Mülheimer Theatertage: Diese 3 Produktionen solltet ihr unbedingt auf dem Schirm haben 

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Der Festivalsommer steht vor der Tür und auch das Kulturprogramm platzt für die nächsten Monate aus allen Nähten. Wie da den Überblick behalten? Vom 04.05. bis zum 25.05. gehen die 49. Mülheimer Theatertage an den Start. Theaterfans also aufgepasst: STROBO-Autor Jan Bednorz empfiehlt euch drei Produktionen, die ihr euch auf dem Festival geben solltet. 

Die Mülheimer Theatertage sind das Forum für Gegenwartsdramatik. Das Festival versammelt eine kleine Auswahl von Stücken aus ganz Deutschland. Mülheim schaut dabei insbesondere auf die Stücktexte, die gesellschaftliche Veränderungen in den Blick nehmen. Neue Dramatik bedeutet der diesjährigen Auswahl entsprechend, dass Themen wie Rechtsextremismus, institutionelle Unterdrückungsmechanismen, weibliche Gewalterfahrungen, der Klimawandel, Krieg und Freundschaft auf den Tisch kommen. Themen, die bewegen und die zeigen, dass Theater nicht im gesellschaftspolitisch luftleeren Raum stattfindet. Die Stücke spielen in der Gegenwart – zwischen Rave und Revolte. Unter anderem diese drei Produktionen erwarten euch im Mai auf dem Festival: 

forecast:ödipus 

„Ödipus“ ist ein alter Klassiker. Klassisch inszeniert dann meist staubtrocken. Langweilig. Kennt man vielleicht auch schon. Thomas Köck besetzt den Ödipus-Mythos aber ganz neu: Die Seuche in Theben wird kurzerhand das ganze System. Mitsamt seinen Krisen; allen voran dem Klimawandel. Die Vorsehung des Delphischen Orakels prophezeit den menschlichen Untergang. Und fordert die Revolution. Die Krisen unserer Zeit werden ausgesprochen.

Aber der Mensch ignoriert die Warnungen, auf die uns u. a. die Klima-Statistiken aufmerksam machen. Er beharrt auf seinem Wohlstand und den Vorzügen achtspuriger Straßen. Mit fatalen Folgen. Die Inszenierung protestiert laut und bildgewaltig gegen die Ignoranz, Warnschüsse bezüglich der Klimakrise und „dem ganzen System“ nicht ernst zu nehmen. Forecast:ödipus wird zur letzten Party eines abgefuckten Systems. 

forecast:ödipus von Thomas Köck am Schauspiel Stuttgart. Foto: Katrin Ribbe.

Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt

„Wenn der mich findet, macht der mich tot.“ Das ist die Angst von Anna, eine von sechs Frauen, die Zuflucht in einem Frauenhaus suchen. Felicia Zeller bearbeitet in ihrem Text weibliche Gewalterfahrungen. Grundlage dafür sind die realen Geschichten von Frauen aller Altersgruppen und aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Alle sind häuslicher Gewalt zum Opfer gefallen. Alle finden Zuflucht in einem Frauenhaus. Felicia Zeller öffnet jedoch den Blick aus dem Frauenhaus und weist auf strukturelle Probleme hin. Die Vielfalt der Geschichten trifft auf eine Kritik am patriarchalen System. 

Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt ist ein Stück von Felicia Zeller. Foto: Axel J. Scherer.

The Silence 

Mit „Baracke“ und „The Silence“ werfen die Stücke der Mühlheimer Theatertage auch einen schonungslosen Blick hinter die Fassaden vermeintlicher Familienidyllen. Falk Richter interessiert in „The Silence“ vor allem die Gefühlslosigkeit der Nachkriegsgenerationen. Er untersucht die herrschenden Familienideale und richtet die Lupe auf Personengruppen, die die Kleinstadtnormen nicht erfüllen, zum Beispiel queere Jugendliche. Die Inszenierung bricht mit dem Schweigen hinter zahlreicher Familiengeschichten. Sie legt familiäre Kavaliersdelikte körperlicher und emotionaler Gewalt offen.

Ich persönlich hatte die Mülheimer Theatertage in den letzten Jahren gar nicht auf dem Schirm. Umso beeindruckter bin ich in diesem Jahr, was für interessante und renommierte Stücke das Festival ins Ruhrgebiet lockt. Die neue Dramatik: progressiv, ehrlich, politisch. Bis Ende Mai gibt’s fast jeden Tag etwas zu sehen. Hier könnt ihr das Programm der Mülheimer Theatertage abchecken. 

Bock auf mehr STROBO? Lest hier: Über das Gefühl der Freiheit: Regisseur Patrick Büchting im Interview.

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