„Ein Boden, der auf Worte wartet“ – Das Literaturmagazin BRACHE im Portrait

Dortmund, Nordstadt, ein sonniger Tag Ende Juni. Im Druckkollektiv „Unterdruck“ liegt der Geruch von warmem Papier in der Luft – handwerklich, kreativ, nostalgisch. Auf einer Werkbank liegen Schriftbögen, auf denen feine Linien verlaufen, wie Kartierungen eines unbekannten Landes. Zwei Menschen stehen davor und falten. Es ist das erste Mal, dass sie den Prozess der Risographie begleiten. Und vielleicht ist genau das der Anfang: eine tastende Bewegung zwischen Idee und Papier, zwischen Leerstelle und Literatur.

Lesedauer: 5 Minuten

BRACHE ist ein Ort für literarische Stimmen aus dem Ruhrgebiet. Es ist ein zartes, aber selbstbewusstes Projekt, das im Juli 2025 seine erste Ausgabe veröffentlicht hat. Das Magazin ist kostenlos und erscheint zweimal im Jahr. Herausgegeben wird es von Esra Canpalat, Julienne De Muirier und Lukas Hermann. Jede Ausgabe ist einem bestimmten Thema gewidmet. Ihr Ziel ist es, neuer Literatur aus dem Ruhrgebiet eine schöpferische Plattform zu bieten. Das Konzept ist poetisch, reflektiert, minimalistisch. Ihre Haltung: nicht überbauen, sondern wachsen lassen.

Die erste Ausgabe von BRACHE ist frisch aus dem Druck. Foto: Ole Meier.

Zwischen Leerstelle und Literatur

„Alles, was überwachsen ist, hat jetzt eine neue Form“, heißt es auf ihrem Instagram. Was klingt wie ein poetischer Slogan, ist das Fundament des Projekts. „BRACHE meint nicht nur ein unbepflanztes Feld, sondern einen fruchtbaren Boden, einen Möglichkeitsraum – für Sprache, für Perspektiven, für das, was im Literaturbetrieb oft untergeht“, sagt Lukas. „Wir wollen keine Expert:innen sein, sondern eher ein Angebot schaffen.“ Ein Feld, das nicht umzäunt, sondern einlädt.

Nach monatelanger Arbeit können die Leser*innen das Magazin endlich in den Händen halten. Fotos: Ole Meier.

Die erste Ausgabe trägt den Titel „Hunger nach Worten“ – eine Idee von Esra Canpalat. Was passiert, wenn Sprache ins Stocken gerät? „Wenn die Zunge sich nicht wendet, wenn Worte im Hals hängenbleiben“. Unter diesem Impuls sendete das Magazin Anfang März einen Open Call. Aus ihm erwuchsen vielfältige Texte. Manche wild, manche still, manche politisch, manche sehnsüchtig. „Wir haben tolle Einsendungen erhalten. Gerade die Menge hat unsere Erwartungen überstiegen“, erinnert sich Julienne De Muirier.

Nicht alle Texte haben es in das 20-seitige Magazin geschafft. Viele meldeten sich trotzdem, mit Ideen und Dank, dass es diese Zeitung gibt. „Vielleicht ist das der größte Erfolg. Dass BRACHE mehr ist als die Summe ihrer Seiten“, sagt Lukas Hermann.

Drei Menschen, drei Perspektiven: Das Redaktionsteam

Das Redaktionsteam kommt aus unterschiedlichen Richtungen:

Lukas, der die Idee zur Zeitung hatte, betreibt die Buchhandlung readymade in Gelsenkirchen. Dort begann alles – mit Veranstaltungen, Lesungen und Gesprächen. Irgendwann wollte er dann etwas Gedrucktes, wie er sagt, “etwas, das bleibt.” In diesem Kontext lernten sich alle drei kennen und stellten fest, dass sie dieselbe Vision teilten.

Esra, Literaturwissenschaftlerin und Autorin, kuratierte federführend die erste Ausgabe. Sie leitete die Redaktionsarbeit und konzipierte den roten Faden.

Julienne ist Autorin für Prosa und Dramatik. Für sie ist der Moment, in dem Worte die Seite berühren, zentral. BRACHE gibt ihr die Möglichkeit, diesen Moment von der anderen Seite zu sehen. Nicht als Schreibende, sondern als Mitgestaltende des Gesamtprozesses.

