Das Harlekin: Eine Nacht in Duisburgs letzter Schwulen-Bar

Das Harlekin in Duisburg ist die letzte Schwulen-Bar der Stadt. Kürzlich stieg in der kleinen Eckkneipe eine Jubiläumsfeier und Strobo-Autorin Lale feierte zwischen Glitzer, Discokugel und Helene Fischer mit.  

Heute wie damals klingt aus den Boxen “Voyage, Voyage” von Desireless. Die Kellnerin dreht die Musik lauter, die Herren an der Bar fangen an zu summen und einem überkommt das Gefühl, dass an diesem Abend eine Reise beginnt. Ein Ausflug in eine Zeit wo es in Duisburg noch viele Orte wie diesen hier gab, in Gesellschaft von Freund:innen, die gerade noch Fremde waren.

Jenny, die Frau hinter der Bar gerät langsam ins Rennen. Immer mehr Gäste kommen herein, setzen sich auf die massiven Bänke aus Eichenholz und bestellen Bier. Hier wird Pils getrunken, wie überall in Duisburg. Doch diese Kneipe ist anders. Von der Bar hängt silbernes Lametta und an der Decke rotiert eine Diskokugel. Die Wände sind mit Lichterketten versehen, die aufgeregt in allen Farben des Regenbogens blinken. Hier trifft sich das was damals in den 80ern die Szene genannt wurde. Die 80er. Whitney Houston unterschreibt ihren ersten Plattenvertrag, in den Kinos läuft Dirty Dancing und in der Duisburger Realschulstraße 16 eröffnet ein Travestiekünstler, der meist Lutz und manchmal Lulu heißt, eine Kneipe mit dem Namen Harlekin. 

Jenseits der schweren Tür dieser kleinen Eckkneipe ist Lutz schon lange tot. Doch hier lebt er weiter. An der Wand hängt das Porträt des ehemaligen Inhabers, dekoriert mit einem weißen Federfächer in Erinnerung an sein alter Ego Lulu. Lulu, eine stolze Diva in weißen Kleidern und mit Federboa kam immer dann, wenn Lutz verschwand. Oft um drei oder vier am Morgen, wenn es daran war den übriggeblieben Gästen eine Show zu bieten und auf den alten Eichentischen zu tanzen. Die Party sollte noch länger als 29 Jahre lang andauern, doch Lutz wurde krank und musste das Harlekin abgeben. 

Schwulen-Bar in Duisburg: Corona fordert seinen Tribut

Robert Bovensiepen und Oliver Braam, ein Paar aus dem Duisburger Norden und langjährige Stammgäste übernahmen. Seitdem sind nun genau sechs Jahre vergangen. Alte Freund:innen, Frauen und Männer, Ehepaare und Familien kommen herein um zu feiern. Ihre  Impfnachweise werden überprüft. Heute gibt es keine herzlichen Umarmungen, stattdessen werden aufgeregt „Hallos”, „Hallöles” und „Heys” durch die Bar gerufen. Corona fordert auch hier seinen Tribut.  

Robert, der Inhaber, wird hier von allen nur „der Taschenrechner“ genannt. Er ist der Mann für die Finanzen und Kalkulationen. Wie viele andere Gaststätten schwebte auch das Harlekin in den letzten zwei Jahren in großer Gefahr. „Da kann man noch so gut rechnen. In dieser Zeit waren einem die Hände gebunden”, erklärt der große, runde Herr mit dem ruhigen Gemüt.

Wer schon einmal Roberts schwielige Hände geschüttelt hat, erkennt, dass dieser Mann weiß, was harte Arbeit bedeutet. Wenn Robert früh am Morgen das Harlekin schließt, bleiben ihm oft nur wenige Stunden Schlaf. Tagsüber ist er Stationsleiter an einer Tankstelle. Nur wegen seines zweiten Einkommens und finanzieller Rücklagen können sich hier und heute alle versammeln, um das sechsjährige Überleben des Harlekins unter Roberts und Olivers Führung zu begießen. 

