„Wir schreiben keinen Song, um die Welt zu verändern“ – Blond im Interview

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Blond spielen zusammen mit Drangsal am Donnerstag bei den Juicy Beats Park Sessions im Dortmunder Westfalenpark. Mit STROBO redet die Chemnitzer Band über ihre neue Single „Du und ich“, Gesellschaftskritik in der Musik und den Auftritt.

STROBO: Am Freitag ist eure neue Single „Du und ich“ erschienen. Dabei geht es um sexualisierte Belästigung. Warum ist euch das Thema wichtig?

Nina: Musikalisch beschäftigen wir uns immer mit Sachen, die wir in unserem Alltag erleben. Und da ist sexualisierte Gewalt ein Thema. Und das Thema ist so allgegenwärtig, dass es klar war, dass wir da irgendwann mal was drüber machen wollen.

Lotta: Das ist auch ein Thema, dass sich im Alltag von jeder weiblich gelesenen Person findet.

STROBO: Darin reagiert das Opfer, indem es den Täter für immer an sich binden will. Wieso wolltet ihr die Geschichte so erzählen?

Nina: Es gibt Typen, die ihr Leben lang mit Belästigungen oder Übergriffen davonkommen. Und Frauen sind, wenn so etwas passiert, ja auch oft ohnmächtig. Ich fand es dann interessant, es so zu drehen, dass der Typ dieses Mal an die Falsche geraten ist.

Lotta: Und in den meisten Fällen ist so ein Verhalten ja nicht wirklich als Versuch gemeint, mit jemandem ins Gespräch zu kommen und die Person kennenzulernen. Es geht ja in Wirklichkeit darum, mit Gewalt Machtpositionen auszunutzen. Deshalb ist es interessant zu gucken, was passiert, wenn eine Frau zu diesen Männern sagt: „Okay cool, dann lass doch jetzt einen trinken gehen!“

STROBO: Das ist nicht das erste Mal, dass ihr Gesellschaftskritik übt. In „Thorsten“ geht es um Sexismus und in „Mansplaining“ und in „Es könnte grad nicht schöner sein“ um die Periode. Wie wichtig ist es euch, dass eure Musik gesellschaftskritisch ist?

Nina: Das ist nicht der Hauptanspruch. Wir schreiben keinen Song, um die Welt zu verändern. Für uns ist Musik ein Ventil, um selber Sachen zu verarbeiten. Wenn unsere Songs gesellschaftskritisch sind, ist das so nicht geplant.

Als die ersten Leute wieder „Geile Alte“ aus dem Auto geschrien haben, habe ich dann wieder Inspiration bekommen.

Nina, Blond

STROBO: Parallel zu eurem Single-Release stellt ihr für eine Woche auf dem Chemnitzer Marktplatz „Die Hütte der Belästigung“ auf, ein Mahnmal, das sexuelle Belästigung thematisiert – wie seid ihr zu der Idee gekommen?

Nina: Im Freundeskreis oder auch durch Debatten wie #MeToo und #deutschrapmetoo haben wir bemerkt, dass es etwas bringt, wenn man Probleme sichtbar macht und über sie redet. Dadurch fühlen sich Leute empowert und dazu ermutigt, Hilfe zu suchen. Was wir als Band machen können ist, Musik zu machen und Reichweite zu nutzen, um die Thematik sichtbarer zu machen. Und das wollen wir mit der Hütte erzielen.

STROBO: Wieso ist es Euch wichtig, Themen, die vor allem weiblich gelesene Personen betreffen, in der Musik zu platzieren?

Lotta: Dadurch, dass es bislang eigentlich fast nur Männerbands gibt, sind das Themen, die in der Musik viel zu wenig stattfinden.

Nina: Das sind auch einfach Sachen, die mich speziell als Frau nerven. Und darüber singe ich einfach. Ich sage nicht: Was findet zu wenig statt und was braucht man? Das ist etwas rein Persönliches, über das ich Lust habe zu singen und mich darüber aufzuregen. Es ist die Welt aus unseren Augen.

STROBO: Habt ihr da musikalische Vorbilder, die euch inspirieren?

Lotta: Ich bin ein extremer Fan von der Band Dreamwife, die haben super geile Themen und spielen live extrem gut. Dann finde ich HAIM gut, Gossip waren für uns immer ein großes Vorbild, da haben wir auch diesen abgespeckten basslastigen Sounds für uns gefunden.

Johann: Und ich habe gerade Girl in Red für mich entdeckt.

Lotta: Das sind derzeitig unserer Einflüsse.

Las Vegas Glamour ist die Schublade für alle Leute, die keine Lust auf Schubladen haben

Lotta, Blond

STROBO: Ihr erzählt all diese gesellschaftskritischen Themen mit Humor. Wie seid ihr zu dem Ansatz gekommen?

Nina: Humor ist unser Stilmittel. Damit gehen wir an alle Themen ran. Das ist unser roter Faden, den wir immer mit dabeihaben.

STROBO: In einem Interview mit Musikexpress hat Nina erwähnt, dass euch die Corona-Krise hart getroffen hat – und ihr Hartz IV beantragen musstet. Was macht das mit einem?

Nina: Wir waren in einer Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft. Das ist ein System, mit dem ich vorher nicht viel in Kontakt gekommen wäre. Man merkt schon, dass es ausbaufähig ist.

Johann: Man bekommt von Anfang an das Gefühl vermittelt, dass man gerne das Geld vom Amt bekommen will. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, dass man das freiwillig macht.

