Ruhrgebiet-Releases des Monats: November 2022

Diesen November haben viele Artists aus dem Ruhrgebiet Musik gedroppt. Dieses Mal dabei: Alternative-Pop von Kira Hummen, eine Bochum-Hymne von Loco Candy, Nu Metal und Post-Hardcore von Our Mirage und viele mehr. Hier lest alles zu den Veröffentlichungen – kuratiert von STROBO.

Musik aus dem Ruhrgebiet: Alben, EPs und Tapes aus dem November 2022

Lobby Boy (Dortmund): Autobahngold – 4.11.2022

„Autobahngold“ von Lobby Boy.

Das Dortmunder Neo-Bluesrock-Duo Lobby Boy hat diesen Monat mit „Autobahngold“ ihr Debütalbum rausgebracht, das mit „Zeig mir deine Lippen“ direkt mit voller Energie startet und bezüglich der Stimmung die Grundlage für die folgenden 11 Tracks legt. Denn „Autobahngold“ ist ein dynamisches und helles Alternative-Album, zu dem man tanzen möchte. Blues trifft auf Rock und verzerrte Gitarren sowie unbeschwerte, eingängige deutschsprachige Texte, die durch ihre Wiederholungen fast hypnotisch wirken, wie man es von David Bartelt und Menny Leusmann gewohnt ist.

Dabei schlägt die Band nicht nur laute Töne an, wie beispielsweise in „Blickdicht“, wo sie mit Davids Bruder, Christoph „Tiger“ Bartelt, zusammenarbeiten, dem Drummer der Berliner Rockband Kadavar. Gerade Songs wie „Goldzahnopa“, „Vielleicht“ und „Nichts verändert sich“ überzeugen mit ruhigeren, teils getrageneren Tönen. Dadurch ist „Autobahngold“ kein reines Party-Album, sondern eins, das man gut in verschiedenen Stimmungslagen hören kann. Lobby Boy treten am 29. Dezember im Subrosa in Dortmund auf.

Kira Hummen (Bochum/Düsseldorf): My Body is the only Place – 18. November

„My Body Is The Only Place“ von Kira Hummen.

Selbstbestimmung, Unsicherheit und Weiblichkeit sind Themen, denen sich die Sängerin Kira Hummen auf ihrem jüngst veröffentlichten Album „My Body Is The Only Place“ mit voller Wucht widmet. Dass dem so ist, verdeutlicht sie schon im Opener „First Of All“, der mit der Line „I must first of all say, I am woman“ beginnt. Kira Hummen nimmt ihre Weiblichkeit an, indem sie die gesellschaftlichen Probleme thematisiert, die aus eben dieser Weiblichkeit resultieren.

Das macht sie mit einem sanften, fast hypnotischem mehrstimmigen Gesang und mit Sprecheinlagen, die ihrer Lyrik genügend Raum geben. Denn Kira Hummens Texte klingen wie als Alternative-Pop und Neo-R’n’B vertonte Gedichte. Inspirieren ließ sie sich für „First Of All“ von Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“, das längst zum Standardwerk feministischer Literatur gehört. In „Hysteria“ geht es unter anderem darum, dass Frauen, die selbstbewusst wirken, oft als arrogant abgetan werden, wobei Hummen das Buch „Women Don’t Owe You Pretty“ von Florence Given zitiert und „Rub your clit as a private act of resistance“ singt.

„My Body Is The Only Place“, der Titeltrack des Albums, handelt indes von Belästigungen des eigenen Körpers, davon angestarrt zu werden, sich sicher fühlen zu wollen und nachts mit dem Schlüssel in der Hand nach Hause zu laufen. Denn auch all das bedeutet Weiblichkeit in unserer Gesellschaft. In Kira Hummens Album geht es aber um noch mehr als das, es geht darum, sich aus den auferlegten Fängen und Erwartungen zu lösen, um Zweifel, Niedergeschlagenheit, Zerbrechlichkeit. Songs wie „Warm Sound of Thick Strings“ schaffen es dabei, mit sphärischen Klängen die Hörer:innen in eine komplett andere Welt zu beamen. In eine Welt, in der zugehört werden soll und die Poesie von Kira Hummen wirken kann. Bald gibt es bei STROBO mehr von Kira Hummen; die Sängerin spielt ein Set bei der zweiten Staffel der STROBO:Sessions.

Our Mirage (Marl): Eclipse – 25.11.2022

Cover des Albums "Eclipse" von Our Mirage.
Das Album „Eclipse“ von Our Mirage aus Marl.