Die Gestaltung der ersten Ausgabe übernahm die Grafikdesignerin Lea Szramek (r.). Foto: Ole Meier.

Druckloser Entfaltungsprozess

Auch kompositorisch zieht sich der Brache-Gedanke durch das Magazin. Die Zeitung ist einfarbig gedruckt. Sie erzählt auf strukturiertem Papier, mit Leerflächen, die wie bewusst gesetzte Atempausen wirken. Linien verlaufen wie topografische Spuren durch die Seiten – nicht als Grenzen, sondern als Vorschläge. „Die Brache ist eine Fläche, die nicht fertig ist“, sagt Lukas. „Sie kann alles werden.“

Dieser Freimut ist kein Zufall. BRACHE soll sich wandeln. Jede Ausgabe wird von einer anderen Person aus dem Team inhaltlich verantwortet. Andere Schwerpunkte, andere Stimmen, andere Formen. Vielleicht wird die nächste Ausgabe politischer. Vielleicht visueller. Sicher ist nur: Sie wird anders.

Sichtbarkeit ohne Wettbewerb

Die Textauswahl soll kein Wettbewerb sein. BRACHE ist kein Literaturpreis, keine Bühne für Egos, vielmehr ein Netzwerkgedanke. „Wir wollen sichtbar machen und zusammentragen, was im Einzelnen oft untergeht. Aber ohne diesen Druck, sich beweisen zu müssen“, sagt Julienne. Nicht jeder Text kann abgedruckt werden. Trotzdem wird jedes Werk gelesen. Und viele der Einsender:innen bleiben dabei – als Lesende, als Gäste bei Lesungen, als wichtiger Teil eines Netzwerks.

Die Auftaktveranstaltung findet im atelier automatique in Bochum statt. Foto: Ole Meier.

Literaturbetrieb im Ruhrgebiet stärken

BRACHE versteht sich ausdrücklich als Magazin aus dem Ruhrgebiet. Das Gefühl, dass es hier eine Leerstelle gibt, war Ausgangspunkt der Idee. „In Berlin-Neukölln oder anderen Großstädten gibt es gefühlt 20 Lyriker:innen in jeder Nachbarschaft“, sagt Lukas. „Im Ruhrgebiet ist alles verstreuter. Der überstädtische, infrastrukturelle Austausch hat hier, aufgrund der vielen Menschen, einfach mehr Barrieren. Aber das bedeutet nicht, dass es diese Stimmen nicht gibt.“

BRACHE will diese Stimmen sichtbar machen, und „in ihrer Arbeit gegenseitig bestärken“: In der Zeitung. Bei Lesungen. In Cafés, Buchhandlungen, Veranstaltungsorten – überall dort, wo Worte sich entfalten können. Und auch digital: Auf der Website steht jede Ausgabe als E-Paper bereit.

Eine Einsendung wird auf der Auftaktveranstaltung gelesen. Foto: Ole Meier.

Ein Ort für Lesungen und Diskussionen

Gefördert wird das Projekt durch das Regionale Kulturprogramm NRW (RKP), unterstützt von den Städten Bochum und Gelsenkirchen, sowie der Literarischen Gesellschaft Ruhr. Die Förderung läuft bis Ende 2026. Vier Ausgaben sind geplant. Die Auftaktveranstaltung fand am 4. Juli 2025 im atelier automatique in Bochum statt und wurde in Gebärdensprache übersetzt. In diesem Format soll es nach jeder Ausgabe weitere Aktionen geben. Auch eine Abschlussveranstaltung ist geplant.

Was nach diesen vier Ausgaben passiert ist offen, wie alles bei BRACHE. Vielleicht wird weitergepflügt. Vielleicht wächst etwas Neues daraus. Mindestens bleibt etwas zurück. BRACHE ist kein Leuchtturmprojekt, kein Monument. Es ist ein Beet. Ein Möglichkeitsraum. „Ein Boden, der auf Worte wartet“ – und auf die, die sie aussäen.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: Keine Frage offen, kein Brief ungelesen – Das Internationale Frauen Film Fest und „Die Möllner Briefe“.

Mein Bild