Kultur am Rande des Ruhrgebiets: Warum war ich noch nie in Moers?

Was passiert kulturell in den Orten abseits von Bochum, Essen und Dortmund? Dieser Frage gehen wir auf den Grund und verbringen einen Tag in acht Kleinstädten des Ruhrgebiets. STROBO-Autorin Anastasia war in Moers und hat versucht, der Kultur der Stadt auf den Grund zu gehen.

Moers ist nicht die erste Stadt, an die ich denke, wenn ich über das Ruhrgebiet spreche. Moers, über 104.000 Einwohner:innen, gequetscht zwischen Duisburg, Neukirchen-Vluyn und Kamp-Linfort. Eine Stadt, die für mich lange nur die Heimat von Detlef war, dem wütenden Mann aus der Gartensendung „Ab ins Beet“. Irgendwo, vielleicht zwischen Schwafheim und Hülsdonk, haben er und sein Stein TV-Geschichte geschrieben.

Detlef werde ich heute in Moers nicht treffen, so viel kann ich schonmal vorweg nehmen. Und trotzdem wird mich die Stadt überraschen.

Liebe auf den ersten Blick?

Die Fahrt von Duisburg nach Moers zieht sich. Der RB 31 ist zwar leer und angenehm kühl, doch meine Ungeduld ist groß. Bei jeder Bremsung des Zuges schaue ich aus dem Fenster, um endlich weiß auf blau „Moers“ auf dem Schild am Bahnhof zu sehen. Doch während wir erst in Rheinhausen halten, über den Rhein nach Rumeln und Trompet schleichen, frage ich mich nur: Kann eine Stadt auf der anderen Seite des Rheins noch zum Ruhrgebiet gehören?

Angekommen in Moers

Die Sonne scheint unbarmherzig auf den asphaltierten Vorplatz des Bahnhofs. Nach 17 Minuten Bahnfahrt, vom Duisburger Hauptbahnhof aus, bin ich angekommen. Langsam bewege ich mich an der Hauptstraße entlang zu meinem ersten Zwischenstopp: dem Wallzentrum.

70er Jahre Betonbauten und Einfamilienhäuser reihen sich aneinander. Immer wieder sehe ich Taxiunternehmen, die mit großen Plakaten ihre Pauschalpreise zum Düsseldorfer Flughafen oder in die Duisburger Innenstadt bewerben. Moers: eine Stadt, aus der die Einwohner:innen raus wollen?

Schon von weitem begrüßt mich mein Ziel: Der graue Betonklotz des Wallzentrums. Balkone aufeinander gestapelt wie Kisten blicken auf die vielbefahrene Kreuzung. Ein rot-oranges Eingangsschild weist mir den Weg in die beklemmende Leere des untenliegenden Einkaufszentrums. Die meisten Ladenlokale sind verlassen. Die Schritte der wenigen Menschen, die sich in den langen niedrigen Schlauch verirrt haben, hallen laut.

Das W: Urbaner Raum im Einkaufszentrum

Ein Ladenlokal sticht heraus: Die Scheiben sind mit farbigen Folien beklebt, innen drin bedecken schwarz-weiße Muster die Wände. „Das W – Zentrum für urbane Kunst“ war ein Ort für Kunst, Kultur und Austausch in Moers. Der Intendant des Schlosstheaters, der eine Vorliebe für Orte abseits des Theaters hegte, inszenierte eine Oper in dem leerstehenden Lokal. Daraus entstand die Idee des Zentrums, das das Kulturministerium NRW auf drei Jahre lang begrenzt förderte. Und diese drei Jahre enden am Tag meines Besuchs.

Ich verlasse das Einkaufszentrum und bewege mich zur Fußgängerzone. Ich bereue, dass ich das W nicht als lebendigen Ort für Kultur erleben konnte. Allein die farbigen Schaufenster und das Gedicht, dass an der Hausfassade hängt, erinnern an das Zentrum. Der Wehmut kann ich nur kurz Raum geben – schon übertönt lauter Deutsch-Pop meine Gedanken.

Größtenteils ältere Menschen ziehen einen selbstgestrickten Schal durch die Moerser Innenstadt. Ein Mann mit Megafon und Laborkittel, ein pinkes W an einem Stab, führt die Menge an. „Wir sind Rebellen“ von Lina dröhnt aus dem Lautsprecher. Was der mittelmäßig gute Pop-Song der ehemaligen „Bibi und Tina“- Schauspielerin mit der Demo zur Schließung des Ws zu tun hat, verstehe ich nicht.

Was ich aber durch die Ansagen verstehe: Ein Teil des Zentrums für urbane Kunst soll in anderen Kulturzentren in Moers weiterleben. Die erhalten während des eigenwilligen Umzugs Stücke des „Schals der Verbundenheit“. Eine von ihnen ist Viola Köster. Die Dramaturgin am Schlosstheater steht dreifach gewickelt in ihrem gerade übergebenen Stück Schal vor dem Theater.

Gesellschaftskritik im Schlosstheater in Moers

Das kleine unauffällige Haus ist seit der Besetzung durch Studierende in den 1970ern die Bühne für Schauspiel in Moers. Als sich die kleine Bühne im oberen Geschoss des Theaters etabliert hatte, kam der Keller des Schlosses dazu. Das Schlosstheater gehört zu den Ruhr Bühnen und sieht sich auch als Teil des Ruhrgebiets.

