„Wir hatten das Gefühl, dass die Welt am Arsch ist“: Figur Lemur releasen Debütalbum „Politik und Liebe“

Mit „Politik und Liebe“ veröffentlicht die Poprap-Band Figur Lemur heute ihr Debütalbum. Im Interview erzählen die Wittener von ihren Tracks, dem Chaos in der Welt und wieso sie schon wieder im Studio stehen.

STROBO: Heute erscheint euer Debütalbum „Politik und Liebe”. Ihr thematisiert darauf vor allem ganz viel Weltschmerz, der die beiden Komponenten verbindet. Welche Gefühle und Ereignisse haben die Arbeit an eurem Album geprägt?

Ben: In erster Linie war das ein Gefühl von Chaos. Interessant ist aber, dass wir unsere erste Probesession mit unserem neuen Produzenten Farsad Zoroofchi am Tag nach dem Sturm auf das Capitol hatten. Das Ereignis hing uns zu dem Zeitpunkt sehr in den Köpfen. Daraufhin haben wir die erste Demo von „Katharina“ geschrieben, wobei wir in der ersten Version des Songs den Sturm noch viel expliziter aufgegriffen haben. 

Basti: Es hat uns auch getriggert, dass es in Deutschland zu der Zeit auch ähnliche Fantasien gab oder auch immer noch gibt. Zu dem Zeitpunkt war die Querdenken-Bubble gerade sehr präsent, die davon gesprochen hat, den Staat zu stürzen. Wir hatten also das Gefühl, dass die Welt am Arsch ist und wahnsinnig viel falsch läuft.

STROBO:Inside – Figur Lemur

Figur Lemur sind die beiden Brüder Ben (27, Rapper) und Jonas (32, Synthies und Vocals), Joscha (28, Synthies und Drums) und Basti (29, Gitarre und Vocals). Die vierköpfige Poprap-Band kommt ursprünglich aus Witten. Mittlerweile leben sie in ganz NRW verstreut, ihren Proberaum haben sie in Bochum. 1999 haben Ben, Jonas und Joscha angefangen, zusammen Schlagzeug zu spielen, seit 2008 sind sie mit Basti in einer Band. Als Figur Lemur machen sie seit 2017 zusammen Musik. „Politik und Liebe“ ist ihr Debütalbum. 

STROBO: In „Wannja“ gibt es die Zeile: „Nebenan passiert das, von dem wir dachten, dass wir es seit Jahren hinter uns gelassen haben“. Worauf spielt ihr da an?

Joscha: Für mich war das immer eine Zeile über die Situation in Ungarn, wo die Geflüchteten vor den Grenzzäunen im Winter zum Sterben gelassen worden sind. Und jetzt funktioniert der Satz immer wieder zu allen Ereignissen, die in unmittelbarer Nähe passieren. Das ist heftig.

Ben: Und er funktioniert auch in ganz verschiedenen Größenordnungen. Das kann sein, dass in unserer vermeintlich linken Bubble genau so viel Sexismus herrscht wie woanders. Oder dass in China die Uiguren ausgebeutet werden, denn China ist in unserer globalisierten Welt auch quasi nebenan.

STROBO: Ihr thematisiert in „Opa“, den eigenen Großvater nicht genug über den Zweiten Weltkrieg gefragt zu haben. Wie sehr betrifft euch das auch persönlich?

Jonas: Alle Zeilen, die sich auf den Opa beziehen, sind autobiografisch. Ben und ich haben unseren Opa und unsere Oma wirklich nicht nach dem Zweiten Weltkrieg gefragt. Es geht also um Fragen wie: Was wussten sie? Und was ziehen wir daraus für Schlüsse?

Ben: Und im Schnitt haben die meisten Großeltern aus der Zeit mit den Nazis zu tun gehabt. Da steckt automatisch eine Vergangenheit hinter.

Joscha: Und es geht in dem Song auch darum, dass wir heute alles mitbekommen und keine Entschuldigung mehr haben, so zu tun, als wüssten wir nicht, was passiert.

Joscha: Wir wissen heute zum Beispiel vom Auswärtigen Amt, dass KZ-ähnliche Zustände in den Lagern in Libyen herrschen. Ich stelle mir dann die Frage, welche Verantwortung dann auf uns zurückfällt. Müssen wir uns beispielsweise ins Auto setzen und nach Moria fahren, um die Menschen da herauszuholen, wenn es unser eigener Staat nicht schafft?

STROBO: Hat der Song für euch durch den Krieg in der Ukraine nochmal eine neue Bedeutung bekommen? 

Ben: Dadurch, dass sich der Krieg für die Gesellschaft näher anfühlt, hat er sicherlich eine andere Relevanz. Es wäre aber vermessen, wenn man den Krieg in der Ukraine mehr herausstellt als andere. 

STROBO: In „Happy As Fuck“ geht es um das Sich-Abschotten von Menschen und der Welt – euer Album ist in einer Zeit entstanden, in der Isolation durch die Coronapandemie nichts Ungewöhnliches war. War das der Ursprung?

