70 Minuten perfektes Chaos: Black Midi bei der Ruhrtriennale

Die britische Experimental Rock-Band Black Midi waren bei der Ruhrtriennale 2022 in Essen zu Gast. STROBO-Autor John Schmidt war dabei und berichtet von Rausch, beeindruckender Spielfreude und einem surrealen Cover.

Die Ruhrtriennale bietet jedes Jahr einige Highlights, musikalisch wird aber oft noch eine Schippe draufgelegt: 2015 waren bei der Ritournelle untere anderem The Notwist und Caribou zu Gast, 2014 und 2017 wurde es mit Sunn O))) experimentell und dronig. Leider habe ich die Events damals allesamt verpasst, mich aber auch gefragt, welche spannenden Acts in den nächsten Jahren von den Intendant:innen ins Ruhrgebiet geholt wird. Nun hat man sich für 2022 unter der Leitung von Barbara Frey dafür entschieden, Black Midi im Maschinenhaus Essen auftreten zu lassen und damit offensichtlich nicht nur bei mir einen Nerv getroffen, denn das Konzert ist restlos ausverkauft.

Schon längst kein Geheimtipp mehr

Und auch wenn viele Menschen die Band noch nicht kennen, sind sie schon länger kein Geheimtipp mehr – Black Midi haben in den letzten Jahren, frühestens 2019 mit Schlagenheim, aber spätestens 2021 mit Cavalcade, weltweit den Feuilleton und Musikhörer:innen nachhaltig beeindruckt. Dass die Band in diesem Jahr mit Hellfire ein noch besseres und noch höher gefeiertes Album releast hat, ist dabei nur logisch. Die Mischung aus Math-Rock/Free Jazz, Hardcore, Post-Punk und Noise lässt sich nur schwer unter dem Label des Prog-Rock zusammenfassen, dementsprechend sei Interessierten an dieser Stelle der Cavalcade-Opener John L empfohlen und dazu ein Zitat von Anthony Fantano: „“John L is sure to either blow mind or break mute button. Either way it’s a song that is nearly impossible to listen to casually.”

Black Midi im Maschinenhaus der Zeche Carl

Nun sind sie also bei der Ruhrtriennale in Essen und treten im Maschinenhaus der Zeche Carl auf. Zusammen mit Jan, einem Konzertbuddy und glühendem Black Midi-Fan, mache ich mich auf den Weg zur Halle. Als wir dort ankommen, sehen wir viele unterschiedliche Menschen. Einige Leute sind älter und scheinen eher dem Theaterklientel anzugehören, andere sind jung und wirken eher in alternativen Kreisen beheimatet. Es ist auf jeden Fall sehr interessant, dass der gemeinsame Nenner dieser Leute heute Abend Black Midi sein wird. Denn genau wie Black Midi, ist es schwer das Publikum in eine Schublade zu stecken.

Jan hatte Black Midi im Mai dieses Jahrs schon einmal gesehen, bevor Hellfire released wurde. Er erzählt mir von Moshpits und Köpfe nickenden Musiknerds. Das heutige Konzert ist wohl grundverschieden, denn wie wir beim Betreten des Maschinenhauses bemerken, ist die Venue bestuhlt. Also erwarten wir keine Moshpits und viele nickende Köpfe. Zusammen mit ungefähr 150 anderen Menschen setzen wir uns und warten gespannt. Einige Leute in Publikum sind wohl mehr gespannt als andere, denn sie fangen beim Warten grundlos an zu klatschen. Die Bühne ist undekoriert, außer auf die Bühne wabernder Nebel sind nur die Instrumente, Mikrofone und Boxen zu sehen.

black midi. Von links: Seth Evans, Cameron Overeynder, Geordie Greep, Morgan Simpson © Sabrina Richmann, Ruhrtriennale

