„Wir wollen Sony plattmachen“ –Ladies&Ladys ist das erste offiziell sexistische Musiklabel

Das „Ladies&Ladys Label“ setzt sich als erstes offiziell sexistisches Musiklabel nicht für, sondern gegen Sexismus in der Musikindustrie ein. Im STROBO:Talk erzählen die Gründerinnen wie sie zu der Idee gekommen sind und was für sie der Begriff Lady bedeutet.

Unfaire Verhältnisse für FLINTA (Frauen, Lesben, Inter, Non-Binary, Trans und Agender) im männerdominierten Musikbusiness sind leider noch immer gang und gäbe. Das wissen auch Johanna Bauhus (JB), Johanna Knoblauch (JK) und Melissa Pfeiffer (Mehlpi).  Alle drei sind tief im Pott verwurzelt: JK und Mehlpi haben sich bereits an der TU Dortmund im Journalistikstudium kennengelernt und sind auch im Ruhrgebiet das erste Mal auf die gebürtige Dortmunderin JB getroffen. Ebenfalls in Dortmund entstand 2016 schließlich die Idee, ein eigenes Label zu gründen. Mit Ladies&Ladys Label wollen sie dem sexistischen Klima in der Musikindustrie aktiv entgegenwirken. Das in Münster ansässige Label ist nach eigener Beschreibung das erste offiziell sexistische Musiklabel der Welt. 

STROBO: Mit Ladies&Ladys habt ihr das erste offiziell sexistische Label gegründet. Wie seid ihr zu der Idee gekommen? 

JB: Das Herz des Labels sind eigentlich Mehlpi und JK, weil sie nämlich die Band Wenn einer Lügt, dann wir haben, in die ich 2018 auch eingestiegen bin. Und ich fand die mega geil und dachte mir: „Ja scheiße, wenn ich Musik mache, würde ich gerne genau so eine Mucke machen.“ 2016 hat Mehlpi dann in Dortmund gesagt: „Ich habe keinen Bock mehr auf die ganzen Typen, die mir biergeschwängert irgendwelche Sachen vorschreiben!“  

STROBO: Was genau meint ihr damit?  

JB: Eben biergeschwängerte Flirtversuche von wegen: „Wir bringen euch jetzt ganz groß raus!“ Daraufhin hat Mehlpi einfach diesen Satz zu mir gesagt: „Ich möchte ein Musiklabel gründen, das heißt Ladies&Ladys Label und ist das erste offiziell sexistische Musiklabel der Welt. BAM.“ Und dann saß ich da und dachte mir: „Ja, geil, lass uns das machen!“

Mehlpi: Ich war vor dem Gespräch mit JK auf Tour und da ist mir aufgefallen, wie wenig man generell mit FLINTA zu tun hat. Das ist mir vorher als Musikkonsumentin gar nicht so aufgefallen. Wir waren dreißig Tage unterwegs, haben 16 Auftritte gespielt und dabei haben wir einfach keine weiblichen Personen getroffen, die mit Bühne oder Sonstigem zu tun hatten. Das war für mich so ein AHA-Moment. Daraufhin habe ich unsere gesamte Karriere Revue passieren lassen. Da bin ich stutzig geworden und dachte mir: „Ja, da muss ich doch irgendwas machen.“ 

STROBO: Also war erst die Band da und dann das Label? 

JK: Ja genau. Und Mehlpi ist die Visionärin mit dem großen Traum. 

Mehlpi: „I had a Dream.“ (Alle lachen)

JK: Und JB ist das Brain, das alles auf einen realistischen Teppich zurückholt. Und ich mache eigentlich nur Musik und schreibe ab und zu einmal eine E-Mail, damit meine Musik an die Leute kommt. 

STROBO: Ihr seid nicht nur zu dritt, sondern habt auch eine Psychologin an Bord. Warum war euch das wichtig? 

JB: Wir arbeiten gerne mit Menschen zusammen, die in diesem Musikbusiness durch die gesellschaftlichen Normen benachteiligt werden. Dementsprechend haben diese Menschen mit viel mehr Widerstand zu kämpfen. Besonders Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht in das heteronormative Muster passen, verspüren diesen Druck am meisten. Hier kann Paula mit ihrer Expertise als Begleittherapeutin von transidenten Menschen unterstützend zur Seite stehen. 

Sie war zum Beispiel auch diejenige, die am Anfang direkt gesagt hat: „Ihr könnt euch nicht einfach so auf die Straße stellen und behaupten, dass ihr sexistisch seid, denn dann vergrault ihr genau die Leute, die ihr ansprechen wollt.“ Der Begriff „sexistisch“ ist natürlich ein absolutes Triggerwort. Wenn du so etwas sagst, musst du es natürlich auch vernünftig begründen können.   

Eine Lady muss keine Vulva haben, eine Lady muss es einfach nur scheiße finden, dass es ein Ungleichgewicht in der Musikindustrie gibt und sie muss etwas dagegen tun wollen. 