Jonas: Den Refrain zu „Happy as Fuck“ haben wir Ende 2020  im zweiten Lockdown geschrieben –  da haben wir das Isolationsthema voll gefühlt. Deshalb kam das auf jeden Fall daher.

Joscha: Wir hatten aber auch das Gefühl, das Thema Corona schon in unserer Stereoton-EP verpackt zu haben und dann war „Happy as Fuck“ ein schöner Kontrast, weil das Thema auch ein wenig unabhängig von der Pandemie funktioniert. Dieses Gefühl, sich so einen richtig geilen Tag alleine zu Hause zu machen, kannten wir schon vorher. Nach dem Motto: Don’t talk to me – ich habe die beste Zeit alleine.

Songs: Die Songs der „Stereoton“-EP hätten thematisch auch gut auf euer Album gepasst. Wieso habt ihr euch entschieden, einen Cut zu machen und nur mit neuen Songs auf euer Debütalbum zu gehen? 

Ben: Das wäre am Anfang sogar eine Option gewesen. Farsad hat uns die Entscheidung aber abgenommen. „Politik und Liebe“ hat sich für uns einfach wie ein neues Kapitel angefühlt – auch qualitativ.

Joscha: Genau, die Songs hatten eine andere Klarheit.

STROBO: In „Schweigen“ geht es darum, dass oftmals nicht über Probleme gesprochen wird. Wieso ist es auch als Band wichtig, euch politisch zu positionieren und das Schweigen zu durchbrechen?

Joscha: Das ist eine Frage der Verantwortung. In dem Moment, in dem wir als Band eine Öffentlichkeit schaffen, entsteht eine Verantwortung diese auch zu nutzen. Wir verstehen uns natürlich nicht als politische Aktivisten, die Musik machen, sondern wir machen in erster Linie Musik. Aber diese aktivistische Komponente spielt bei uns zwangsläufig mit rein. Wir haben das Gefühl, damit einen Hebel ansetzen zu können.

Ben: Das ist auch wie ein To-Do-Punkt auf unserer eigenen Liste. Ich würde gerne öfter die Fresse aufmachen als ich es eigentlich mache. Bei einem dummen Spruch, wenn ich etwas sehe, das nicht gut ist, oder auch bei größeren politischen Themen. Ich wünsche mir, dass ich da aktiver bin.

STROBO: Ihr setzt ihr diese eher schweren Themen sehr tanzbar um – wie passt das zusammen? 

Jonas: Eigentlich passt genau das nicht zusammen, aber wir wollen, dass unsere Musik Spaß macht und diesen Spaß als Hebel benutzen, um wichtige Inhalte zu transportieren. Sonst könnten wir auch nur Texte schreiben und Lesungen oder Vorträge halten. 

Joscha: Unsere Songs kanalisieren auch eine Energie. Das zeigt sich auch bei „Schweigen“ – es gibt den Druck, dass das Thema raus muss, diese Energie spiegelt sich dann auch im Track wider und in der Bewegung im Publikum.

Ben: Farsad hat mal gesagt, dass politische Botschaften plakativ in Songs ausgedrückt werden müssen. Es ist es manchmal stärker und produktiver „Nazis raus” zu sagen als die Bandbreite der Probleme umfassend zu thematisieren. 

STROBO: Während die Songs, die wir bislang besprochen haben, das Thema Politik abdecken, passt „Pack” zum Liebesthema eures Albums. Dabei geht es um eure Freundschaft und eure Heimat. Wie habt ihr das Aufwachsen in Witten und im Ruhrgebiet wahrgenommen? 

Basti: Es geht in „Pack“ weniger um Witten als unser Dorf, Witten-Stockum. Diese kleinen, dörflichen Inseln, die ein wenig abgeschottet sind, gibt es im Ruhrgebiet ja häufiger. Stockum war so ein Ort, in dem wir groß geworden sind. Wir waren Nachbarn und haben uns als Kinder kennengelernt, und dann angefangen, Musik zu machen – viel auch aus Mangel an Alternativen.

Ben: Wir hatten aber alle eine ziemlich coole Kindheit und Jugend zusammen. Und das haben wir schon in dem Moment romantisiert. 

Jonas: Natürlich hat es genervt, wenn man feiern gehen wollte, weil man auch nicht immer nach Hause gekommen ist. Aber, dass wir Musik gemacht haben und uns hatten, war schon cool. Wir hatten in Stockum auch unseren eigenen kleinen Proberaum, in dem wir unsere eigene Musikwerkstatt hatten und CDs bedruckt hatten.

STROBO: Hat euer Leben auf dem Dorf eure Musik geprägt?

