Migration ist der Normalfall: Rezension zum Sammelband „Worauf wir uns beziehen können“

Sechs Jahre lang waren Johanna-Yasirra Kluhs und Fabian Saavedra-Lara das kuratorische Team vom Bündnis Interkultur Ruhr. Mit „Worauf wir uns beziehen können“ haben sie nun einen Sammelband herausgegeben, der tief in die kulturelle Vielfalt des Ruhrgebiets blicken lässt.

Das Ruhrgebiet als Metropolregion, die Geschichte der Gastarbeiter:innen, kulturelle Vielfalt – Stichwörter, die um das Ruhrgebiet kreisen und vermitteln sollen: Das Ruhrgebiet ist divers. Und in der Kunst? Da scheint es für manche Künstler:innen als würde Diversität nur eine Randerscheinung sein. BIPOC-Künstler:innen wie Miedya Mahmod oder Lisa Brück zum Beispiel werden das Gefühl nicht los, nur wegen einer Quote oder des entsprechenden thematischen Bezugs eingeladen zu werden – als Migrations-Quote.

STROBO:Inside – Interkultur Ruhr

Interkultur Ruhr ist ein Bündnis, das mit künstlerischen Kooperationen, als Netzwerk und mit einem Förderfonds die kulturelle Arbeit von migrantischen Initiativen unterstützt und sichtbarer macht. „Worauf wir uns beziehen können“ wurde von Johanna-Yasirra Kluhs, Fabian Saavedra-Lara, Aurora Rodonò und Nesrin Tanç rausgebracht.

Aus dieser Situation heraus initierte 2016 der Regionalverband Ruhr Interkultur Ruhr als Teil der Nachhaltigkeitsvereinbarung zur Europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010. Sechs Jahre später erscheint nun die Publikation „Worauf wir uns beziehen können.” „Wir haben in der Zeit mit mehr als 40 Initiativen zusammengearbeitet. Vieles davon wird flüchtig und ist kulturpolitisch schwer zu erklären. Uns war es wichtig, dass diese Projekte noch einmal eine ganz neue Präsenz bekommen und ihre Arbeit festgeschrieben wird“, erklärt Johanna-Yasirra Kluhs, langjährige Co-Kuratorin von Interkultur Ruhr. Das Buch solle Spotlights durch alle Genres und Ortsmarken setzen. Fabian Saavedra-Lara (ebenfalls Co-Kurator) ergänzt dazu: „In der Erinnerungskultur gibt es sehr große Lücken. Wir wollten ins Bewusstsein rufen, dass es sehr viel große, unerzählte Geschichten gibt, die aber das Ruhrgebiet in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bedeutsam definieren.“

“Worauf wir uns beziehen können” bedient sich dazu unterschiedlicher stilistischer Formen – Essays, Interviews, Diskussionen, Fotostrecken und Reportagen wechseln sich ab. Die Beiträge liefern Momentaufnahmen aus der kulturellen Arbeit migrantischer Initiativen, geben Einblicke in die Vergangenheit ihrer Protagonist:innen und formen eine Art Fundament der tatsächlich diversen Kulturarbeit in dieser Region.

Die kulturelle Heterogenität stellen die Herausgeber:innen mit drei verschiedenen Routen dar. Diese ziehen sich wie ein roter Faden durch „Worauf wir uns beziehen können“. In Route 1 spürt Nesrin Tanç vor allem künstlerische und kulturelle Praxen der Einwanderungsgesellschaft auf. Es sind reflektierte Erzählungen von der Historie, wie zum Beispiel von der ersten Rom:nja-Theaterkompanie in Europa und Mülheim an der Ruhr, der neuen Beschäftigung mit dem eigenen Aufwachsen, der Frage nach „wie“ und „wieso“ im Ruhrgebiet. Militadis Oulios geht dort zum Beispiel der Geschichte der griechischen Gastarbeiter:innen in Duisburg und dem gesamten Ruhrgebiet auf den Grund. Er beschreibt, wie gewisse Lokale zum Treffpunkt der Community geworden sind. Auch die Frage nach Identität wird immer wieder aufgeworfen – zum Beispiel durch den Wittener Rapper Lakmann, dessen Wurzeln in Griechenland liegen, diesen Teil seiner Identität aber in seinen Texten nie thematisiert hat.

In Route 2 nehmen Johanna-Yasirra Kluhs und Fabian Saavedra-Lara die Leser:innen in Form von Gesprächen mit in die Arbeit von Interkultur Ruhr. Dieser Teil ist aufregend und spannend, weil er den Alltag und die Projekte der migrantischen Initiativen vorstellt. Die Gespräche wecken Interesse und machen Lust auf mehr. Hier reflektiert zum Beispiel Zekai Fenerci, warum Menschen Kultur konsumieren und warum gerade HipHop Migrant:innen eine Grundlage der Identifikation bietet. Zekai Fenerci ist Gründer und künstlerischer Leiter von Pottporus e.V., einem Verein zur Förderung von HipHop-Kultur im Ruhrgebiet.

Route 3 verbindet Theorie und Praxis miteinander. Hier entwickelt sich „Worauf wir uns beziehen können“ zu Forderungen, Diskursen und Utopien für und über das interkulturelle Zusammenleben im Ruhrgebiet und Deutschland. „Auch die Kultur ist nicht unschuldig“, erklärt Aurora Rodonò: „Auch sie ist eingelassen in hegemoniale Machtverhältnisse.“ Dagegen entwirft das Buch drei Routen, die alle zu einem gegenteiligen Fazit kommen: „Migration ist der Normalfall.“

Geschichten wie die von Veye Tatah über die Dekonstruktion des Afrikabildes oder von Bengü Kocatürk-Schuster und Ceren Türkmen zur Geschichte der rassistischen Gewalt gehen unter die Haut. Sie fordern beim Lesen immer wieder Pausen zur Selbstreflexion. Zugleich befinden sich die Rezipient:innen in einem wissenschaftlichen Diskurs. Dieser verortet Begrifflichkeiten, spricht von kulturwissenschaftlichen Praxen und fordert mit Referenzen an die Kulturwissenschaft, die Anthropologie und die Philosophie einen neuen Umgang mit Interkultur. Dieser Diskurs fordert auch die Lesenden und ist wichtig für künstlerische Leitungen, Kurator:innen und Intendanzen, die nun einmal die Entscheidungsmacht besitzen.

Das Buch denkt – so die Selbstbeschreibung – „diasporische, migrantische, jüdische, muslimische oder queere Positionen zusammen.“ Das tut es tatsächlich. Und allein die Vielfalt, die es  vor- und darstellt, ist schon beeindruckend und bewundernswert. Nichtsdestotrotz fehlt eine Position oder junge Sichtweisen, die viel mehr am Alltag orientiert sind. Denn bei jungen Künstler:innen bedeutet Kultur ein ständiges Aushandeln zwischen Zeit, Geld und Unterstützung.

„Worauf wir uns beziehen können“ hat das Potential zu einem neuen Standardwerk des interkulturellen Zusammenlebens zu werden. Es bietet Denkanstoß, ist Nachschlagewerk und Rückversicherungshilfe in einem. Wer die Geschichte, ihre Beweggründe und die kulturelle Arbeit von Menschen im Ruhrgebiet besser verstehen möchte, die andere Hintergründe einbringen als die weiß-christliche Dominanzgesellschaft, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Es kann dazu beitragen, dass junge Künstler:innen wie Lisa Brück oder Miedya Mahmod endlich mehr das Gefühl haben, nicht wegen einer Quote, sondern wegen ihres Talents eingeladen zu werden.

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