Die Marler Post-Hardcore-Band Our Mirage hat diesen Monat mit „Eclipse“ nach „Unseen Relations“ (2019) und „Lifeline“ (2018) ihr drittes Studioalbum veröffentlicht. In 45 Minuten und 12 Tracks thematisieren sie gefühlvoll Gefühle wie Einsamkeit, Zweifel, innere Leere, Verlassen-Werden und Loslassen, und verbinden gekonnt Elemente aus dem Post-Hardcore, Alternative und Nu-Metal miteinander. Letzterer wird bereits im Eröffnungstrack „Awakening“ deutlich, der dynamische Rap-Einlagen mit melodiösem Gesang und rauen Screams zusammenbringt.

Besonders die Einsamkeit und der Umgang mit sich selbst sind Themenkomplexe, die den roten Faden des Albums bilden – beispielsweise in „Learn to be alone“ oder auch explizit im Interlude „Myself“, auf das der Track „Calling You“ aufbaut. Gerade das Zusammenspiel der beiden Songs ist eines der Highlights des Albums. Schnell wird klar: Our Mirage thematisieren in ihrer Musik Probleme, mit denen sich viele Menschen identifizieren können und beleuchten alle Emotionen, die damit einhergehen. Dennoch endet „Eclipse“ mit einer positiven pop-punkigen Note in „Sommertown“.

Our Mirage gehen 2023 auf Deutschlandtour und werden dort unter anderem in Bochum haltmachen.

EVÎN (Bochum/Berlin): It Wasn’t Even For You – 25.11.2022

Cover von „It wasn’t even for you“ von EVÎN. Design: Elena Kasnatschejew.

Mit „It Wasn’t Even For You“ hat die mittlerweile in Berlin wohnende Sängerin EVÎN ihre zweite EP veröffentlicht. Mit ihrer sanften, souligen Stimme und entspanntem R’n’B widmet sie sich hier ihrer Vergangenheit, eigener Verletzlichkeit und persönlichem Wandel und verpackt die Themen mal in minimalistische Gitarrensounds und tranceartige Beats („Devotion“), mal in melancholische Keys („It Wasn’t Even For You“). „It Wasn’t Even For You“ erinnert an ruhige und nachdenkliche Morgen und Nachmittage und wirkt durch die Ruhe, die sich durch die Tracks zieht, wie eine Umarmung. Wer mehr von EVÎN hören und sehen möchte, kann ab dem 30. November bei YouTube ihre Performance bei der zweiten Staffel der STROBO:Sessions sehen.

Kid K (Dortmund): Vom Driften im Sonnenschein – 25.11.2022

Das Album „Vom Driften im Sonnenschein“ von Kid K aus Dortmund.

Ein weiteres Debütalbum kommt in diesem Monat vom Dortmunder Musiker Kid K. „Vom Driften im Sonnenschein“ ist, wie der Titel verrät, musikalisch zum Großteil ein leichtes und helles Album, das aber textlich auch aktuelle Krisen und Unsicherheiten thematisiert („Kaffee & Kuchen“, „Keine Kapriolen“) sowie falsche Gefühle und das Überspielen der echten („Sitcom“). Dadurch ist das Album nicht kopflos unbeschwert, sondern bettet alltägliche Struggles einfach in ein entspanntes musikalisches Gewand. Die unbeschwerte Atmosphäre von „Vom Driften im Sonnenschein“ spiegelt sich aber auch textlich in einigen Tracks wider, so beispielsweise in „Sorry For The Wait“ oder im Abschlusstrack „In Gänze“, in dem es um das Loslassen dieser ganzen Gefühle geht.

November 2022: Single-Releases aus dem Ruhrgebiet

Loco Candy (Bochum/Berlin): Bochumer – 4.11.2022

„Bis ich im Sarg bin, bin ich Bochumer“ – mit „Bochumer“ hat der mittlerweile in Berlin lebende Sänger und Rapper Julian Finke alias Loco Candy seiner Heimatstadt nach Herbert Grönemeyers „Bochum“ eine neue Hymne hinterlassen – samt Klischees über Ruhrgebietler:innen, die sich von niemandem etwas sagen lassen wollen, echt und geradeaus sind. Statt pathetischem Pop wie bei Grönemeyer, widmet sich Loco Candy, der Teil der Crew Boloboys ist, Bochum mit energiegeladenen Einflüssen aus Poppunk, Indie und Rap. Auch das Musikvideo ist Made in Bochum und zeigt in feinster Regional-Ästhetik das Ruhrstadion, Zechen und Trinkhallen.