Lotta: Wir haben uns dann neue Nebenjobs gesucht, die nicht direkt zu der Eventbranche gehören. Wir haben nämlich alle, wenn wir nicht auf der Bühne standen, im Club gearbeitet und wenn wir nicht im Club waren, haben wir in einem Café gekellnert. Und jetzt haben wir Nebenjobs, die da vielleicht etwas sicherer sind. Deshalb brauchen wir das nicht mehr.

Herausforderungen während der Pandemie

STROBO: Wie hoch ist euer Ausfall durch Corona gewesen?

Lotta: So genau können wir das nicht sagen. Wir hatten 30 Konzerte geplant, dafür bekommt man Gage und verkauft Merch und vielleicht noch Tonträger.

Johann: Es ist ja auch schwer abschätzbar. Wir haben unser Album vor dem Festivalsommer rausgebracht und wir wissen ja nicht, was passiert wäre, wenn alles normal gewesen wäre.

STROBO: Zudem kommt, dass – wie Nina auch in einem Interview erzählt hat – Johann von euch beiden während Corona räumlich abgekapselt war. Wie kam es dazu?

Nina: Johann wohnt in einer anderen Wohnung als Lotta und ich. Und wir haben das am Anfang von Corona so gehandhabt, dass wir uns nicht mit anderen Haushalten treffen. Deswegen haben wir Johann im ersten Lockdown lange nur digital gesehen. Und das ist extrem kacke, wenn man zusammenarbeiten will.  

Johann: Die ersten fünf bis sechs Wochen haben wir uns gar nicht gesehen. Seit einem Jahr proben wir aber wieder – das ging dann ziemlich schnell, seit es die ersten Lockerungen im Sommer gegeben hat.

Nina: Das ist das erste Mal seit zehn Jahren, dass wir uns so lange nicht gesehen haben.

STROBO: Dann konntet ihr ja direkt wieder loslegen.

Nina: Wir konnten dann wieder miteinander arbeiten, aber es hat ein bisschen gedauert, bis wir wieder wirklich kreativ geworden sind.  Wir verarbeiten ja, was uns passiert – und wenn nichts passiert, ist es sehr schwierig, Inspiration zu finden.

Lotta: Heftig war auch, dass man extrem viele Interviews hatte und alle wissen wollten, was die Künstler:innen in der Pandemie machen. Und wir haben auch extrem viel gemacht – wir haben ja jede Woche einen Podcast aufgenommen. Gleichzeitig war es aber so, dass es einen unter Druck setzt, wenn alle sagen „Du hast doch Zeit, schreib doch einfach Songs“, während es einem aber vielleicht einfach nicht gut geht. Das war schwierig. Außerdem kann man als kleinere Band auch nicht sagen, dass man ein Jahr nichts macht, weil einen die Leute dann vergessen.

Nina: Es gab eine Phase, in der bei uns gar nichts ging. Das ging ja jeder Person so und zieht sich auch noch ins Jetzt, dass man sich seelisch nicht so gut gefühlt hat. Und nach dieser Phase ist dann „Du und ich“ entstanden. Als man dann wieder ein bisschen rausgegangen ist und die ersten Leute einen wieder an der Ampel angehupt oder „Geile Alte“ aus dem Auto geschrien haben, habe ich dann wieder Inspiration bekommen.

Outfitwechsel, Unterhaltung und Gehirnjogging

STROBO: Eure Shows sind dafür bekannt, dass sie sehr aufwändig gestaltet sind. Was erwartet uns bei eurem Konzert auf den Juicy Beats Park Sessions am 5. August?

Lotta: Eine aufregende Show mit sportlichen- und Gehirnjogging-Elementen. Wir haben abgesehen von der sowieso schon guten Musik sehr viel Unterhaltung dabei.

Nina: Und den neuen Song im Gepäck. Da können uns die Leute mal sehen, wie wir ganz aufgeregt sind, wenn wir den spielen (lacht). Und man darf nicht vergessen, dass wir extrem coole Outfits anhaben.

Lotta: Wir verraten nicht, wie die aussehen, aber wir haben über drei verschiedene an.

STROBO: Ihr tretet zusammen mit Drangsal auf – wird man euch zusammen auf der Bühne sehen?

Nina: Das ist eine Überraschung, aber es gibt einen Blond-Song, auf dem sich ein Drangsal-Feature befindet: Sanifair Millionär Cypher. Vielleicht spielen wir den zusammen.

Johann: Vielleicht aber auch nicht.

Nina: Drangsal und wir können uns auf jeden Fall Glitzersteinchen fürs Makeup austauschen. Er hat auch immer schönes Makeup.

Lotta: Und wir kennen uns natürlich privat und haben einfach Bock, mal wieder mit Freunden unterwegs zu sein.

STROBO: Ihr bezeichnet eure Musik als „Las Vegas Glamour“ und habt dennoch gesagt, dass ihr euch etwas gegen Einordnungen in Schubladen sträubt. Was beinhaltet das?

Lotta: Las Vegas Glamour ist die Schublade für alle Leute, die keine Lust auf Schubladen haben. Wir finden es doof, immer sagen zu sollen, was für ein Genre man macht. Wenn wir in einem halben Jahr nur noch Metal machen wollen, soll niemand sagen, dass wir doch damals gesagt haben, dass wir Indiepop machen. Deswegen haben wir gesagt, dass wir Las Vegas Glamour machen. Das ist für alle Leute, die Lust haben, mal über Grenzen hinauszuarbeiten.

Weitere Informationen: Blond und Drangsal bei den Juicy Beats Park Sessions

Das Konzert von Blond und Drangsal findet am Donnerstag, 5. August, um 20 Uhr im Westfalenpark Dortmund im Rahmen der Juicy Beats Park Sessions statt. Karten kosten 33,45 Euro und sind auf der Seite der Juicy Beats Park Sessions erhältlich.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: Drangsal im STROBO:Talk.

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