Harlekin Duisburg: Der schillerndste Weihnachtsbaum der Stadt

Eigentlich sollte an diesem Abend auch eine Travestie-Show mit Alex von Bouvier stattfinden. Heute hört sie leider nur auf den Namen Oliver und trägt statt einer pinken Perücke und einem Plüschmantel mit Dalmatiner-Print, lediglich eine schlichte schwarze Röhrenhose und eine Lederjacke mit Strass-Totenkopf auf dem Rücken. Die aktuellen Corona-Bestimmungen verbieten Gesangsdarbietungen in kleinen Lokalen, wie das Harlekin eines ist. 

Neben der Abendunterhaltung kümmert sich Oliver zudem um die Deko im Lokal. Dass er diese Aufgabe sehr ernst nimmt, ist dem Harlekin anzusehen. Auf der Bühne steht der wohl schillerndste Weihnachtsbaum der Stadt. Direkt daneben: Ein Helene Fischer-Pappaufsteller in Lebensgröße, welchem Oliver heute zudem noch eine weiße Plüschweihnachtsmütze mit Goldsternen aufgesetzt hat. 

Oliver war es auch, der das Harlekin für alle öffnete. Männer, Frauen und alles dazwischen und darüber hinaus; nun ist hier jeder willkommen. Das war aber nicht immer so. Früher als schwul sein noch gefährlicher war als heute, konnte man die Tür des Harlekin nur von Innen öffnen. Wollte Mann herein, musste er zunächst klingeln. Im Inneren leuchtete dann eine rote Lampe auf. Erst wenn der Blick durch den Spion offenbarte, dass es sich bei der Person vor Tür weder um einen homophoben Gewalttäter noch um eine Ehefrau, sondern um einen gutgelaunten Nachtschwärmer auf der Suche nach neuen Kontakten handelte, wurde ihm Eintritt gewährt.  

AIDS-Hilfe Duisburg: „Das Szene-Sterben passiert überall“ 

Probleme mit homophober Gewalt gibt es auch noch heute. Erst kürzlich steckten Unbekannte die Regenbogenflagge vor dem Lokal in Flammen. Doch das offene schwule Nachtleben leidet nicht nur unter dem Druck von außen. Auch innerhalb der Community hat sich Vieles verändert. „Das Szene-Sterben passiert überall“ erklären Uwe Altenschmidt und Raphael Diaz Fernandez von der AIDS-Hilfe Duisburg, welche an diesem Abend auch zugegen waren.

„Immer weniger junge Männer gehen in die einschlägigen Bars um Leute kennenzulernen. Mittlerweile werden die meisten Erstkontakte im Internet geknüpft, besonders natürlich in den letzten zwei Jahren.“ Auch Duisburg blieb von dieser Entwicklung nicht verschont. Während die AIDS-Hilfe früher noch in fünf verschiedenen Schwulenbars über AIDS und HIV aufklären konnte, musste sie ihre Arbeit nun zunehmend in den digitalen Raum verlagern. 

Einzig übrig geblieben ist das Harlekin. Das mag wohl nicht nur daran liegen, dass die Bar heute für alle Menschen zugänglich ist, sondern auch an den Öffnungszeiten. Das Harlekin gehört zu den wenigen Lokalen der Stadt, die sich dem ernüchternden Konzept der festgelegten Sperrstunde verschlossen haben. “Wir haben so lange geöffnet, wie Gäste da sind”, erklärt mir der gastfreundliche Gastwirt Robert, während er mir die Spezialität des Hauses – den Cointreau-Rainbow-Flag – serviert. Ich proste Jenny, Oliver und Helene Fischer zu und nehme einen Schluck von diesem vierfarbigen Cocktail in meiner Hand. Schmeckt pappsüß und sorgt für ein warm-wohliges Bauchgefühl. Genauso wie das Harlekin.

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