Ein Tag in Unna: Senf, Hüte und das Bermudadreieck

Was passiert kulturell in den Orten abseits von Bochum, Essen und Dortmund? Dieser Frage gehen wir auf den Grund und verbringen jeweils einen Tag in acht Kleinstädten des Ruhrgebiets. STROBO-Redakteur John war in Unna und hat einige coole Menschen getroffen.

Als jemand, der im Dortmunder Südosten aufgewachsen ist, kannte ich Unna immer ganz gut und fand die Stadt auch immer sympathisch. Hier war ich als kleiner Racker mit meiner Mutter bei Schnückel einkaufen, habe hier 2006 den Simpsons-Film im Kino gesehen und war später öfter in der Uni feiern.

Ich habe eigentlich sogar einen Plan: Da die Hälfte meiner Familie in Unna wohnt, wollte ich mir von einigen aus der Familie die Stadt zeigen lassen. Als ich mit dem Fotografen Patrick Zajfert dann nach Unna fahre, sagen mir jedoch alle spontan ab (No Front an der Stelle) und ich habe keinen Plan mehr. Als ich Patrick davon erzähle, sagt er: „Ey, kein Problem. Dann laufen wir einfach so durch Unna und lassen uns überraschen.“ Immerhin kannte ich die Stadt ja von früher, also wusste ich wenigstens, wo wir am Ende ein gutes Bier trinken können..

Foto: Patrick Zajfert.

Planlos in Unna

Also laufen wir durch Unna. An diesem Freitag ist viel los, es ist Markt in der Innenstadt. Alles ganz nett und ich mag’s, wenn Märkte die Stadt mit Leben füllen. Da ich extra Hunger mitgebracht habe, bin ich glücklich als ich das Schnibbelgrün entdecke und damit nicht in irgendeiner Kette was zu essen kaufen muss. Nachdem ich eine leckere Bowl gegessen hatte, gehen wir die Straße ein paar Meter weiter und sind ratlos. Im Zentrum für internationale Lichtkunst können wir keine Bilder machen, in dem Kino laufen die gleichen Filme wie überall anders auch und für ein Bier ist es noch zu früh. Doch beim Runterschlendern der Straße erinnere ich mich: Hier steht der legendäre Senfladen, von dem alle immer erzählen, sie viele Geschenke für Verwandte kaufen und in dem ich noch nie war.

Senfladen: Wer Senf mag, wird den Senfladen lieben

Also gehen wir rein und ich bin erstmal beeindruckt von der Fülle an verschiedenen Senfsorten: Es gibt unter anderem Knoblauchsenf, Feigensenf, scharfer Piratensenf, Feuerwehrsenf und sogar Erotiksenf. Nachdem ich mir vier Senfsorten ausgesucht und bezahlt habe, kommen wir ins Gespräch mit der Besitzerin Annett Kyncl. „Wollt ihr auch mal die Thüringer Bratwurst probieren?“, fragt sie und nimmt sich ein paar Minuten Zeit, um uns von ihrem Laden zu erzählen. Die gelernte Köchin leitete früher eine Kantine und wollte etwas Neues ausprobieren, sie wollte raus aus den befristeten Verträgen. 2009 wagte sie den Schritt und eröffnete den Laden in Unna, wobei der Standort für sie wichtig war: „Unna hat noch Atmosphäre, hier gibt es viele inhabergeführte Läden.“ Außerdem ist das Haus, in dem der Senfladen steht, das älteste Haus der Straße, was dem Ganzen einen zusätzlichen Charme gibt. Da Senf alleine aber nicht reicht und Kyncl als gebürtige Thüringerin „schon immer Thüringer Bratwurst verkaufen“ wollte, ergänzte sie das Angebot um ebenjene Wurst, selbstgemachte Frikadellen und Tagessuppen. Alles mit frischen Zutaten und natürlich gibt es „überall meinen Senf dazu.“ Das kommt bei den Leuten gut an, sie hat viele Stammkund:innen. „Das ist was anderes als Döner und Pizza, was den Leuten sehr gefällt“, sagt sie.

Sie berichtet, dass viele Menschen aus Unna den Laden zeigen, wenn sie Verwandte oder Bekannte durch die Stadt führen. Schließlich ist der Senfladen in Unna eine Besonderheit, ist er doch im Ruhrgebiet der einzige Laden seiner Art. Neben dem überregional bekannten Schwerter Senf, den hausgemachten Gerichten und der Thüringer Wurst, gibt es hier auch (als einziger Laden in Westdeutschland) Senf aus dem thüringischen Altenburg und den nur hier käuflichen Lindensenf – exklusiv in der Altenburger Senfmühle hergestellt und mit Lindenbier der Unnaer Lindenbrauerei verfeinert. Ganz schön beeindruckend, was so ein Senfladen für eine Stadt wie Unna bedeuten kann.