MightyMacFluff (Hamm): Jetson – 4.11.2022

Lange Zeit war es um MightyMacFluff aus Hamm etwas stiller, im September vergangenen Jahres hat er sein Album „Stuck On Earth“ herausgebracht, „Jetson“ ist das erste Single-Release des Rappers in diesem Jahr. Dabei zeigt der Track die Elemente, die MightyMacFluffs Sound ausmachen, gut gebaute und treibende Beats mit Elementen aus Electro und Trap. Mit „Jetson“ sorgt MightyMacFluff für positive Party-Vibes und liefert einen Song, der live sicherlich genauso abliefert wie in der Studioversion. Auch MightyMacFluff ist einer der Artists bei der zweiten Staffel der STROBO:Sessions.

String (Bochum): Paralyzed – 4.11.2022

String aus Bochum hat mit „Paralyzed“ einen entspannten und vibigen Pop-Punk Song veröffentlicht, der den Sommer voll in den November holt. Es geht ums Verlassen werden, Orientierungslosigkeit und um den unbestimmten Schwebezustand, in dem man sich manchmal im Leben befindet. Trotz all dieser Gefühle versinkt „Paralyzed“ nicht in Melancholie oder Selbstmitleid, sondern besticht mit viel Power und einer musikalischen Unbeschwertheit.

Finn & Jonas (Dortmund): Piet – 4.11.2022

Bei „Piet“ vom Dortmunder Duo Finn & Jonas ist spätestens ab dem Refrain klar, dass es sich um einen Feelgood-Track handelt. Der Popsong handelt von Piet, einem selbstbezogenen, arroganten und respektlosen Typen – dem der Protagonist leider nicht aus dem Weg gehen kann, weil er in seine Schwester verliebt ist. Dieser Misere widmen sich die Zwillingsbrüder humorvoll und schaffen einen nachvollziehbaren Popsong, weil sicherlich jede:r schon einmal im Leben einem „Piet“ über den Weg gelaufen ist, den man nicht so leicht ignorieren konnte. Das STROBO-Porträt über Finn & Jonas lest ihr hier.

PATINA Records (Dortmund): Gott sei Dank – 11.11.2022

Die Dortmunder Rap-Crew PATINA Records hat mit „Gott sei Dank“ im November einen von zwei neuen Tracks veröffentlicht. In knapp über zwei Minuten sind auf dem Song alle Mitglieder zu hören, sie rappen energiegeladen über ihre Gruppendynamik, das Zusammengehören und reflektieren ihre eigene Vergangenheit. Produziert wurde der Song vom Produzenten-Duo Clockwork und Rapper Yako Ok. Zum STROBO-Porträt über Patina kommt ihr hier.

Timmy the Kid (Dortmund): Hochhaus – 11.11.20222

Der Dortmunder Timmy The Kid rappt in „Hochhaus“ über seine Kindheit und Jugend in der Großstadt, zwischen Hochhäusern, Nazis und Koks und der Hoffnung, irgendwann aus seiner Plattenbausiedlung in Dortmund-Scharnhorst rauszukommen. Diese Hoffnungen sind bei Timmy The Kid in Erfüllung gegangen. „Hochhaus“ ist authentisch, gibt persönliche Einblicke in die Vergangenheit des Rappers, dessen Heimat noch heute tief in ihm verwurzelt ist, und erzählt neben Problemen auch entspannt von Partys und vergangenen Tagen mit Freund:innen.

PATINA Records (Dortmund): 1,2 G’s – 18.11.2022

„1,2 G’s“ ist der zweite Song, der diesen Monat von PATINA Records kommt – dieses Mal von Katanna und Kareem. Der tranceartige Beat geht dabei Hand in Hand mit dem Titel des Tracks und zoomt einen aus dem Hier und Jetzt in eine andere Welt, während Katanna und Kareem ähnlich entspannt über ihren Erfolg rappen und Neidern aus der Vergangenheit zeigen, was sie können.

Strommasten (Dortmund): Spektakulär – 18.11.2022

Die Dortmunder Band Strommasten hat diesen Monat ihre neue Single „Spektakulär“ releast. Der Song ist ein tanzbarer Indie-Track ganz nach dem Motto: „Alles ist möglich, wenn auch nicht wahrscheinlich“. Dabei zählen die Musiker mit viel Ironie Dinge auf, die in der Regel nicht funktionieren und untermauern das Ganze mit 80s-Synthesizern und dynamischen Gitarrenriffs. Ihre EP „Immer negativ bleiben“ kommt am 2. Dezember raus.

