Lieber Saufspiel oder Schauspiel?

Unser STROBO-Redakteur Tobi war am Wochenende zwei Persönlichkeiten. Einmal billigbiersaufender Partygröler, einmal schick gekleideter Theatergänger. Was Club und Theater voneinander unterscheidet, aber auch verbindet und was daran so schön ist, erklärt er hier.

Ich hab ein bewegtes Wochenende hinter mir. Erst Saufspiel, dann Schauspiel. Warum diese Kombi erstaunlich gut funktioniert, will ich euch mit diesem Protokoll beweisen. Doch fangen wir von vorne an:

Die Vorbereitung:

Freitagabend, 17:45 Uhr, ich hole die dreckigen Vans aus dem Schuhschrank. Im Hintergrund läuft  „Roxanne” von The Police (dazu gleich mehr) und ich habe richtig Lust auf den Abend. Am Bochumer Hauptbahnhof treffe ich meine Freund:innen und drück allen erstmal ein frisch geöffnetes „Hansa Export“ in die Hand. Wir sind auf dem Weg zu „Bingolinchen“, einer Party und gleichzeitig Comedy-Veranstaltung. 
Bingolinchen sind zwei Kölner Typen, „Bleibtreuboy“ und „Flimmy“, die (leicht bekleidet) auf einer Bühne stehen und Holzkugeln aus einer Lostrommel ziehen.
Klingt wie eine Nachmittagsseniorenbeschäftigung, ich weiß, ist aber genau das Gegenteil.

Samstagabend, 18:45 Uhr, ich ziehe die schicken schwarzen Ledervans an. Im Hintergrund läuft nix, glaube ich. Naja, Lars läuft. Zum Auto. Und erinnert mich daran, dass wir pünktlich beim Theater sein wollen. Auch heute habe ich richtig Lust. Wenn ich mich schick anziehe (zumindest schicke Schuhe), krieg ich meist Vorfreude. Denn das tue ich dann ja für Veranstaltungen, die mir Spaß machen werden. Hochzeiten, französischen Festivals oder Theaterpremieren zum Beispiel. Über eine gute Freundin sind wir an Tickets für „Der Fall Collini“ im Westfälischen Landestheater gekommen. Im Vergleich zu Bingolinchen muss ich Theater glaube ich nicht erklären.

Der Beginn:

Im Dortmunder Junkyard sitzen am Freitag die Menschen an Bierbänken, vor ihnen Lottoscheine. Ab und zu werden sie auch auf den Bänken tanzen. Für uns ist keine Bank mehr frei, wir haben für das zweite Kioskbier zu lange gebraucht. Aber auch für uns gilt: Wenn eine:r von uns ein Bingo hat, darf er/sie zur Bühne kommen und sich einen Preis abholen.

Oft muss man für den Gewinn vorher jedoch noch eine Challenge meistern. Zum Beispiel gegen jemand anderen im Roxanne-Saufen gewinnen. Das funktioniert folgendermaßen: Jedes Mal, wenn beim Song Roxanne (der von The Police, nicht der TikTok-Hit) der titelgebende Name fällt, muss ein Shot getrunken werden. Wer länger durchhält, bekommt den Preis.

Es dauert wirklich nicht lange, bis die Barcrew und der Mann, der sich um die Toiletten kümmert, die einzigen nüchternen Personen sind. Zwischen den Bingozahlen singt der Saal (vor allem der sehr motivierte und volle Tisch neben uns) das Titellied von Pokémon. Ich sag doch, alles andere als Seniorenbeschäftigung.

Schaut man auf das Durchschnittsalter, kommen wir der Sache im Theaterfoyer am Samstag da schon näher. Um fair zu bleiben, ein Stück über einen Gerichtsfall zieht selten massenweise Jugendliche an. Der Vibe ist aber trotzdem so exklusiv, dass wir, ehe wir uns an einen Tisch im Foyer setzen, lieber nochmal nachfragen, ob wir das auch wirklich dürfen. Bloß nicht negativ auffallen. Bevor wir auf unsere festen Sitzplätze gehen, trinke ich ein kleine Cola.

Taumeln oder ruhig Sitzen bleiben:

Am Freitag trinke ich Pfeffi. Bei einer Schnapszahl dürfen alle mit der richtigen Nummer nach vorne und sich ein Plastikpinnchen abholen. Auf dem Weg zurück verschütte ich es fast, aber dank gekonntem Ausweichen (manche nennen es auch Taumeln) schaffe ich den Weg zum Stehtisch und stoße jubelnd an. Es ist 22 Uhr oder so, keine Ahnung, ich gucke nicht mehr auf mein Handy.

