„In der Musik gibt es die Hürden des Alltags nicht“: Sängerin Anna Reizbikh im Porträt

Anna Reizbikh singt bereits seit zehn Jahren in verschiedenen Bands – und sitzt dabei im Rollstuhl. Die 24-Jährige möchte nicht mehr auf ihre Behinderung reduziert werden und zeigen, dass jede:r Musik machen kann. Sie glaubt: Musik kann unsere Stärken und Schwächen hervorbringen.

Das Dortmunder inklusive Soundfestival 2020 ist auf vollen Hochtouren. Die Band Collective One eröffnet im Dortmunder Jazzclub domicil die Auftritte im Oktober. Farbenfroh sticht Anna Reizbikh mit ihrem neonpinken Oberteil aus der blauen Lichterflut heraus. Das Keyboard beginnt sein einführendes Solo, und kurze Zeit darauf reißt Collective One das Publikum mit in ihren Bann. Es folgt eine energiereiche Performance, getragen von talentierten Instrumentalist:innen und der beeindruckenden Stimmenkombination zwischen den Sängerinnen Anna und Elli Ka. Am Ende des Abends war der Name der Gruppe in aller Munde. Anna Reizbikh konnte seit über zehn Jahren Bühnenerfahrung mit verschiedenen Konstellationen an Musiker:innen sammeln – ob mit oder ohne Beeinträchtigungen, von Soul-, über Jazz- bis Rock-affinen Persönlichkeiten. Sie selbst sitzt im Rollstuhl und ist in der Community schon seit Jahren als vielseitige Sängerin bekannt.

Nacht- und Bühnenleben

Foto: Leopold Achilles

Die vierundzwanzigjährige Künstlerin balanciert geschickt ihre Termine zwischen Studium, Musik, Hobbies, und Zeit mit Freund:innen. Beim Erzählen lacht Anna viel und scherzt, wie oft sie deswegen jeden Abend von neugierigen Fremden auf Getränke eingeladen wird. Oft sprechen sie sie auf „ihren Mut“ an: „Ich bewundere es total, wie du trotz deiner Behinderung normal feiern gehst“, zitiert sie als immer wiederkehrenden Kommentar. Es sind diese freundlich gemeinten, dennoch unreflektierten Aussagen, die ihr im Alltag immer wieder begegnen.

Diese Attitüde bekommt sie auch in ihrer Musikkarriere zu spüren. Kommentare wie „Wow, dass du so selbstbewusst auf der Bühne sein kannst, ohne dich zu schämen“, findet Anna komplett unverständlich. „Für mich hat die Behinderung nichts mit dem Selbstbewusstsein zu tun“, sagt sie. 

In einer georgischen Familie geboren, die später nach Deutschland emigriert ist, wurde Anna mit liebevoller Strenge erzogen. „Ich habe ganz normal Ärger bekommen, wenn ich Mist gebaut habe, wie alle anderen Kinder auch“, erzählt sie und lacht. Diese Erziehung sowie der Zusammenhalt in ihrer Familie lehrte sie früh Disziplin und Selbstbewusstsein beides Merkmale, die sie bei jeder Begegnung energisch nach außen trägt. Auch in unserem Gespräch fällt ihre extrovertierte Natur schnell auf, sie ist bedacht in ihren Formulierungen, offen, und neigt immer wieder zu lockeren Späßen. Auf der anderen Seite ist sie auch strikt mit ihren Ambitionen: „Ich weiß, was es heißt, für seine Ziele zu arbeiten.“

Collective One und das Gesamtkunstwerk


Collective One ist eine durch den Verein gesamtkunstwerk e.V. initiierte Soul-Band. Der Verein organisiert seit 2008 inklusive Musik- und Kulturprojekte, die unter anderem auf der Plattform Kultur & Inklusion zu finden sind. Auch die jährliche Festivalreihe DiS (Dortmunder inklusives Soundfestival) wurde von Gesamtkunstwerk begründet. Die Bands des Vereins findet man regelmäßig im Dortmunder Jazzclub domicil oder auch schon auf dem Juicy Beats Festival.