Seit 2003 ist Ulrich Grebe Intendant und offen bekannt für gesellschaftskritische Stücke, erzählt mir Viola Köster. „Wir setzen uns für eine Spielzeit immer oft ein bestimmtes Motto oder Thema. Manchmal recherchieren wir auch selbst zu Themen zum Beispiel zur Loveparade-Katastrophe in Duisburg.“

Das Theater sei bekannt dafür sich in aktuelle Diskurse einzumischen und habe mehr Freiheiten als die bekannteren andere Spielstätten. Auch das Ensemble sei im Vergleich zu großen Häusern viel kleiner. Zahlreiche Stücke müssten mit Doppel- und Mehrfachbesetzungen arbeiten umgeschrieben werden, da die Personen für die Rollen fehlen würden, erzählt Viola Köster während des Rundgangs durch das Theater. Auf der größeren Bühne, ein komplett schwarzer Raum, würden die meisten Stücke aufgeführt vorgeführt werden.

Junge Besucher:innen ziehen oft die Stücke der Jugendclubs und die Kooperationen mit der Uni Duisburg-Essen nach Moers. Doch das Problem bleibt: „Viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ziehen nach der Schule weg aus Moers“, erzählt sie.

Auch dem Kassierer, der im Grafschafter Museum im Schloss arbeitet, fehlt in der Stadt ein größeres Angebot für junge Leute. „Eine richtige Kneipenkultur wäre schön. Die meisten Cafés und Kneipen machen schon um halb elf zu“, kritisiert er. Nur einzelne Orte, wie die „Röhre“ würden in Moers, für ihn die „Goldene Mitte zwischen Rheinland und Ruhrgebiet“, länger aufhaben.

Auch das Museum ziehe eher älteres Publikum und Familien mit Kindern an. Ritterstatuen, Wandteppiche und Werkzeuge aus dem Mittelalter erzählen die Geschichte von Gräfin Walburgis von Neuenahr – Moersder.

Mit den Sonderausstellungen versucht das Museum auch jüngere Besucher:innen zu locken. Bei der jetzigen Ausstellung geht es um die Mondlandung. Für eine Fahrt mit dem Mondauto würde ich immer gern nach Moers zurückkommen.

Moers: Besser als die Großstadt?

Erstaunlich viele junge Menschen laufen an diesem Freitagnachmittag durch die Innenstadt. Ich spreche mit drei Jugendlichen, die vor dem Schloss sitzen. Sie kommen aus dem Nachbarort Rheinhausen und verbringen ihre Freizeit gern in Moers. Warum genau hier? „Weil es in Duisburg ranzig ist“, sagt einer und lacht.

Ranzig, das muss ich zugeben, ist Moers in meinen Augen definitiv nicht. Wer sich durch die Betonbauten zur Innenstadt hindurch kämpft, stößt auf kleine Cafés und fast schon zu niedlichen Gassen.

Bollwerk 107: Wo auch mal ein Punk ein Bier trinkt

Doch nicht alles an Moers ist niedlich und süß. Das Bollwerk 107, direkt neben dem Bahnhof angesiedelt, will auch ein Kulturort für die alternative Szene sein.

Am Freitagabend sitzen schon einige Besucher:innen auf der Terrasse des Kulturzentrums. In der Kneipe drinnen gibt es Burger und Bier, die Türen zum Veranstaltungsort sind mit Stickern beklebt. Das Bollwerk ist eine Institution in Moers.

Für Markim Pausen, der den Poetry Slam an diesem Abend moderiert, ist das Zentrum „ein Ort zum Wohlfühlen.“ Seit fünf Jahren moderiert er die Veranstaltung und freut sich, dass das Bollwerk ein Platz für die junge Szene ist. „Klar können hier auch Konservative hin, aber es ist eher ein Ort für junge, alternative Menschen. Hier trinkt auch mal ein Punk sein Bier.“

Auch Till Hunke sieht es ähnlich. Zwar sei das Klientel bei einer Lesung auch mal älter, jedoch kommen zu großen Teilen junge Menschen, auch von außerhalb von Moers, hierher. Er merke, dass die Besucher:innen das vielfältige Angebot sehr schätzen und die vielen Workshops wahrnehmen. Das Bollwerk organisiert auch Kleidertauschpartys, Jam-Sessions oder Online-Stammtische.

Auf der Bühne steht heute Jeanette Kasper-Feld. Sie ist zum ersten Mal im Bollwerk in Moers, hat aber viele Freund:innen, die hier zu Konzerten hinfahren. Für sie gehört Moers zum Ruhrgebiet: „Die Stadt und die ganze Region macht aus, dass sie, anders als am Niederrhein, Platz für Subkultur haben.“ Hier sei es einfach viel entspannter für Künstler:innen, findet sie.

Erste Besucher:innen warten schon im kühlen Saal auf den Start des Slams. Während die letzten spontanen Leute ein Ticket an der Abendkasse kaufen, gehe ich durch die Metalltüren nach draußen und verlasse das Bollwerk.

Der Zug nach Duisburg fährt nur jede halbe Stunde. Ich trödle auf dem Weg zum Bahnhof und beobachte die Leute, die ins Bollwerk eilen. Wäre ich mutig und spontan, würde ich mich vielleicht sogar noch im Bahnhof ansässigen Tattoo-Studio tätowieren lassen. Wer kann schon von sich behaupten, so ein Souvenir aus einem Kleinstadtbahnhof mitgenommen zu haben? Doch ich entscheide mich dagegen und steige direkt in den Zug ein. 

Auf der Fahrt nach Duisburg überqueren wir wieder den Rhein. Ob Moers jetzt nun zum Ruhrgebiet gehört, ist mir mittlerweile egal. Da hat jede Person wohl ihre eigene Meinung zu. Stattdessen drängt sich mir im RB 31 eine ganz andere Frage auf: Wann fahre ich mal wieder zurück nach Moers?

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