Es ist 19:59 Uhr, ich schalte am Samstagabend mein Handy aus, weil irgendwer das mit dem Licht im Theatersaal auch macht. Der Vorhang fällt. Ich bewege mich innerhalb der nächsten fast zwei Stunden vielleicht dreimal, um die Sitzposition zu verändern. Ein Freund zwei Stühle weiter rechts erzählt nach dem Stück, er hätte sich bestimmt hundertmal anderes hinsetzen müssen, der Stuhl, die Wärme und so weiter.

Ich bekomme davon nichts mit, das Stück fesselt mich. Es braucht ein wenig, bis alle Charaktere eingeführt sind. Doch je länger das Stück läuft, desto spannender wird es. Die Kulisse ist toll, die Spezialeffekte ziehen einen in die Welt hinein und bei den Schauspieler:innen vergesse ich schnell, dass sie gerade schauspielern. 

Meine Freund:innen freuen sich, weil sie ein Zahl ankreuzen können. Oder weil gute Musik läuft.
Oder einfach so. Ich kann mich nicht mehr ganz erinnern. Foto: Tobias Pappert

Das Finale:

Zurück zum Freitag: Lars hat ein Bingo, ich flippe innerlich aus. Er steht etwas unbeholfen auf der Bühne, bis er erfährt, was seine Aufgabe ist. Flimmy und Bleibtreuboy wollen eine Handynummer, ein bisschen Gras und die Unterhose einer Frau aus dem Publikum. Ich flippe auch äußerlich komplett aus, würde ihm am liebsten direkt meine Boxershorts auf die Bühne werfen. Er hat bis zum Ende des Songs Zeit, sprintet umher, es ist einfach nur noch wild. Triumphierend kommt Lars mit einer Flasche des edelsten Korns zurück an den Stehtisch, er hat es kurz vor Songende geschafft. Ich bin richtig glücklich, stolz, etwas fertig mit den Nerven und dann ist plötzlich Ende.

Nicht weil ich einen Filmriss habe, sondern weil die Veranstaltung nur bis 23 Uhr geht. Für die Party danach haben wir keine Karten. Wir holen unsere Jacken von den Sesseln in der Ecke, wo wir sie versteckt haben um nicht für die Garderobe zu zahlen. Der Regionalexpress spuckt uns am Bochumer Hauptbahnhof auf den Bahnsteig. Es ist voll. Ein paar Stunden und Schlücke Bier später schließe ich das Leihfahrrad an der Fahrradstation an und laufe die letzten Meter nach Hause. Ich schlafe direkt ein.

Samstag: Das Theaterstück ist auf dem Höhepunkt. Ich bin von den epischen Reden im Gerichts- bzw. Theatersaal begeistert, denke mir: „Jetzt wird´s richtig spannend!”. Und dann ist es auch hier plötzlich zu Ende. Weil es das Stück so will.

Wir holen unsere Jacken aus der Garderobe, steigen in das Auto und diskutieren über das Theaterstück. Einige sind mit dem überraschenden Ende unzufrieden. Oder den Stühlen. Ich bin insgesamt ziemlich zufrieden.  “Danke, dass du mich noch nach Hause gefahren hast”, sage ich zu Lars und schließe vorsichtig die Autotür. Bevor ich ins Bett gehe, putze ich mir die Zähne.

Das Fazit: 

Heute ist Sonntag, ich schreibe diese Kolumne und frage mich: Was bleibt von den beiden Abenden hängen? 
Jedes Wochenende saufen bis zur Schamgrenze kann ich nicht. Das ist geil und macht auch verdammt viel Spaß, aber am Tag danach erst ab 14 Uhr handlungsfähig zu sein, weniger. 
Jedes Wochenende könnte ich mir aber auch Theater nicht geben. Dafür ist mir die Stimmung zu exklusiv, zu elitär. Und meine Aufmerksamkeitsspanne leider zu niedrig.
Von beidem, Hochkultur und Partykultur, immer mal wieder was, das ist großartig. Und wenn man, wie ich, das große Glück hat, Saufspiel und Schauspiel mit den gleichen Menschen zu erleben, ist es noch etwas großartiger.

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