Musik als andere Welt

Anna, die ihre Schullaufbahn auf einer Regelgrundschule begann, besuchte ab der fünften Klasse eine Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung. Die Oberstufe verbrachte sie auf einem Gymnasium und schloss es erfolgreich mit dem Fachabitur ab. Als Zwölfjährige entschied sie sich Klavier- und Gesangsunterricht zu nehmen, was durch die Angebote des Bochumer Modells gefördert wurde. Das BoMo ist eine Abteilung der Musikschule Bochum, die seit mehr als 40 Jahren Instrumentalunterricht für Menschen mit Behinderung anbietet.

Foto: Oskar Neubauer.

Das Zusammenspiel in einer inklusiven Band stellte Anna anfangs auf eine Geduldsprobe, denn zum ersten Mal musizierte sie mit Menschen, die alternative Lernwege beanspruchen. „Aber jeder lernt nach seinen eigenen Fähigkeiten“ – ob mit Hilfe von Noten, nach Gehör oder durch Zeichen und Symbole.

Musik ist für mich Freiheit, weil man sich in ihr entfalten kann, wie es einem im Leben sonst nicht möglich ist. In der Musik gibt es die Hürden des Alltags nicht.“

Anna Reizbikh

Anna ist sich sicher, dass eine gezielte Förderung sowie eine offene, kreative Zusammenarbeit den Kern eines erfolgreichen Musizierens bilden: „Klar gibt es Hindernisse, aber die kann man bewältigen, wenn man die richtigen Menschen um sich herum hat. Dann kann alles funktionieren“. Das sieht sie nicht nur in der Musik, auch im sonstigen Alltag geht Anna offen mit ihren Stärken und Schwächen um.

Sängerin Anna Reizbikh: Von Bochum bis nach Brasilien

Foto: Leopold Achilles.

Das Schönste für die Sängerin ist es, das Ergebnis ihrer gemeinsamen Arbeit auf der Bühne zu erleben. Aus der engen Kooperation mit Sonderpädagog:innen, Studierenden, Profimusiker:innen sowie Mitarbeitenden der Werkstätte für Menschen mit Behinderung, entstehen dynamische und einzigartige Performances, die das Publikum nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch schon weit darüber hinaus begeistert haben. Unter anderem traten die Künstler:innen bereits in Brasilien auf und spielten vor dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck in Berlin.

Musik gilt für Anna als Mittel der Überzeugung. „Ich will Leuten zeigen, dass es funktioniert“, betont sie. „Ob derjenige eine Behinderung hat oder nicht, er macht am Ende dieselbe Musik, vermittelt dieselben Gefühle, und bringt die Leute doch auch zum Tanzen“. Sie wünscht sich, dass Menschen ohne Behinderung erkennen, mit welchen Hindernissen beeinträchtigte Menschen im Alltag zu kämpfen haben. Dies sind nicht nur offensichtliche Hürden, wie Treppen oder fehlende Zugänge zu Bahnsteigen, sondern auch die Barrieren in den Köpfen der Menschen.

„Das Endprodukt, die Musik, soll im Vordergrund stehen“

Der vorurteilsfreie Umgang mit Behinderungen und individuellen Einschränkungen ist Anna gerade deshalb sehr wichtig. Sie hält nicht viel von der sprachlichen Unterscheidung zwischen „normal“ und „behindert“ – denn am Ende habe jede Person mit sich zu kämpfen: „Jeder Mensch hat sein Päckchen zu tragen. Wichtig ist es, sich seinen Problemen stellen zu können.“

Für Anna ist die Kultur eine Möglichkeit, das Denken in Kategorien aufzulösen und ein gegenseitiges Verständnis zu fördern. Langfristige Projekte, in denen dieses Vorhaben durch Pädagog:innen und Künstler:innen gefördert wird, seien deshalb umso wichtiger. „Das Endprodukt, die Musik, soll im Vordergrund stehen“, sagt Anna, bevor sie fröhlich Kolleg:innen grüßt, die das Musikforum verlassen, „nicht die Behinderung.“

Weitere Informationen zu dem Thema und Social Media Seiten: 

Instagram:

Anna Reizbikh @annareizbikh

Gesamtkunstwerk @gesamtkunstwerk.ev

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