Die Besitzerin Annett Kyncl im Ausgabefenster des Senfladens. Foto: Patrick Zajfert.

Bevor wir gehen, empfiehlt sie uns noch in der Hutfabrik vorbeizuschauen und wir haben unser nächstes Ziel gefunden.

Hutfabrik: Wer gerne Hüte trägt, wird die Hutfabrik lieben

Wir gehen also die Bahnhofstraße hinunter, betreten ein kleines Geschäft voller Hüte. Außer uns ist aktuell keine Kundschaft im Laden, weshalb wir direkt mit Valentina Böttger ins Gespräch kommen können. „Heute morgen war die Hölle los, aber gerade ist nicht viel los“, sagt sie und erzählt  von der Hutfabrik: „Den Laden gibt es seit über 65 Jahren, die Brüder Sydow haben ihn 2019 übernommen und ich arbeite hier als ausgebildete Modistin.“ Weil nur wenige Azubis nachkommen, gibt es in ganz NRW nur noch wenige Menschen, die die Ausbildung beginnen und abschließen. In Unna hat Valentina aber mit der Hutfabrik ihren Platz gefunden, hier näht sie Damenhüte und verkauft viele Hüte für verschiedene Anlässe. Heute bin ich einer von ihren Kund:innen, denn beim Betrachten der verschiedensten Hüte fällt mir ein Anglerhut ins Auge. Ich finde, der Hut sitzt mir gut, weshalb ich ihn direkt kaufe – obwohl ich eigentlich seit Jahren nur noch selten Hüte trage. Dazu erklärt Valentina: „Menschen sagen sie hätten kein Hutgesicht, aber es gibt für jeden Kopf einen Hut.“ Die Auswahl an verschiedenen Hüten ist in der Hutfabrik riesig und auch die Fachkenntnis von Valentina ist ziemlich beeindruckend. Sie erzählt uns, die zugegeben wenig Ahnung von Hüten haben, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Arten von Hüten und Mützen. Im Gespräch fällt mir auf, dass ich Schiebermützen seit Jahren mit Baskenmützen verwechsle. Wieder was Neues gelernt.

Valentina Böttger in der Hutfabrik. Foto: Patrick Zajfert.

Und obwohl die Hutfabrik seit der Eröffnung Mitte 2019 kein „richtiges“ volles Jahr miterlebt hat, ist Valentina zufrieden mit dem Geschäft, nicht zuletzt auch weil viele Hüte bei Amazon und im Onlineshop verkauft werden. Besonders gut laufe das Geschäft im Sommer und im Winter, wenn es richtig warm oder richtig kalt ist. Manchmal kommen aber auch viele Kund:innen anscheinend grundlos und Valentina versteht erst im Gespräch warum: „Wenn eine neue Netflixserie läuft, kommen öfter Menschen und wollen die Hüte aus den Serien nachkaufen.“ Zuletzt passierte das, als die neue Staffel Peaky Blinders lief und viele junge Männer Schiebermützen kaufen wollten.

Zu Unna sagt Valentina: „Ich wohne seit fast drei Jahren in Unna und finde die Stadt total schön. Hier fehlt es nur an Kultur. Es gibt das Extrablatt und sonst nicht viel, Cafés und schöne Bars fehlen hier total. Manchmal habe ich den Eindruck, dass hier zu wenig junge Menschen wohnen.“ Nach einigem Nachdenken fügt sie aber hinzu: „Wobei das Stahlhaufen ist ein schönes kleines Café, das kann ich empfehlen.“

Also haben wir unser nächstes Ziel gefunden, verabschieden uns von Valentina und gehen zum Stahlhaufen.

Stahlhaufen: Wer guten Kaffee und Rad fahren mag, wird den Stahlhaufen lieben

Angekommen am Stahlhaufen muss ich erstmal lachen, denn der Fernseher ist eingeschaltet und es wird die Tour de France übertragen. Perfekter Zeitpunkt also, um in einem Radcafé etwas zu trinken. Nachdem wir uns mit Limo und gutem Kaffee eingedeckt haben, quatschen wir mit Norbert Székely. „Wir haben während Corona Ende 2020 angefangen, haben hier alles rausgerissen und komplett neu gemacht“, erzählt er und sagt weiter: „Und wir fahren alle selber gerne Rad, also ist das Radcafé für uns nur logisch.“ Dabei kommt der Kaffee aus einer Rösterei in Hamm, denn im Stahlhaufen legt man Wert auf gute Qualität. Die Inspiration für das im Ruhrgebiet einzige Radcafé hat sich die Sportfamilie dabei in der spanischen Stadt Girona geholt und dann „ganz einfach Copy+Paste, aber natürlich auch auf die ganz eigene Art“ gemacht.