Ein 70 Minuten langer Rausch voller Spielfreude

Ein paar Minuten später ertönt ein Wrestlingintro, in dem die vom Hellfire-Album bekannte, tiefe Männerstimme den legendären und unbesiegten Wrestler „Black Hellfire Midi“ ankündigt. Die Band (zu viert, also nur mit Unterstützung am Keyboard und leider ohne Saxophonist Kaidi Akinnibi) kommt ohne weitere Umschweife auf die Bühne und fängt direkt an zu spielen. Black Midi beginnen mit Welcome to Hell und zocken sich direkt in eine Art Rausch. Was dann folgt, lässt sich nur schwer chronologisch beschreiben. Laut löst leise ab und Chaos löst Ordnung ab, teilweise in Sekundenschnelle. Natürlich kennt man das schon von den Alben der Band und oft erkennt man Passagen der Songs, aber genauso oft jammen und gniedeln die vier sich durch die Setlist. So sind viele Intros, Outros und Übergänge improvisiert und lassen sowohl den Jazz-Hintergrund als auch die Spielfreudigkeit der Band erkennen. Als etwa gegen Ende des Konzerts John L gespielt wird, covert Gitarrist Geordie Greep einfach so (und passend!) das Axel F Riff.

Berauschend, surreal und mit viel Präzision

Ein paar Sekunden später spielt die Band den Song zu Ende und die Erinnerung an das Cover wirkt surreal. Auch der Rest des Konzerts wirkt berauschend surreal und wir sind froh zu sitzen, denn so können wir die ganze Zeit lang genau bestaunen, was da vor unseren Augen passiert. Mit viel Präzision drumt Morgan Simpson mal geordnete Jazzpassagen und mal chaotische Metalbeats. Cameron Picton haut am Bass einige Male richtige Tiefen rein, nur um dann wieder in feinster Math Rock-Manier sein Können unter Beweis zu stellen. Auch die Live-Unterstützung Seth Evans haut am Keyboard in die Tasten als wäre es das einfachste der Welt – manchmal kann ich seinen Fingern auch nicht folgen, so flink wie er spielt. Jan sagt über dieses Verhalten der Band: „Black Midi geben in solchen Momenten keinen Fick, albern rum und zocken in der nächsten Sekunde mega die vertrackten Rhythmen.“

Die kleinen Momente bei Black Midi

Auch die kleinen Momente beweisen das: Seth dehnt irgendwann beim zweiten Song seine Finger als wäre er gerade beim Soundcheck, Cameron stellt sich für ein paar Minuten in die Ecke und dreht sich dabei komplett zur Wand um und Morgan wirft zweimal Drumsticks in die Luft (fängt zwar einmal nicht, aber er schnappt sich sofort den nächsten und zockt abgebrüht weiter als wäre das Teil der Show). Morgan ist generell den ganzen Abend über zu Scherzen aufgelegt und scheint gar nicht zu merken, dass sein Job eigentlich anstrengend sein sollte. So wirft er sich sein Handtuch über den Kopf und spielt ungefähr eine Minute blindlings und behauptet einmal lächelnd, dass er keine Lust hätte weiterzuspielen.

Der Rausch hält ungefähr 70 Minuten, dann ist Schluss mit einem abschließenden Outro, welches über drei Minuten lang geht und bei dem niemand (inklusive der Band) so richtig weiß wann es endet. Doch irgendwann ist die letzte Note gespielt, Geordie sagt „Thank You“ und die Band verschwindet. Ohne Zugabe, aber die wäre auch nicht nötig gewesen.

black midi, Von links: Geordie Greep, Morgan Simpson © Sabrina Richmann, Ruhrtriennale

Was bleibt also von diesem Konzert? Wir sind beeindruckt und wissen nicht so recht in Worte zu fassen, was da gerade passiert ist. Diese unglaubliche Präzision gepaart mit kindischer Albernheit ist sehr selten, Vergleiche mit Captain Beefhart, Primus oder wem auch immer wirken angesichts des schieren Könnens der Band lächerlich. Dass die Mitglieder allesamt um die Anfang 20 sind, macht es noch beeindruckender.

Beeindruckt sind wir auch von der Ruhrtriennale: Black Midi als Teil des Festivals auftreten zu lassen, ist zwar irgendwo naheliegend, zeugt jedoch auch vom Zeitgeistverständnis des Teams um Barbara Frey. Mal gucken, wen sie sonst noch so ins Ruhrgebiet holen. Mit Mouse on Mars ist dieses Jahr auf jeden Fall eine weitere spannende Band dabei.

Setlist:
Welcome to Hell
Sugar / Tzu
Dangerous Liaisons
Unbekannter Song/Jamsession
Still
Eat Men Eat
Speedway
Western
Slow
27 Questions
Chondromalacia Patella
John L (inklusive Axel F cover)
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