Kulturhunger in Coronazeiten: So war das Welttheater der Straße in Schwerte

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Anders als gewohnt findet in diesem Jahr zum 28. Mal das Welttheater der Straße in Schwerte statt. Weniger Stationen, Abstandsregeln und Personenbeschränkungen- macht das Theaterfestival so überhaupt Spaß? STROBO hat es ausprobiert.

Wer in Schwerte und naher Umgebung aufgewachsen ist, kennt es: das Welttheater der Straße. Seit mehr als 20 Jahren findet es jährlich Ende August. 2020 musste das Festival wegen der Pandemie ausfallen, in diesem Jahr darf es wieder stattfinden unter Corona-Einschränkungen. Das Festival ohne Menschenmassen, die sich eng aneinander gedrängt durch die Straßen von Act zu Act schieben – macht das überhaupt Spaß? Das muss ich als geborene Schwerterin ausprobieren.

Tagsüber hatte sich schon das Festival-typische Wetter angekündigt: Regen. Mit Regenjacke und Regenschirm gewappnet ziehe ich also los in die Schwerter Altstadt zur ersten Station auf der Wiese an der Budohalle.

Aufregender Auftakt mit Artistik-Tanz Trio Tridiculous

Die erste Veranstaltung ist die Tanz-Comedy-Akrobatik Show des Berliner Trios Tridiculous. Semion Bazavlouk betritt als erster die Bühne und heizt dem Publikum mit einer Hip Hop Nummer zum Mitsingen ein. Zaghaft stimmen einige Leute mit ein. Semion erklärt, warum er mit Hip Hop startet: „Wir müssen mit der Jugend mithalten, wir sind schon fast 40“. Tatsächlich ist das Publikum komplett durchgemischt von kleinen Kindern und Jugendlichen, bis hin zu Senior:innen. Mit einer Kombination aus Musik, Comedy, Breakdance und Akrobatik legen Tridiculous einen aufregenden Festival Auftakt hin.

Comedy-Show von Peter Trabner: Ein Mann und ein Baum

Nach dem Auftritt führt mich mein Weg durch die Altstadt, am Theater vorbei zur Wiese hinter der Schallschutzwand. Eingebettet zwischen Theater am Fluss, Veranstaltungshalle Rohrmeisterei, der Schwerter Senfmühle und Kunstwerkstatt Javana tritt dort Peter Trabner mit seiner Comedy-Show auf. Er lässt es sich nicht nehmen auch die letzten verspäteten Zuschauer:innen auf die Schippe zu nehmen, während er beginnt, sein Theaterstück „Zirkus Empedokles – Ein Mann, ein Baum!“ zu inszenieren. Die Hauptcharaktere? Er und ein Baum. Die Location? Ein altes, griechisches Amphitheater, daser natürlich genau hier in Schwerte aufbauen will.

Welttheater der Straße: Was für ein Warte-Typ bin ich?

Als nächstes steht der Sociali Circus vom niederländischen Theater Gajes am Wuckenhof neben dem Kulturbüro auf meinem Plan. Vorher entdecke ich aber noch eine andere Station. Eine Art Bushaltestelle ist auf dem Platz aufgebaut. Bevor ich genauer hinschauen kann, ruft mich schon ein Mann auf, ich solle näher kommen. „Schöner Warten“ heißt die Station. Der erste Schritt des schönen Wartens ist es, eine Telefonnummer anzurufen.

Foto: Sabrina Fehring.

Dort komme ich in ein Menu, wo ich verschiedene Möglichkeiten habe: Wartewissen, Wartung, Müßiggang oder mit eine:r persönlichen Warteberater:in zu sprechen. Ich probiere alles aus und erfahre einiges über Warteschleifenmelodien, werde ermutigt tief durchzuatmen und quatsche mit einem Berater darüber, was für ein Wartetyp ich bin. Neben dem Anrufen kann man sich Wartungsunterlagen auch per SMS schicken lassen und eine Postkarte an sich selbst schreiben. Bei der Postkarte könnte ich auswählen, in wie vielen Monaten ich sie dann erhalten möchte – zum Beispiel in sechs oder zwölf Monaten. Da ich mit meinem Berater feststelle, dass ich eher der ungeduldige Wartetyp bin, verzichte ich auf die Postkarte.