Paulinko (Essen/Ratingen): Gift – 18.11.2022

Mit „Gift“ hat die Sängerin Paulinko diesen Monat eine gefühlvolle Ballade veröffentlicht, die aus ihren sonst knalligen Neue-Deutsche-Welle-Songs mit fröhlichen Synthesizern heraussticht. Denn „Gift“ handelt von Alkoholkonsum, von inneren Dämonen und innerer Leere. Passend dazu untermalen repetitive Drums und melancholische Keys die Schwere, die in Paulinkos Song steckt. Dabei lässt sich „Gift“ nicht nur als Ballade über Alkohol deuten, wie die Sängerin es angedacht hat, sondern auf jegliche Rauschmittel beziehen, die im ersten Moment betäuben, die wahren Probleme aber nicht verschwinden lassen.

Cloud Trips (Bochum): School Dance – 18.11.2022

Das Bochumer Duo Cloud Trips hat mit „School Dance“ im November einen funkigen und catchy Indietronic-Song veröffentlicht, den man während langen Nächten im Club hören möchte. Der Grund: mitreißende Synthesizer und intensive Drums, gepaart mit dem sanften aber dynamischen Gesang. Cloud Trips spielen am 2. Dezember ein Konzert im Bochumer Kulturrat.

Kostn & String (Hamm/Bochum): Innere Unruhe – 18.11.2022

Es braucht nur wenige Takte, damit „Innere Unruhe“ vom Hammer Produzenten und Sänger Kostn und dem Bochumer String einen fast hypnotisch in seinen Bann zieht. Auf sphärischen, entspannten Beats geht es um Orientierungs- und Ziellosigkeit, innere Zerrissenheit und das Bestreben sich zu bessern und zu seinen Gefühlen zu stehen, verpackt in einem authentisch-rauen Liebeslied. Diese Komponenten zusammenzubringen, gelingt den beiden und weckt das Verlangen nach mehr Musik dieser Art. Kostn war einer der Artists bei der ersten Staffel der STROBO:Sessions. Das Interview mit ihm lest ihr hier, seinen Auftritt könnt ihr im Video sehen.

Colt Seevaz & Yuto (Hagen/Dortmund): Sunset – 22.11.2022

Wieso „Sunset“ der Titel des aktuellen Instrumentals von Colt Seevaz aus Hagen und Yuto aus Dortmund ist, wird schon nach wenigen Sekunden klar. Denn der Ambient-Track liefert genau das Gefühl von Sonnenuntergängen im Sommer, von langen und warmen Nächten auf Dachterrassen und in Bars. Dabei ist „Sunset“ ein sommerlich-jazziges Stück mit entspannten und smoothen Oldschool-Vibes.

Kay Shanghai & Dagobert (Mülheim/Gstaad): Weihnachten Zu Zweit – 27.11.2022

Der einzige Weihnachtssong unserer Liste kommt von Kay Shanghai, Musiker und Betreiber des Hotel Shanghai in Essen, und dem Schweizer Sänger Dagobert. „Weihnachten Zu Zweit“ ist ein Weihnachtstrack, der mit traditionellen Bildern spielt und sie auf die Spitze treibt. Sei es „Liebe im Schnee“, der „zugefrorene See“ oder das zweisame Verspeisen einer Gans an Heiligabend. „Weihnachten Zu Zweit“ trieft schier vor Besinnlichkeit und Hüttenromantik, und bringt die Weihnachtszeit gerade deshalb perfekt auf den Punkt. Außerdem ist es Kay Shanghais Gesangs-Premiere nach dem Release seines Rap-Debüts „Haram“. Zum STROBO-Interview mit Kay Shanghai und Dagobert zum Track kommt ihr hier.

Philine Sonny (Unna): Same Light (acoustic) – 28.11.2022

Im Januar hat die Sängerin Philine Sonny aus Unna ihren Song „Same Light“ veröffentlicht – nun hat sie ihn in einer akustischen Version rausgebracht. Dadurch wirkt der Song noch viel emotionaler und verleiht Philine Sonnys zerbrechlichem Gesang noch mehr Raum als in der Originalversion. „Same Light (acoustic)“ passt perfekt zu den dunklen Tagen und emotionalen, nachdenklichen, aber auch gemütlichen Momenten im Leben. Dabei handelt der Song von Veränderung und Gefühlen, die man für sich behalten will. Zum STROBO-Porträt über Philine Sonny gelangt ihr hier. Die Sängerin geht im Dezember auf Tour und kommt zwar nicht ins Ruhrgebiet, am 17.12. aber nach Köln.

Bock auf mehr STROBO? Lest hier Ruhrgebiet-Releases des Monats: Oktober 2022

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