Ben: Wir hätten bis auf Basti auf jeden Fall alle kein Schlagzeug gelernt, wenn wir nicht dort aufgewachsen werden. Unsere Vorgängerband hätte es auch nicht gegeben. Wir hätten zudem Probleme gehabt, wenn wir Geld für einen Proberaum hätten zahlen müssen. Den hatten wir nämlich umsonst, was komplett absurd ist. Das lief alles über eine Kirchengemeinde. Obwohl wir mit der Kirche selbst nichts am Hut hatten.

Joscha: Der Pastor war Schlagzeug- und Percussionlehrer und hat uns unterrichtet. 

STROBO: Wie fühlt es sich für euch an, wieder zurückzukommen?

Joscha: Mittlerweile merke ich, wie weit das von meiner Lebensrealität weg ist. Ich finde es super anstrengend, wieder zurückzukommen.

Ben: Der Garten meiner Eltern fühlt sich noch normal an. Ich würde vermuten, dass es sich auch für Joscha und Basti total normal anfühlen würde, weil wir früher sehr viel bei unseren Eltern waren. Wir haben für das Video von Pack” an einem Feldweg in Stockum gedreht. Da sind ein paar Leute gekommen und haben uns gegrüßt. Ich frage mich bis heute, ob das so ein Dorf-Ding ist oder ob die uns noch kannten.

STROBO: Vor einem Jahr habt ihr gesagt, dass ihr den 90er-Jahre Grunge in eure Songs reinholen wollt. Das hört man auf vielen Tracks. Woher kam euch das Bedürfnis? 

Jonas: Da ist meine Nirvana-Jugend hochgekommen. Außerdem habe ich eine richtig kaputte Akustikgitarre, die bestimmt 80 Jahre alt ist und die meine Mutter schon früher geschenkt bekommen hat. Die klingt eigentlich richtig scheiße, aber wenn man sie ein wenig rotzig spielt und verzehrt, klingt sie richtig geil. 

Basti: Die muss jetzt immer mitreisen. (lacht)

STROBO: Ihr habt für Politik und Liebe“ das erste Mal mit Farsad Zoroofchi zusammengearbeitet. Wie hat das eure Musik geprägt? 

Ben: Der Kern unserer Musik fühlt sich nicht anders an, aber er hat bei uns vor allem krass aufgeräumt. Ich bin mir nicht sicher, ob wir letztendlich nicht auch an einen ähnlichen Punkt gekommen wären, aber einfach viel länger dafür gebraucht hätten – vielleicht sogar Jahre.

Basti: Farsad hat uns einen anderen Ansatz gegeben, Songs zu schreiben. Er konnte uns sagen, was wir nicht machen sollen und wieso, und wie wir an Songs herangehen können. 

Ben: Und er hat uns Selbstbewusstsein in der Zeit gegeben, in der wir es nicht durch Live-Auftritte erlangen konnten. Wir haben als Band eine schwere Zeit hinter uns. Als unser Drummer ausgestiegen ist, gab es eine Phase, in der Figur Lemur fast auseinandergebrochen wäre. Das steht seit der Zusammenarbeit mit Farsad nicht mehr zur Debatte.

STROBO: Politik und Liebe” ist für euch nicht nur als Album ein Debüt – ihr startet nach dem Release im Oktober auch eure erste Tour quer durch Deutschland. Ihr habt mehrfach gesagt, dass ihr euch vor allem als Liveband versteht. Was erwartet eure Fans auf der Tour? 

Joscha: Jetzt, wo wir das Album draußen haben, fühlt es sich nicht mehr an als ob wir einfach Songs hintereinander spielen. Stattdessen sind unsere Shows eine große künstlerische Sache, in der wir unsere Energie nach vorne bringen können. Diesen Anspruch haben wir auch an die Tour und wollen unsere Energie auf die Leute übertragen. Und ich glaube, wir können gut in kleinen Läden abreißen. 

STROBO: Eure nächsten Songs stehen schon in den Startlöchern – wieso wolltet ihr euer Debütalbum nicht erst erstmal sacken lassen? 

Basti: Wir haben die Songs mittlerweile vor über einem Jahr geschrieben. Das Album kommt zwar jetzt raus, aber wir haben die Musik schon so oft gehört, dass wir direkt Lust haben, neue Sachen aufzunehmen.

Ben: Weniger Songs mit einem besseren Budget über eine längere Zeit zu schreiben, fühlt sich gerade auch schon fast wie Urlaub an. Auch weil wir an den neuen Songs geschrieben haben, als das Album noch nicht raus war, hatten wir da keinen Zeitdruck. Das hat sich eher wie Me-Time angefühlt.

Joscha: Ich spüre auch den Drang, endlich wieder im Studio zu stehen. Wir hatten bislang schon eine Session für die neuen Songs und haben zehn Demos in einer Woche geschrieben.

STROBO: Was wird uns da erwarten?

Ben: Thematisch arbeiten wir im Moment nicht mehr an den ganz großen Weltthemen, stattdessen sind die Songs näher bei uns. Aber das heißt nicht, dass es so bleibt. 

Dieser Artikel wurde gefördert durch den Regionalverband Ruhr.

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