STROBO: Als sexistisches Label: Wie konntet ihr den Sexismus-Begriff für euch definieren? 

JK: Sexismus ist so allgegenwärtig, dass es für uns cool ist, das Gespräch darüber einfach schonmal vorwegzunehmen und Menschen daran zu erinnern, dass selbst wir auch immer noch viel Sexismus internalisiert haben. Von dem müssen wir uns auch erstmal lösen. 

Mehlpi: Ich kann das insofern definieren: Wenn wir zwei Personen haben, die gleichwertig qualifiziert sind, und wenn nur eine Position frei ist, nehmen wir auf jeden Fall die FLINTA-Person.  

FLINTA

FLINTA ist ein Akronym, das für Frauen, Lesben, inter, nicht binäre, trans und agender Personen steht. Damit sollen alle Personen, die aufgrund ihres Geschlechts und ihrer geschlechtlichen Identität marginalisiert werden, angesprochen werden.

STROBO: Würdet ihr das als feministisch bezeichnen?  

JK: Darüber lässt sich streiten. Feminismus generell steht ja für Gleichbehandlung. Damit wäre der Akt nicht unbedingt sehr feministisch, wenn eine Person nicht aufgrund ihrer Fähigkeiten eingestellt wird, sondern aufgrund ihres Geschlechts beziehungsweise ihrer Geschlechtsidentität. Hier stellt sich natürlich die Frage wie man Gleichberechtigung erreichen kann, wenn es kein Gegengewicht geben wird.  

JK und JB. Foto: Felix Schmale.

STROBO: Warum dann die Bezeichnung Lady? 

JB: Wir haben den Begriff Lady für uns ganz neu definiert. Eine Lady muss keine Vulva haben, eine Lady muss es einfach nur scheiße finden, dass es ein Ungleichgewicht in der Musikindustrie gibt und sie muss etwas dagegen tun wollen. 

STROBO: Wollt ihr denn mit der Bezeichnung „Erstes offizielles sexistisches Label“ provozieren? 

Mehlpi: Das mit dem „Ersten Offiziellen“, ist schon als eine Art von Provokation gemeint. Weil wir ja damit implizieren, dass es inoffiziell sexistische Musiklabels gibt. 

„Wir wollen Sony plattmachen!“  

STROBO: Was unterscheidet euch sonst noch von anderen Labels? 

JK: Bei anderen Labels steht Musik an erster Stelle, das ist das worum sich das Label auch klassischerweise kümmert und bei uns steht direkt neben der Musik auch noch „Anti-Sexismus.

Mehlpi: Wir sind außerdem auch richtig bei der Partyveranstaltung dabei und haben mittlerweile auch gute Partner:innen im Veranstaltungsbereich für Konzerte und Partys. Und wir bieten auch eine 100-prozentige FLINTA-Quote an. Zum Bespiel Mischer:innen und so weiter. Also setzen wir direkt ein Gegengewicht in die Industrie und produzieren nicht nur feministische Musik.  

STROBO: Was sind eure Zukunftspläne mit dem Label? 

JB: Wir haben ganz am Anfang als unser Ziel festgelegt: „Wir wollen Sony plattmachen!“  

Foto: Felix Schmale.

Mehlpi: Vor kurzem haben wir darüber geredet, dass wir eigentlich Bock hätten noch mehr Künstler:innen in unser Portfolio aufzunehmen, weil wir gemerkt haben: „Okay wir haben wirklich etwas zu bieten.“ Wir haben mittlerweile eine Infrastruktur mit echt coolen Kontakten geknüpft und haben die Glasdecke zum Musikbusiness sozusagen durchbrochen. Wir haben einfach Bock uns noch breiter aufzustellen. Wir suchen auf jeden Fall noch Künstler:innen, die nicht so weiß sind wie wir.  

JB: Ein gutes Ziel wäre es auch, wenn man davon wirklich mal leben könnte. Das ist mittlerweile auch schon so ein Traumjob von mir. Es macht mir super viel Spaß. 

STROBO: Was sind eure aktuellen Projekte mit Ladies und Ladys? 

JB: Wir werden dieses Jahr eine Platte von Wenn einer Lügt, dann wir veröffentlichen, die komplett von vorne bis hinten ohne Cis-Männer produziert wurde. Die Mucke gibt es vermutlich aber erst im Oktober. 

Mehlpi: Wir vermuten sehr stark, dass es das erste Popalbum dieser Art in Deutschland sein könnte. 

JB: Wir mussten auch wirklich lange nach einem Presswerk suchen, das FLINTA-geführt ist oder in dem überhaupt FLINTA arbeiten. Wir haben alle feministischen Netzwerke gefragt und nach Wochen haben wir dann eins gefunden, was nicht nur einer Frau gehört, sondern in dem auch ganz viele FLINTA mit Gesichtern vorgestellt wurden.  Das war dann auch noch total nett und da lassen wir jetzt pressen. Außerdem hatten wir Anfang des Jahres bereits ein übertrieben krasses Release von Riot Spears. Im Sommer releasen wir noch zwei neue Artists.  

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