Seitdem „versuchen wir in dieser kleinen Stadt einen coolen Vibe reinzubringen.“ Während wir mit Norbert quatschen, kommen alte und junge Menschen zu Fuß und mit dem Fahrrad vorbei, grüßen ihn, setzen sich ins Café und trinken Kaffee – eine Stimmung, die wir so in Unna nicht erwartet hätten. „Ich empfinde das nicht als Arbeit, das macht ja auch Bock“, sagt Norbert und das spürt man auch. Die Radsportszene der Gegend, unter ihnen auch Rick Zabel, ist bestens vernetzt und man trifft sich hier regelmäßig, um gemeinsame Radtouren zu fahren.

Norbert Székely im Stahlhaufen. Foto: Patrick Zajfert.

Zusammen mit dem direkt gegenüber gelegenem Spatz & Wal und dem italienischen Restaurant Meisterhaus bildet das Café hier eine kleine Wohlfühlecke in Unna – oder wie es Norberts Bruder Csongor sagt: „Das hier ist das Bermudadreieck Unnas.“

Es ist mittlerweile schon recht spät, das Spatz & Wal hat bereits geöffnet und wir haben Lust auf Bier. Also gehen Patrick und ich einfach über die Straße, setzen uns hin und bestellen bei Robert ein Bier.

Spatz & Wal: Der beste Ort, um in Unna ein Bier zu trinken

Robert bringt uns jeweils ein Hövels, setzt sich zu uns und erzählt vom Spatz & Wal: „Den Laden gibt’s seit 2010, hier gibt’s jeden Donnerstag Live-Musik.“ Die Live-Musik habe ich ein paar Mal auch mitbekommen, dabei entsteht ein richtig cooler Vibe, den man so eher in Großstädten wie Chicago und nicht im Ruhrgebiet erwartet. Ich habe auch schon mit einigen Musiker:innen geredet, die Unna nur kennen, weil sie mal im Spatz &Wal aufgetreten sind – hier wurde offensichtlich eine Nische gefunden. Weiter erzählt Robert: „Aktuell ist aber alles nicht leicht, so nach Corona und mit den steigenden Bierpreisen. Vor Corona haben wir hier bis 3 Uhr nachts gezaubert, jetzt ist Freitag und Samstag schon um halb zwei die letzte Runde. Aber du merkst auch langsam: Die Leute kriegen wieder Bock drauf.“ Dass das Geschäft nicht so gut wie erhofft läuft, ist sichtbar: Es sitzen zwar einige Menschen draußen, aber für einen Freitag ist das doch ein bisschen wenig. Robert sieht aber auch generelle Probleme bei der Innenstadt: „Was haste in Unna? Die Stadt ist tot, speziell für die Jugendlichen.“

Robert vom Spatz & Wal. Foto: Patrick Zajfert.

Valentina Böttger hatte das auch so ähnlich gesagt und auch unsere anderen Gesprächspartner:innen ließen durchklingen, dass in der Kleinstadt Unna die Geschäfte der unabhängigen Geschäfte, Cafés und Kneipen nicht so gut wie erhofft laufen – durch Corona wurde der Prozess noch verstärkt und sichtbarer. Dass das aber nicht an Spatz & Wal liege, erklärt Robert auch sofort: „Der Laden kommt super an, du hast ein Publikum von 18 bis 90 Jahren hier, alles Querbeet. Und das ist hier eine homogene Masse, total geil.“ Auch wir wären gerne länger geblieben, müssen aber unsere Bahn nach Hause kriegen (Dass unsere Bahn nur einen Teil der Strecke fährt und unsere Rückfahrt eine kleine Odyssee wird, wissen wir noch nicht), weshalb wir uns von Robert verabschieden müssen und Richtung Bahnhof gehen.

Natürlich hat Unna wie alle anderen Städte auch ein Extrablatt in bester Lage und Ketten wie dm und Gamestop, die Innenstadt hat die gleichen Probleme wie alle Innenstädte in Deutschland sie seit mehreren Jahren haben. Aber an diesem Tag habe ich auch gemerkt, dass Unna gleichzeitig eine Stadt voll mit einzigartigen Läden und coolen Menschen ist. Mit massig Senf im Rucksack und einem neuen Hut auf dem Kopf fahre ich nach Hause und denke mir: Planlos kann man in Unna echt viel erleben.

Das letzte Bild von Strobo-Autor John vor dem Kauf des Anglerhuts. Foto: Patrick Zajfert.

Foto: Patrick Zajfert

Foto: Patrick Zajfert

Foto: Patrick Zajfert

Foto: Patrick Zajfert

Foto: Patrick Zajfert

Foto: Patrick Zajfert

Foto: Patrick Zajfert

Foto: Patrick Zajfert

Foto: Patrick Zajfert

Foto: Patrick Zajfert

Foto: Patrick Zajfert

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