Hauthunger und Social Distancing beim Welttheater der Straße 2021 in Schwerte

Kurze Zeit später geht auch schon die Performance vom Theater Gajes los. Das Publikum wird in fünf Gruppen eingeteilt und an fünf verschiedenen Stationen platziert. Begleitet von etwas schauriger Geigenmusik betritt meine Gruppe den Platz, der einem alten Jahrmarkt gleicht. Ein Mann auf Stelzen läuft neben uns her und macht den einzelnen Leuten Komplimente, während ein Clown mit Bauchladen versucht, Chips, Schnaps sowie Kondome und Masken mit Löchern zu verkaufen. Die ganze Szenerie wirkt, als wären wir ein paar Jahrhunderte zurück in ein Land irgendwo im Süden gereist.

Die Gruppe greift die Corona-Thematik und Social Distancing auf. Sie alle sehnen sich nach menschlichen Berührungen, aber dürfen es nicht. Ich stehe zuerst auf einer Fußmatte vor einem großen Glaskasten. Auf einmal kommt der Clown auf mich zu und fragt, ob er mich umarmen darf. Ich schüttele irritiert den Kopf. Er scheint es noch bei einigen anderen Menschen zu versuchen, wird aber vom Mann auf Stelzen in seinen Wohnwagen zurückgeschickt. Dann geht die Show los.

In unserem Glaskasten ist plötzlich die Geigerin aufgetaucht. Während sie spielt, ertönt ein paar Mal die Stimme „Please keep your Distance“. Sie hört nach kurzer Zeit auf zu spielen und fordert unsere Gruppe auf, unsere Energie zu vereinen. Sie bedeutet fünf Personen nacheinander näher zu ihrem Glaskasten zu treten, damit sie ihnen Energie übergeben kann. Sie zeigt sich sichtlich frustriert, dass es nicht funktioniert, weil die Scheibe im Weg ist. Die frustrierende Corona-Situation wird auch an der nächsten Station deutlich, als der Clown verzweifelt versucht, eine Maske vom Boden zu fegen und einen Zuschauer umarmen will. Als der Zuschauer tatsächlich auf den Clown zugeht, wehrt der Clown ab: „Wir dürfen nicht“.

Foto: Sabrina Fehring.

Finale von Les filles du renard pâle sorgt für Gänsehaut

Meine dritte und letzte Station bei der Performance vom Theater Gajes ist bei einer Barkeeperin, die plötzlich anfängt, sich selbst zu würzen. Die Station ist merkwürdig und lustig zu gleich. Besonders die Kinder in der Gruppe amüsieren sich darüber, wie die Darstellerin versucht, die Menschen zu sich zu locken. Der Zirkus endet damit, dass alle Darsteller:innen auf der Bühne zusammenkommen und sich plötzlich wieder umarmen dürfen. Die Show ist mein Highlight des Abends, denn sie gibt auch Hoffnung, dass eine Zeit kommt, in der wir uns wieder sicher berühren können. Eine Zeit, in der auch beim Welttheater der Straße wieder viele Menschen zusammen kommen dürfen.

Zum Abschluss des Welttheater Abends geht es auf das Gelände der Rohrmeisterei zum großen Finale von Les filles du renard pâle. Die Performance der Hochseiltänzerin wird von einer Sängerin begleitet. Die zwei Frauen beeindrucken mit ihrer Performance – da sorgten nicht nur die kalten Temperaturen für eine Gänsehaut.

Welttheater in Coronazeiten: Mein Fazit

Müde und durchgefroren, aber glücklich laufe ich durch die Altstadt zurück nach Hause. Mein Fazit des Abends ist positiv: Endlich darf ich wieder Kultur und das beliebte Schwerter Straßenfest erleben. Ungewohnt ist es dennoch. Normalerweise gab es deutlich mehr Stationen. Vom großen Markplatz durch die ganze Altstadt konnte man früher alle paar Meter etwas entdecken. Gerne hätte ich auch in diesem Jahr mehr Programm gehabt. Dass das Festivalprogramm kleiner ist als üblich, ist ein Nachteil der pandemiegerechten Umsetzung. Dafür schaut man sich jetzt die gesamten Performances von 20 bis ungefähr 60 Minuten an, da die Tickets und Plätze gebucht sind.

Der Vorteil ist, dass man so nichts von einer Performance verpasst und natürlich auch einen Sitzplatz hat. Besonders gute finde ich, dass die Zeiten der Veranstaltungen alle aufeinander abgestimmt sind, sodass man jede Vorstellung am Abend pünktlich erreichen kann. Früher zog es einen schneller weiter, um wirklich alle Stationen sehen zu können und es gab keine festen Plätze. Dabei verpasste man oft die Hälfte einer Performance. Ich bin gespannt, wie das Festival im nächsten Jahr aussehen wird.

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