männlichkeit oder soziale Ungerechtigkeit führen können, aber wir sprechen über Menschen mit Migrationshintergrund. Die (rechts)konservative Front erfreut sich an den Schuldzuweisungen. Sie ist sich nicht zu schade, alle rassistischen Ressentiments zu bedienen, die ihr einfallen.

Sofort wird die Demokratie in Gefahr gesehen und die Frage nach der Integrationsfähigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund aufgeworfen. Dabei werden Reichsbürger:innen, die tatsächlich den Sturz unserer Demokratie mit Waffen geplant haben, als wirre Senioren abgetan. Niemand hat hier nach der Integrationsfähigkeit von Senior:innen, Rechtsextremen oder Reichsbürger:innen gefragt.

Und so möchte die CDU lieber, ganz im Stil der AfD, die Namen der beteiligten Deutschen wissen, um gezielt Hass und Hetze gegen eine sowieso schon marginalisierte Personengruppe zu schüren. Denn die Auskunft „es waren Deutsche“ reicht ihnen nicht aus. Es soll ein Phänotyp des „Anderen“ gezeichnet werden, eine Person, die nicht Hans oder Lukas heißt und dementsprechend nicht „richtig“ deutsch sein kann, obwohl sie die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Die Erhebung der Namen soll die rassistische These untermauern, dass nur Menschen mit vermeintlich „anders“ klingendem Namen Straftaten begehen. Doch so einfach ist es nicht. Ein Faktor ist jedoch offensichtlich, auch ohne weitergehende Untersuchungen: der Großteil der involvierten Personen waren Männer.

Die Silvesternacht ist hierbei kein Ausnahmefall. Laut dem Bundeskriminalamt wurden 2021 rund 75% der Straftaten von Männern verübt. Bei Gewalttaten liegt die Männerquote unter den Tatverdächtigen bei 84%. Bei Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen liegt sie bei 88% und bei Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen sogar bei 99%. Anders als bei der Frage nach dem Einfluss des Migrationshintergrunds, sind die kriminologischen Erkenntnisse über den Einfluss des Geschlechts auf das Kriminalitätspotenzial einer Person eindeutig. Wir haben also offensichtlich ein Problem mit Männlichkeit.

Warum „Männer weinen nicht“ ein Problem ist

Das heißt nicht, dass Männer von Natur aus schlecht oder kriminell sind. Die Sozialisation von Männern ist das Problem. Unsere Gesellschaft bringt männlich sozialisierten Personen nicht gut genug bei, adäquat mit ihren Gefühlen umzugehen. Die Floskel „Männer weinen nicht“ ist hierbei nur ein Beispiel von vielen. So wird männlich sozialisierten Personen vermittelt, dass es ein Zeichen von Schwäche sei, Gefühle wie Trauer, Hilflosigkeit oder Angst zuzulassen und zu zeigen. Die einzig akzeptierten „männlichen“ Gefühle sind hingegen Aggression und Wut. So wird es als Zeichen von Stärke gewertet, sich durchzusetzen, notfalls auch mit Gewalt.

Gewalt und Stärke werden somit eng an das Verständnis von Männlichkeit gebunden und gehen mit Anerkennung und Macht einher. Durch und mit Gewalt kann somit erfolgreich Männlichkeit inszeniert werden. Wenn wir unsere Gesellschaft also ernsthaft sicherer, gewaltfreier und dadurch besser machen wollen, müssen wir Männlichkeit neu denken und vermitteln.

Männliche Gewalt: Das kann man dagegen tun

Hierfür müssen wir schon kleinen Jungs beibringen, ihre Gefühle wahrzunehmen und sie richtig einzuordnen. Sie müssen verinnerlichen, dass es vollkommen okay ist, Gefühle zu zeigen und sie lehren, diese gewaltfrei auszudrücken. Wir müssen ihnen erklären, dass es ein Zeichen von Stärke ist, die eigenen Schwächen zuzugeben und sich anderen Menschen zu öffnen.

Wir müssen sie immer wieder daran erinnern, dass ihre Handlungen auch Auswirkungen auf andere Menschen haben und sie zu empathischen Personen erziehen. Sie müssen verstehen, dass Gewaltanwendung aus Furcht vor Schwäche, der Beweis eben dieser ist. Denn sie demonstriert nichts als fehlende Selbstkontrolle und ist ein Eingeständnis, dass man(n) sich nicht anders wehren kann. Und liebe Männer, ihr wollt doch sicherlich nicht der lebende Beweis für die These des Mannes als schwächeres Geschlecht sein, oder?

Durch die rassistischen Diskussionen soll davon abgelenkt werden, dass das Problem nicht die vermeintlich Anderen, sondern wir als Gesellschaft sind. Denn es ist immer leichter, wenn man(n) sich nicht selbst hinterfragen muss. Doch wer Hass und Hetze sät, zeigt nur wieder einmal deutlich, dass er:sie nicht wirklich an einer besseren Gesellschaft interessiert ist. 

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